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Frankfurt feiert Habermas : Gewissen und Gedächtnis der Bundesrepublik

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Jürgen Habermas im Diskurs mit Matthias Lutz-Bachmann, Thomas A. McCarthy, Martin Seel und Rainer Forst Bild: Miloš Vec

Das Klassentreffen: Die Universität Frankfurt begeht den neunzigsten Geburtstag von Jürgen Habermas mit einem Vortrag des Jubilars und einer Konferenz seiner Schüler.

          Am Ende meinte auch Frau Habermas, die Veranstaltung habe etwas von einem Klassentreffen gehabt. Zuvor hatten an zwei dichten Tagen Freunde, Schüler und Kollegen des Weltphilosophen Werkkritik und Exegese betrieben: eine Meisterklasse gewissermaßen. Denn Jürgen Habermas hat in den vergangenen Jahren an einem bald erscheinenden, 1700 Seiten starken Buch zur europäischen Geistesgeschichte gearbeitet, das seine Schatten vorauswarf. Nun, zum neunzigsten Geburtstag, rief die Frankfurter Universität die große Öffentlichkeit zu einem Vortrag und einen kleinen Kreis von Kollegen zu einer daran anschließenden Konferenz. In beiden Veranstaltungen konnte man vieles Wichtige und sogar manches Überraschende erfahren.

          Zeremonieller Höhepunkt war der Vortrag im Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend. Tausende von Interessenten bildeten eine Schlange quer über den Platz, um auf fünf weitere Hörsäle verteilt zu werden, wo Simultanübertragungen stattfanden. Sie alle hatten sich vom strengen Titel „Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit“ nicht abschrecken lassen. In seinen Redepausen konnte Habermas übrigens Habermas dunkel durch die Wand reden hören, die Zeitverzögerung machte es möglich.

          Von der Bürde der Projektionen, die Habermas am Pult gespürt haben mag, entlastete ihn bald ein Zwischenfall. Es war kaum ein Drittel absolviert, da unterbrach ein Feueralarm den Vortrag. Alle 3000 Festgäste mussten das Gebäude verlassen. Unerwartet war für alle bei der Rückkehr, wie sehr die Zwangspause die Stimmung gelockert hatte. War Habermas schon vorher in gelehrter Weise selbstironisch gewesen, so schien ihn die performative Einbettung der Philosophie in die realen Bedingungen der Gesellschaft in Gestalt eines Fehlalarms geradezu zum Humor anzustacheln – er improvisierte Randnotizen zu zusätzlicher Publizität und der Funktion von Youtubern.

          Der Intellektuelle spricht nur fünf Minuten

          Tatsächlich hatte man den Abend über den Eindruck, dass Jürgen Habermas sich durch Themenwahl und Duktus einer rein rituellen Würdigung entzog. Er bot eine philosophische Fingerübung, die politisierte Erwartungen an seine Person als den sprichwörtlichen öffentlichen Intellektuellen zunächst unterlief. Selbstironisch kündigte er es an: „Heute Abend spreche ich in der Rolle des nachdenklichen Wissenschaftlers, der Intellektuelle kommt erst am Ende in fünf Minuten.“ Habermas stellte das Verhältnis von Moral und Sittlichkeit bei seinen Klassikern Kant, Hegel und Marx dar, um sie in einem zweiten Schritt wechselseitig miteinander zu kritisieren: Die Ideologiekritik von Marx wurde gegen Hegels zum Staate geronnene Sittlichkeit gewendet, welche wiederum Kants individueller Moralität entgegengehalten wurde.

          Für den Jubilar liegt in der kantischen Moralität der Schlüssel für gelingende staatliche Reformen: „In diesem Sinne hätte Kant Hegel gegenüber – nachdem er viel von ihm gelernt hat – recht behalten.“ Daraus leitete Habermas eine Drei-Elemente-Lehre ab, in der staatliche Krisenvermeidung durch eine moralisch gehaltvolle Verfassung, sozialer Zusammenhalt sowie die Gewährleistung von politischer und persönlicher Autonomie wichtige Funktionen erfüllen, zugleich aber „auf die Solidarität der Bürger angewiesen“ sind. An dieser Stelle begann ein sich rapide beschleunigender Gegenwartsbezug, der mit jedem Satz das Publikum stärker aufhorchen ließ.

          Denn Habermas konzedierte, dass seine klassischen Autoren noch keinen Sinn für die Unterschiede zwischen kulturellen Lebensformen und subkulturellen Milieus gehabt hätten. Gleichwohl verlange die Gemeinwohlerwartung einen „befriedigenden Grad an sozialer Integration“. Konkret müsse, „wo der gemeinsame kulturelle Hintergrund fehlt“, die Gleichstellung der Staatsbürger durch die Erzeugung „eines entsprechend erweiterten politisch-kulturellen Selbstverständnisses, das alle teilen können“, erlangt werden.

          Ein autobiographishes Postscriptum

          Damit war Habermas explizit angelangt beim Rechtspopulismus der Gegenwart, der Globalisierung und dem schwindenden Handlungsvermögen des Nationalstaats. Er geißelte erst „wirtschaftsnationalen Egoismus“, dann das „bornierte Bewusstsein nationalstaatlicher Kulturen“ und forderte stattdessen, nationale Öffentlichkeiten füreinander zu öffnen.

          Schon diese Formeln hatten großen Wiedererkennungswert und trafen auf zustimmungswillige politische Gemüter. Erst recht öffnete Habermas aber die Herzen seiner Zuhörer im Hörsaal, als er ein außerprotokollarisches, autobiographisches Postscriptum anfügte. Er blickte zurück auf sein Wirken an verschiedenen Standorten, besonders aber in Adornos Frankfurt.

          Hier sprach Habermas nicht nur als politisches Gewissen, sondern auch als Gedächtnis der gesamten zweiten deutschen Republik. Am interessantesten war vielleicht die kritische Zeitgenossenschaft gegenüber den fünfziger Jahren. Die Forscher des Instituts für Sozialforschung fühlten sich ihm zufolge „wie in einer belagerten Festung“, denn nicht nur Adorno, auch die Bundesrepublik sei erst langsam zu dem geworden, als was sie uns heute gelte.

          Noch nachdenklicher im kleinen Kreis

          Pikanterweise habe der Elitismus bei der Demokratisierung der Bundesrepublik geholfen, bekundete Habermas später nachdenklich in kleinerem Kreis, denn die Kluft zwischen dem offiziellen politischen Spektrum und dem „unreformierten mentalen Populismus“, den man in allen Kneipen belauschen konnte, sei in den fünfziger Jahren groß gewesen. Dass er Wendepunkte in den sechziger Jahren mitgestaltet hatte, kam bei ihm mit selbstbewusster Koketterie zur Sprache: „Wir fühlten uns im Mittelpunkt des Geschehens – und waren wir es nicht?“

          Dass Habermas an der „organisierten Forschung“ – gemeint war das Intermezzo am Max-Planck-Institut in Starnberg – keinen Geschmack gefunden hatte, interessierte das Frankfurter Publikum an jenem Abend weitaus weniger als das darauffolgende kraftvolle obiter dictum, eine Hochschule sei mehr als eine „vom Wissenschaftsrat evaluierte Institution“. Das richtete sich gegen die überraschende Nichtverlängerung des Frankfurter Exzellenzclusters Normative Ordnungen und löste stürmischen Jubelprotest im Saal aus. Immer noch ist aber ungewiss, ob Universität und Land sich dazu entschließen, die Wunde zu schließen.

          Noch aber prangt der silberne Schriftzug auf dem Gebäude in der Max-Horkheimer-Straße 1, wo die Konferenz stattfand: „The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy“. Beim Gruppenfoto gab Rainer Forst dem Fotografen die Anweisung, den Schriftzug, „solange er dort noch steht“, mit ins Bild zu rücken.

          Vorablektüre des großen Spätwerks

          Das internationale Klassentreffen der Frankfurter Schule geriet weit weniger einträchtig, harmonisch und nostalgisch, als man es angesichts der persönlichen Vernetzungen und gemeinsamen methodischen Prämissen hätte vermuten dürfen. Stattdessen erlebte man Lust am Disput, Einigkeit im Streit, besonders aber die geistige Agilität des Jubilars. In vier Runden sprachen Freunde, Schüler und Kollegen über Motive des Werks. Manche Bezüge adressierten Passagen des im Druck befindlichen Werkes „Auch eine Geschichte der Philosophie“, welches die Referenten schon vorab hatten studieren dürfen. Der Moderator Martin Seel scherzte, wie bei „Finnegans Wake“ von James Joyce bedürfe es eines Komitees, um das Buch zu lesen.

          Claus Offe (Berlin) bestach durch einen systematisierenden Versuch, Populismus politikwissenschaftlich zu analysieren, und erntete Widerspruch für eine Definition, die allen linken Populismus definitorisch negierte. Der Mitveranstalter Klaus Günther fragte unter dem Titel „Rule of Law and Rule by Law“ scharfsinnig nach der ambivalenten Rolle des Rechts im neuen Autoritarismus. Oskar Negt, vom Alter gebeugt, bewegte durch einen persönlichen Prolog über die Anfänge seiner Assistentenzeit bei Habermas.

          Seyla Benhabib (Yale) bezog sich augenzwinkernd auf (nur) zwei Seiten im neuen Manuskript, knüpfte an das Projekt einer linken Souveränität an und forderte, man müsse gewissermaßen mit dem mittleren Habermas „zu einer guten alten Kapitalismuskritik zurückkehren“. Nicht nur Martin Saar fragte, ob der Habermas’sche Anthropozentrismus noch geeignet sei, die ökologische Frage zu beantworten. Hauke Brunkhorst bezauberte die Zuhörer mit seiner popkulturellen Analyse der Finanzkrise von 2008, die schwungvoll, originell und mit rhetorischer Wucht komponiert war.

          Zu viel Thomas von Aquin

          Maeve Cooke (Dublin) prangerte ein „Komplizentum mit dem Desaster“ an und deutete auf die Verbindung von Kapitalismus und Technologie. Da saß der Jubilar passenderweise schon nicht mehr an der Kopfseite des langen Tisches, weil dort die Mikrofone ausgefallen waren, sondern am Rand, über ihm ein Verbotsschild für Handys. Pauline Kleingeld (Groningen) lud Habermas ein, „seinen“ Kant anders zu sehen. Matthias Lutz-Bachmann traktierte ein Kapitel über mittelalterliche Philosophie und wurde mit vergiftetem Lob dafür bedacht, dass er „zu viel“ aus Thomas von Aquin mache: Dass Lutz-Bachmann, so Habermas, sehr viel kompetenter als er selbst in diesen Fragen sei, impliziere keineswegs, dass er auch recht habe.

          Besonders kontrovers zog sich die Frage nach der Rolle von Religion im „nachmetaphysischen Zeitalter“ durch die beiden Tage. Nicht hier jedoch, sondern bei demokratiepolitischen Themen erlebte man Habermas besonders leidenschaftlich: „Ich werde nervös, wenn Aussagen meinem Werk zugerechnet werden.“ Und wenn man nicht dabei gewesen wäre, würde man kaum glauben, dass der Neunzigjährige bisweilen mit der flachen Hand auf den Tisch schlug, um seinen Formulierungen Nachdruck zu verleihen. Umso mehr fiel auf, dass niemand (außer seiner Frau: „Sprich lauter, Jürgen!“) ihn in den zweieinhalb Tagen duzte.

          Viele Sätze aus der jüngeren und älteren Vergangenheit des Philosophen wurden zitiert und hermeneutisch gewendet. Nur über einige scheinbar beiläufige Worte legte sich lautes Schweigen, sei es aus Unglauben oder aus Furcht, die Autorität einer gemeinsamen Vaterfigur zu verlieren. Denn Habermas hatte im Festvortrag seine Selbstbeschreibung mit der Wendung geschlossen, er habe eine „autobiographische Bemerkung“ gemacht, „um genau ein Vierteljahrhundert nach der Emeritierung endgültig Abschied zu nehmen“. Da mischte sich in die Festtagsstimmung eine lange verdrängte Wehmut, dass mit jener Vorlesung auch eine Epoche zu Ende geht.

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