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Hypothetische Verbote : Eine Fiktion von Zensur

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Wäre das Schoßhundmassaker heute verboten? 1988 drehte Charles Crichton den Film „Ein Fisch namens Wanda“. Bild: ddp Images

Wir leben in einer Zeit kontrafaktischer Verbote. Was ist von dem Gemeinplatz zu halten, dieses oder jenes klassische Werk hätte heute nie und nimmer publiziert werden können?

          Wir leben, wie es scheint, in einer Zeit kontrafaktischer Verbote. Zumindest hört man gerade öfters, dass ein Werk – ein Buch, ein Film – heute wohl so nicht hätte veröffentlicht werden können, und zwar weil der Geist einer moralischen Zensur im Sinne der politischen Korrektheit umgeht. Zuletzt artikulierte der Sozialpsychologe und Publizist Harald Welzer in einem Kommentar für den Deutschlandfunk Sorgen um das gegenwärtige kulturelle Klima, „in dem jedes einzelne Werk primär nicht mehr auf seine künstlerische Qualität hin betrachtet wird, sondern auf die emotionale Verletzungs- und Irritationsmöglichkeit, die in ihm liegen könnten“.

          Als Beispiel für ein kanonisches Werk, das deswegen heute nicht mehr das Licht der Öffentlichkeit erblicken könnte, nennt Welzer allerdings nicht naheliegende Meisterwerke der Literaturgeschichte, wie „Don Quijote“ oder „Madame Bovary“, sondern die Filmkomödie „Ein Fisch namens Wanda“ und darin insbesondere die Stellen, in denen sich die Figuren über eine Figur lustig machen, die stottert. Dass Welzer diesen doch eher abgelegenen Fall wählt, zeigt, wie seltsam der Diskurs um die angebliche Zensur durch Identitätspolitik inzwischen geworden ist. Getrauert wird um einen Film, dessen Verhinderung nicht stattgefunden hat.

          Der im raunenden Konjunktiv vorgetragene Verweis darauf, dass dieses oder jenes Werk heute nicht mehr erscheinen könnte, hat die Funktion, eine kulturelle Tendenz der Gegenwart zum Problem zu machen. So wurde schon 2003 in der Kontroverse um das Verbot von Maxim Billers Roman „Esra“ geltend gemacht, dass sich die Einstellungen dazu, wie indiskret man im Interesse der Kunst sein dürfe, verändert hätten und dass vor diesem Hintergrund Werke wie Goethes „Werther“ oder Thomas Manns „Buddenbrooks“ aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht mehr in den Buchhandel gelangen könnten. Daniel Kehlmann behauptete, dass „einige der bedeutendsten Bücher, wären solche Maßstäbe angewendet worden, nicht hätten erscheinen dürfen“.

          Die Umkehrung der Erzählung vom Siegeszug

          Diese Angst um längst gedruckte Werke kehrt heute wieder als Angst vor einer Verschiebung der Bewertungskriterien von Kunst, einer Verschiebung weg von ästhetischen Fragen hin zu Fragen der Moral. Es handelt sich um eine eigentümliche Umkehr des geläufigen Siegeszugsnarrativs der Moderne, in dem sich die Kunst von Skandal zu Skandal immer mehr gegen einen kunstfeindlichen Staat durchzusetzen vermochte und so daran beteiligt war, die offene Gesellschaft durchzusetzen. Wenn man Werke auf eine schwarze Liste des heute hypothetisch Unpublizierbaren setzt, wird der goldenen Zeit einer permissiven Vergangenheit die tyrannische Gegenwart entgegengesetzt.

          In diesem Sinne äußerte sich Michael Haneke in der Wiener Tageszeitung „Kurier“. Der Filmregisseur ereiferte sich über den moralischen „Terror“ der Gegenwart, der dazu geführt habe, dass ein Film wie Nagisa Oshimas „Im Reich der Sinne“ „heute nicht mehr gedreht werden“ könnte. Dieses fiktive Verbot dient dann als Evidenz für einen „Feldzug gegen jede Form von Erotik“ und ein drohendes „neues Mittelalter“. Alternative Geschichtsschreibung, verbunden mit tatsächlichen historischen Reminiszenzen.

          Immer wieder Angst um „Lolita“

          Ein Text, der die Angst um das Werk, das heute nicht mehr erscheinen könnte, immer wieder hervorruft, ist Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“. In ihrer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 9. September 2018 abgedruckten Rede zur Eröffnung des Berliner Internationalen Literaturfestivals sagte die Schriftstellerin Eva Menasse, sie sei überzeugt davon, „dass die Freiheit der Kunst heute kleiner ist als noch vor wenigen Jahren“. Schuld sei die Empörungsmaschinerie des Internets. Es wäre in diesen Tagen „so gut wie undenkbar, dass Nabokovs ,Lolita‘ veröffentlicht werden könnte“ – eines der „großartigsten“ Kunstwerke, „obwohl und weil es um einen detailliert beschriebenen Kindesmissbrauch geht“.

          Ähnlich, mit zusätzlicher direkter Schuldzuweisung, ließ sich der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy in der Wiener Tageszeitung „Die Presse“ vernehmen: „Der radikalste Neofeminismus macht gerade den Klassikern den Prozess. Nabokov könnte heute nicht mehr ,Lolita‘ publizieren.“ Dieser Einwurf folgt seltsamerweise unvermittelt auf die Beschwerde, dass die Kontroverse um die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn einer „umgekehrten Klassenjustiz“ entsprungen seien. So wird der Roman unversehens zum Verteidigungstext des Politikers.

          Wie sehr die Sorge um Filme und Bücher vor allem ein Instrument der Kulturkritik bezeichnet, zeigt sich daran, wie stark sie die historische Wirklichkeit ihrer Publikationsgeschichte verleugnen muss. Denn der Ruhm der Werke, die man heute unbehelligt aus dem Amazon-Katalog beziehen kann, gründet ja gerade darauf, dass sie damals eigentlich nicht hätten erscheinen dürfen. „Im Reich der Sinne“ und „Lolita“ lösten beide bei ihrer Erstveröffentlichung ungeheure Skandale aus und hatten lange mit sehr handfesten staatlichen Zensurmaßnahmen zu kämpfen. Eine goldene Zeit, in der man glauben konnte, Kunst sei von moralischer Bewertung nicht betroffen, gibt es nicht. Diese Zeit ist ein politisches Konstrukt, Ausdruck einer kulturellen Paranoia, welche die realen Kämpfe um die Freiheit der Kunst vergessen muss, um fiktive Bedrohungsszenarien gegen einen als bedrohlich empfundenen Zeitgeist stellen zu können.

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