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Noten sind gemaltes Maßwerk: Margaret Bent vor ihrem Porträt von Emma Wesley aus dem Jahr 2008 Bild: Mathias Brösicke

Margaret Bent : Was man nicht kennt, kann man nicht zu den Akten legen

  • -Aktualisiert am

Ein neuer Preis für die Arbeit mit alten Noten: Die Oxforder Musikwissenschaftlerin Margaret Bent, Pionierin und Kritikerin digitaler Quellentranskriptionen, wird von der Weltgemeinschaft ihrer Fachgenossen geehrt.

          Es mag nicht charmant klingen, sie als „Iron Lady“ der englischen Musikwissenschaft zu bezeichnen. Doch Margaret Bents Festhalten an ihren Forschungsmaximen ist eisern. In deren Zentrum steht seit sechzig Jahren die spätmittelalterliche Musikquelle: schwer entzifferbar, mehrsprachig und oft unvollständig. Dazu kommen die Probleme der historischen Distanz, der unsicheren Authentizität, der unbekannten Aufführungspraxis der Zeit.

          Ganz zu schweigen von aktuellen forschungspolitischen Trends: Kompetenzen in Paläographie und Philologie werden im Zeitalter kulturwissenschaftlicher Fragestellungen immer weniger geschätzt. Man braucht daher zum eisernen Rückgrat wohl auch ein romantisches Gemüt, um diese unlösbare Spannung aus Distanz und Nähe zum eigenen Gegenstand auszuhalten.

          Geboren 1940, hat Margaret Bent eine beeindruckende Karriere gemacht. Sie entschied sich noch während des Studiums am Girton College in Cambridge, mit dem Old-Hall-Manuskript eine der komplexesten Musikquellen des englischen Spätmittelalters zu entschlüsseln. 1975 folgte sie dem Ruf an die Brandeis-Universität in Massachusetts als eine der jüngsten musikwissenschaftlichen Professorinnen weltweit. 1981 wurde sie Nachfolgerin von Lewis Lockwood auf dem Lehrstuhl in Princeton, drei Jahre später übernahm sie als erste Frau die Präsidentschaft der American Musicological Society. 1992 ging sie nach England zurück, ans All Souls College in Oxford, dessen Fellows sich ausschließlich der Forschung widmen dürfen.

          Mehrstimmiges Singen aus originaler Notation

          Margaret Bent hat in Oxford trotzdem unterrichtet und setzt den Unterricht dort über ihre Emeritierung hinaus fort, darunter auch ihre legendären Faksimile-Kurse: mehrstimmiges Singen aus originaler Notation mit lateinischen, altfranzösischen, italienischen oder auch katalanischen Texten. Ein Buch zu spätmittelalterlichen Motetten ist in Vorbereitung. Zur Entspannung spielt sie Mahler-Sinfonien am Klavier.

          Die Quelle ist für Margaret Bent mehr als nur ein Gefäß von Musik, die man in moderne Editionen gießt, um aus diesen zu singen. Sie selbst ist der Urtext, wie eine Muttersprache, der wir sehr nahekommen, die wir aber nie ganz erlernen können. In ihrer polyphonen Realität liegen alle Schlüssel zur Zeitgeschichte verborgen, denn man lernt aus ihr ebenso viel über die Gesangspraxis und den Werkbegriff wie über die Bildsprache oder die Schreiber von Musik. Bent spricht in einem Grundsatzaufsatz von 1994 entsprechend vom „Dilemma of Translation“. Die moderne Edition könne die Vielfalt der Sinnangebote einer Quelle des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts gar nicht abbilden.

          Das beginnt schon bei der Unterlegung des zu singenden Textes, der in keiner Quelle eindeutig sei. Mittelalterliche Sänger entschieden während des Singens darüber, ebenso variierten sie Details im Stimmverlauf oder passten die Tonlage des Stückes nach Bedarf an. Eine Fixierung in moderner Edition ist damit eine Verarmung des tatsächlichen musikalischen Spektrums. Auch konnten Musikstücke, die alte Kanonzeichen enthielten, mit oder ohne die zusätzliche Stimme gesungen werden, ohne dass die eine Version „originaler“ wäre als die andere; eine Edition müsse sich dagegen stets für eine Lesart entscheiden.

          Jedem sein eigenes Mittelalter?

          Dem Kollegen Christopher Page, der in den neunziger Jahren dem Dilemma der Distanz zum Mittelalter mit der Dekonstruktion von Narrativen sowie einem praxisnahen, quasiimprovisatorischen Ansatz beikommen wollte – es solle doch jeder sein eigenes Mittelalter schreiben oder singen –, hielt Margaret Bent das entwaffnende Argument der viel zu großen Lücken in der Quellenerforschung entgegen. Was man nicht kennt, kann man nicht ad acta legen.

          Ähnlich souverän zerlegte sie 2008 das einflussreiche Narrativ, die isorhythmische Motette sei eine Gattung, und verglich deren emphatisch übersteuerte Konstruktion in der deutschen Musikwissenschaft mit jener der Dinosaurier-Geschichte: Sie entstanden, wurden zu groß und starben dann eben aus. Bent dagegen plädierte für eine quellengestützte Benennung der gesamten kompositorischen Parameter von Melodie und Rhythmus mit zeitgenössischen Begriffen.

          Mit ihrer zweibändigen Studie über Bologna Q15 – eine kolossale Handschrift des frühen fünfzehnten Jahrhunderts mit 329 Kompositionen – legte Bent 2009 ihr Opus magnum vor: Neben dem kodikologischen Meisterstück der Entschlüsselung bis zum letzten Kratzer auf dem Umschlag bietet es eine Tiefenreflexion über Originalität und Authentizität. Gleichzeitig leistete sich die Autorin auch etwas Entspannung. Man könne den Schreiber der Handschrift – trotz ungezählter Versuche – einfach nicht ermitteln. Nun denn: „nameless he may be“.

          Vorsicht mit der digitalen Karte

          Die digitale Trendwende des Faches hat Margaret Bent nicht nur von Beginn an beobachtet, sondern als Initiatorin von Projekten wie dem Thesaurus Musicarum Latinarum, einem Online-Verzeichnis lateinischer Musiktraktate, oder dem Digital Image Archive of Medieval Music aktiv mitgestaltet. Als kundige Forschungsreisende weiß sie, dass bei weitem nicht alle relevanten Materialien digital vorliegen: Ganz im Gegenteil ist die überwiegende Zahl der kleinen Kirchen-, Kapell- und Klosterarchive Europas noch nicht einmal erschlossen. Die digitale Weltkarte mittelalterlicher Quellen ist bislang allenfalls einer mittelalterlichen Weltkarte vergleichbar: Wer sich auf sie verlässt, wird nur einen Teil der existierenden Musikwelt bereisen oder sich hoffnungslos verirren.

          Dass Studierende heute oft das Digitale als Faktum hinnehmen und das Zustandekommen dieser Fakten und der zugrundeliegenden Argumentationen nicht mehr in Frage stellen, empfindet Bent als Problem und zugleich als Herausforderung für die Lehre. Noch sei die Komplexität der Quellen digital nicht abbildbar, die Entwicklung jener digitalen Werkzeuge, welche die Variabilität und Klanglichkeit sowie die intellektuellen Dimensionen einer Quelle als Urtext abbilden können, stecke noch in den Kinderschuhen.

          Vielleicht bot die Quelle für Margaret Bent eine Art Schutzraum, in dem dank Fleiß und Hartnäckigkeit eine weibliche Karriere in der Musikwissenschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt möglich wurde. Nach ihrem Einzug in All Souls wurde sie gefragt, wie sie als Frau die dortigen mittelalterlichen Sitten aushalten könne. Immerhin kam es in den neunziger Jahren noch vor, dass ältere männliche Kollegen das Dessert aus Protest stehenließen, nur weil eine Frau am Umtrunk nach dem Abendessen teilnahm. Sie antwortete: mit Fleiß, Ruhe und der Überzeugung, dass man nur von innen heraus etwas ändern kann. Im Juli wird Margaret Bent in Luzern gemeinsam mit Lewis Lockwood den Guido-Adler-Preis entgegennehmen: eine von der International Musicological Society neu geschaffene Auszeichnung, konzipiert als die höchste internationale Ehrung im Fach Musikwissenschaft, benannt nach dessen Gründer.

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