https://www.faz.net/-in2-9j7s0

Donald Trumps Außenpolitik : Immer noch Hegemon

  • -Aktualisiert am

Wer gehorcht hier wem? Donald Trumps Rede vor amerikanischen Soldaten auf der Al-Asas-Luftwaffenbasis im Irak. Bild: AFP

Für den erzrealistischen Politikwissenschaftler Stephen Walt setzt Donald Trump nur die aggressive Außenpolitik seiner Vorgänger fort. Doch diese Strategie sei gescheitert. Walt vertritt ein Gegenkonzept.

          Weltpolitik mit guten Absichten? Am Center for International Security and Governance der Universität Bonn nutzte der Politikwissenschaftler Stephen Walt aus Harvard jetzt die Gelegenheit zu einem intellektuellen Rundumschlag. In einem Vortrag, der sich an seinem neuesten Buch „The Hell of Good Intentions“ orientierte, machte er die vergangenen drei Jahrzehnte der amerikanischen Außenpolitik zum Gegenstand der Kritik.

          Walt, einer der prominentesten Vertreter der „realistischen“ Schule seines Faches, zeichnete ein Bild ungewollter außenpolitischer Aggressivität, die sich von der Amtszeit Bill Clintons bis zur ersten Hälfte der Präsidentschaft von Donald Trump fortgesetzt habe. Ungeachtet dessen, ob ein Demokrat oder Republikaner im Weißen Haus sitzt, bestehe die „Grand Strategy“ der Vereinigten Staaten seit den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts darin, „amerikanische Werte“ wie die Herrschaft des Rechts und das Modell liberaler Demokratie mitsamt freier Marktwirtschaft in alle Weltgegenden zu exportieren – zur Not auch mit Waffengewalt. Die Militäreinsätze in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien geben Zeugnis davon ab.

          „The blob“, wie Walt unübersetzbar die Melange der Akteure, amerikanischer Industrieller, Beamter, Militärs und Akademiker, nennt, ist eine wichtige Größe in der Analyse des Politikwissenschaftlers. Denn allen Bedenken der Bevölkerung zum Trotz halte das außenpolitische Establishment seit drei Jahrzehnten an dem Ziel fest, „liberale Hegemonie“ in globalen Maßstäben zu etablieren. Für Walt ist diese Strategie gescheitert: „Wir erleben den Aufstieg Chinas zum internationalen Rivalen, die Zahl demokratischer Systeme geht weltweit zurück, drei Staaten haben sich nuklear bewaffnet, und unsere Beziehungen zu Moskau sind schlechter denn je.“ Moralische Ansprüche, die mit Waffengewalt erhoben werden, schaffen im internationalen Feld mehr Gegner als Verbündete, so die vorgeführte Dialektik.

          Nur ein Stilwechsel

          Auch Trumps Außenpolitik, die sich bislang jeder Beschreibung durch politikwissenschaftliche Termini entzieht, ordnet Walt in den „außenpolitischen Konsens der Eliten“ ein. Die Parole „America First“, mit der Trump im Wahlkampf auch das Versprechen verband, der offensiven Einmischung in andere Länder ein Ende zu bereiten, stehe nur für einen „Stilwechsel“, während die Politik bezüglich Afghanistan oder Syrien „substantiell die gleiche“ geblieben sei.

          Stephen Walt will aber nicht nur analysieren, sondern versteht sich in bester Tradition seiner wissenschaftlichen Schule, auch als Berater der Macht. Den „Realismus“ legt er „defensiv“ aus. An die Stelle „liberaler Hegemonie“ soll die Strategie des „Offshore Balancing“ treten, eine Art Gleichgewichtspolitik für Regionen, in denen aufstrebende Nationen mit überzogenen Herrschaftsansprüchen für Unruhe sorgen. Militäreinsätze will Walt auf ein Minimum reduzieren, um dafür „gesunde Beziehungen“ zu „allen relevanten Staaten im Nahen und Mittleren Osten“ zu unterhalten. Als Kritiker der Sonderbeziehung der Vereinigten Staaten zu Israel ist Walt auch in Deutschland bekannt geworden. Für Europa würde die Umsetzung seiner Strategie bedeuten, dass die Vereinigten Staaten ihre Truppenzahl auf dem Kontinent deutlich verringern und auf die Eigenständigkeit der Europäischen Union hoffen.

          Der beratende Anspruch des Vortrags stieß im Publikum auf Gegenliebe. In den Sitzreihen waren Bundeswehruniformen zu sehen, Studenten und Forscher der „Internationalen Beziehungen“ fragten den Gast nach Handlungsvorschlägen bezüglich China, Russland und Iran. Dem Selbstwiderspruch, fremden Nationen Ratschläge darin zu erteilen, wie sie sich außenpolitisch zu verhalten haben, versuchte Walt zu widerstehen. Wohin es führen kann, wenn Politikwissenschaftler zu sehr auf die Annahmen ihres Paradigmas vertrauen, hatte er 2010 erfahren müssen, als er die amerikanischen Beziehungen zu Gaddafi als „Erfolgsgeschichte“ lobte, weil der Verzicht auf die Forderung nach einem demokratischen Regimewechsel das Land auf einen stabilen Reformweg geführt habe. Ein Jahr später brach die libysche Revolution aus.

          Ob Walts neueste Vorschläge auch in Washington gehört werden? Er selbst bescheinigt seinen Ideen geringe Erfolgsaussichten. Zwar werde die Kritik am außenpolitischen Establishment immer lauter – heute wird sie auch vom Präsidenten höchstpersönlich verbreitet. Reagiert habe das Establishment darauf aber mit umso schärferer Abschottung. So muss der Bestsellerautor, darin untypisch für einen staatsfixierten „Realisten“, auf die kritischen Einwände der amerikanischen Zivilgesellschaft hoffen.

          Weitere Themen

          Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein? Video-Seite öffnen

          Tonangeber Folge 2 : Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein?

          In „No Roots“ sang Alice Merton von ihrer Heimatlosigkeit – und wurde weltbekannt. Wir haben sie in ihrer Geburtsstadt Frankfurt getroffen und über die Sehnsucht nach Wurzeln gesprochen.

          Topmeldungen

          Steinbach und der Fall Lübcke : „Du trägst Mitschuld an seinem Tod“

          Nach dem Mord an Walter Lübcke hat der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber seinen Vorwurf gegenüber seiner früheren Parteifreundin Erika Steinbach wiederholt. Steinbach sieht darin eine Diffamierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.