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Giorgio Agamben in Berlin : Der Gram der Pulcinellen

Er schreibt noch mit der Hand: Eine Berliner Ausstellung zeigte Fotos der Arbeitszimmer von Giorgio Agamben. Bild: Istituto Italiano di Cultura

Eine komische Politik als Unterbrechung der totalen Ungerechtigkeit: Giorgio Agamben hält eine Woche lang Vorträge in Berlin. Sie folgen einem Muster der gestischen Aktion.

          Ein unerwarteter Moment. Mitten im Vortrag hält Giorgio Agamben plötzlich inne und sagt: „Ich hoffe, dass allen hier im Raum klar ist: Alles politische Handeln ist unmöglich geworden.“ Die direkte Ansprache des Publikums ist ungewöhnlich bei diesem Philosophen; sonst bewegt er sich vom ersten grußlosen Augenblick seiner Ausführungen bis zu deren abruptem Ende ganz innerhalb des Gespinsts der Ideen, Namen und immer neuen überraschenden Effekten, so als ob dieser freundliche, bescheidene alte Herr selbst nur ein wesenloses Medium wäre und die Welt ringsum ein bloßer Schein, auf den es nicht ankommt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt aber tritt er aus der gelehrten Privatsprache heraus und macht deutlich, dass all die geduldigen philologischen Exegesen und kühnen Abstraktionen nicht nur in der Agamben-Welt Geltung haben sollen, sondern tatsächlich auch draußen, wo die Worte in ihrer alltäglichen Bedeutung verwendet werden. Politisches Handeln sei nicht mehr möglich, sagt er also und dann, noch umgangssprachlicher: Wir würden von Wirtschaftsmächten regiert.

          Die Agamben-Woche, die das Italienische Kulturinstitut kürzlich in Berlin veranstaltete, gab ausführlich Gelegenheit, einen sehr eigenen Denkstil aus der Nähe zu betrachten – nicht bloß um der denkerischen Resultate willen und um sich in die großen Scharen der Fans oder Feinde des Philosophen einzureihen. Sondern weil dieser Stil selbst schon etwas zu denken gibt: Agamben live ist eigentlich ein Paradox; seine Philosophie ist von vornherein darauf angelegt, sich allen Festlegungen, wie sie körperliche Präsenz und akademische Rituale für gewöhnlich fordern, zu entziehen.

          Eine Unmöglichkeit des Sagens

          Das Signal, dass es ihm ernst ist, sendete Agamben ausgerechnet in einem Vortrag über die Beziehung von Philosophie und Komödie aus. Am Beispiel des Pulcinella, der ebenso opportunistischen wie listigen, tölpelhaften wie gefräßigen Figur der italienischen Commedia dell’arte, definierte Agamben das Komische als eine Unmöglichkeit des Sagens, die in der Sprache ausgedrückt wird, und als eine Unmöglichkeit des Handelns, die sich in der Gebärde artikuliert.

          Diese ästhetische Beschreibung verband Agamben dann mit einer philosophischen und zeitdiagnostischen Behauptung, die in unterschiedlichem Gewand immer wieder während dieser Berliner Woche auftauchte: Alle Voraussetzungen einer Handlung – dass sie von einem Subjekt ausgeht, dass sie einen Zweck hat und dass sie einem Willen entspringt – seien heute nicht mehr gegeben. Könnte es dann aber, fragte er, statt der Politik der Handlung eine „Politik der Gebärde“ geben? Eine „komische Politik“?

          Was das als allgemeines Postulat bedeuten könnte, dazu sagte er nichts. Aber als man im Saal des Italienischen Kulturinstituts später den letzten neapolitanischen Guarattellaro, den Puppenspieler Bruno Leone, die Marionette des Pulcinella mit quäkender Stimme sogar seinem Henker ein Schnippchen schlagen sah, indem er ihm noch am Galgen die Schlinge um den Hals legt – da konnte man sich gut vorstellen, dass Agamben da vor allem eine Selbstbeschreibung vorgenommen hatte: dass er sich selbst als eine Art Pulcinella sieht, der den sinnlos gewordenen großen Worten eine lange Nase dreht, indem er sie mit verstellter Stimme ihren gewohnten Zusammenhängen entreißt.

          Ein Selbstporträt des Autors

          In einem Text über den „Autor als Geste“ hatte er einmal an der Commedia dell’arte gerühmt, dass deren Scherze „unaufhörlich die Geschichte durchbrechen, die auf der Bühne vor sich geht“. Woraus sich auch wieder ein Selbstporträt des Autors zu ergeben schien: „Wie Harlekin mit seinem lazzo schließt er sich immer wieder in das Offene ein, das er selbst geschaffen hat.“ Die Geste des Autors bleibe daher letztlich unergründlich, wenn sie „ironisch darauf pocht, dessen uneingestehbares Geheimnis zu besitzen“.

          In der Agamben-Ausstellung im Kulturinstitut, die entlang den Linien seines 2017 in Italien erschienenen Buchs „Autoritratto nello Studio“ konzipiert ist, bekennt er von „einigen der von mir am meisten geliebten Bücher“, dass sie „für mich wortwörtlich unlesbar sind“ und dass er sie „ekstatisch buchstabiere, ohne zu verstehen“. Will er auch selbst so gelesen werden? Jedenfalls wirkte er beim Pulcinella-Vortrag heiterer und gelöster als bei allen anderen Vorträgen.

          Jedesmal waren die Säle hoffnungslos überfüllt, gleich ob er im Senatssaal der Humboldt-Universität über die „Stimme“ sprach (der Ort, an dem der westliche Mensch den Übergang von Natur zur Kultur vollziehe, indem er ihr Buchstaben einverleibe), im Institut für Judaistik an der Freien Universität über Walter Benjamins Messianismus oder wieder im Kulturinstitut über sein eigenes Selbstverständnis („Für mich zählt der Augenblick“). Man konnte beobachten, dass sich irgendwann im letzten Drittel jedes Mal ein Umschlag vollzog. Hatte er sich zuvor mit äußerster philologischer Sorgfalt und Zurückhaltung ganz hinter die von ihm untersuchten Texte und Phänomene gestellt, unternahm er dann unvermittelt einen kühnen Sprung in die Abstraktion.

          Lange Zeit blieb er etwa bei der genauen Exegese von Benjamins „Theologisch-politischem Fragment“ und erläuterte, wie streng Benjamin die profanen und die messianischen Kategorien voneinander unterschieden hatte, um dann plötzlich abzuheben und zu behaupten, dass dies das Gegenteil der gegenwärtigen Vorstellung von politischer Aktion sei: Schon die Vorstellung, mit politischem Handeln nicht nur das Reich Gottes, sondern überhaupt irgend etwas „realisieren“ zu können, sei verfehlt. Als Option bleibe in Wirklichkeit nur die „Unterbrechung“.

          Komparse bei Pasolini

          Im wirklichen messianischen Reich, hatte er einmal in einem Aufsatz geschrieben, werde die Menschheit mit dem Recht (und wohl auch der Politik) nur noch spielen wie mit nutzlos gewordenen Dingen. Das stellt eine Verbindung zu seiner radikalen Rechts-Kritik in „Homo sacer“ her. Man hatte den Eindruck, als sehe Agamben das eigene Werk in dessen Offenheit schon als ein solches Spiel, als eine Art Vorgriff auf den messianischen Zustand im gegenwärtigen Augenblick.

          „Wer die Auferstehung nicht schon lebendig empfängt, wird bei seinem Tod nichts empfangen“, zitiert er in der Ausstellung aus dem gnostischen Philippus-Evangelium, das ihn schon früh beeindruckt habe. Zur Illustration sieht man ein Foto von Dreharbeiten mit Pasolini, als Agamben 1964 mit 22 Jahren in dem Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ ausgerechnet die Rolle des Apostels Philippus spielte.

          Andere autobiographische Fragmente in der Ausstellung legen die Vermutung nahe, dass diese so komische wie anarchische und mystische Eigenwelt auch ein persönlicher Schutzraum sein könnte. In Rom sah er als Kind einmal, wie aus einer Tür ein Mann mittleren Alters unter Stößen und Tritten hinausgeworfen wurde und dann immer wieder schluchzend wiederholte: Ich bin der Buchhalter Ghislanzoni.

          „Von diesem Moment an“, kommentiert er, „ist mir die Vorstellung von Ungerechtigkeit in Geist und Herz eingegangen und hat mich nicht mehr verlassen.“ Vielleicht ist die Intuition einer Ungerechtigkeit und Gewalt, die alles – nach Agambens Auffassung: sogar das Recht – durchdringt, der wichtigste Grund, weshalb es ihm mit seiner „komischen Politik“ so ernst ist.

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