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Margaret Bent : Was man nicht kennt, kann man nicht zu den Akten legen

  • -Aktualisiert am

Jedem sein eigenes Mittelalter?

Dem Kollegen Christopher Page, der in den neunziger Jahren dem Dilemma der Distanz zum Mittelalter mit der Dekonstruktion von Narrativen sowie einem praxisnahen, quasiimprovisatorischen Ansatz beikommen wollte – es solle doch jeder sein eigenes Mittelalter schreiben oder singen –, hielt Margaret Bent das entwaffnende Argument der viel zu großen Lücken in der Quellenerforschung entgegen. Was man nicht kennt, kann man nicht ad acta legen.

Ähnlich souverän zerlegte sie 2008 das einflussreiche Narrativ, die isorhythmische Motette sei eine Gattung, und verglich deren emphatisch übersteuerte Konstruktion in der deutschen Musikwissenschaft mit jener der Dinosaurier-Geschichte: Sie entstanden, wurden zu groß und starben dann eben aus. Bent dagegen plädierte für eine quellengestützte Benennung der gesamten kompositorischen Parameter von Melodie und Rhythmus mit zeitgenössischen Begriffen.

Mit ihrer zweibändigen Studie über Bologna Q15 – eine kolossale Handschrift des frühen fünfzehnten Jahrhunderts mit 329 Kompositionen – legte Bent 2009 ihr Opus magnum vor: Neben dem kodikologischen Meisterstück der Entschlüsselung bis zum letzten Kratzer auf dem Umschlag bietet es eine Tiefenreflexion über Originalität und Authentizität. Gleichzeitig leistete sich die Autorin auch etwas Entspannung. Man könne den Schreiber der Handschrift – trotz ungezählter Versuche – einfach nicht ermitteln. Nun denn: „nameless he may be“.

Vorsicht mit der digitalen Karte

Die digitale Trendwende des Faches hat Margaret Bent nicht nur von Beginn an beobachtet, sondern als Initiatorin von Projekten wie dem Thesaurus Musicarum Latinarum, einem Online-Verzeichnis lateinischer Musiktraktate, oder dem Digital Image Archive of Medieval Music aktiv mitgestaltet. Als kundige Forschungsreisende weiß sie, dass bei weitem nicht alle relevanten Materialien digital vorliegen: Ganz im Gegenteil ist die überwiegende Zahl der kleinen Kirchen-, Kapell- und Klosterarchive Europas noch nicht einmal erschlossen. Die digitale Weltkarte mittelalterlicher Quellen ist bislang allenfalls einer mittelalterlichen Weltkarte vergleichbar: Wer sich auf sie verlässt, wird nur einen Teil der existierenden Musikwelt bereisen oder sich hoffnungslos verirren.

Dass Studierende heute oft das Digitale als Faktum hinnehmen und das Zustandekommen dieser Fakten und der zugrundeliegenden Argumentationen nicht mehr in Frage stellen, empfindet Bent als Problem und zugleich als Herausforderung für die Lehre. Noch sei die Komplexität der Quellen digital nicht abbildbar, die Entwicklung jener digitalen Werkzeuge, welche die Variabilität und Klanglichkeit sowie die intellektuellen Dimensionen einer Quelle als Urtext abbilden können, stecke noch in den Kinderschuhen.

Vielleicht bot die Quelle für Margaret Bent eine Art Schutzraum, in dem dank Fleiß und Hartnäckigkeit eine weibliche Karriere in der Musikwissenschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt möglich wurde. Nach ihrem Einzug in All Souls wurde sie gefragt, wie sie als Frau die dortigen mittelalterlichen Sitten aushalten könne. Immerhin kam es in den neunziger Jahren noch vor, dass ältere männliche Kollegen das Dessert aus Protest stehenließen, nur weil eine Frau am Umtrunk nach dem Abendessen teilnahm. Sie antwortete: mit Fleiß, Ruhe und der Überzeugung, dass man nur von innen heraus etwas ändern kann. Im Juli wird Margaret Bent in Luzern gemeinsam mit Lewis Lockwood den Guido-Adler-Preis entgegennehmen: eine von der International Musicological Society neu geschaffene Auszeichnung, konzipiert als die höchste internationale Ehrung im Fach Musikwissenschaft, benannt nach dessen Gründer.

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