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Monumenta Germaniae Historica : Die Striche sind bei uns im Schwang

Die Weimarer Erbgroßherzogin Maria Pawlowna hatte die Taufschale Barbarossas gekauft. Goethe übersandte der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 1820 eine Zeichnung mit der Bitte um ein Gutachten. Bild: MGH

Schützt Quellenkritik vor nationalistischem Überschwang, oder ist gerade das ein nationaler Mythos? Die Monumenta Germaniae Historica feiern in München ihren zweihundertsten Geburtstag.

          Vom 16. bis 19. September 1986 veranstalteten die Monumenta Germaniae Historica in München einen Kongress zum Thema Fälschungen im Mittelalter. Den Eröffnungsvortrag hielt kein Historiker des Mittelalters, auch kein Fachvertreter der Mittellateinischen Philologie, der Rechtsgeschichte oder der Älteren Germanistik, sondern der Ordinarius für Semiotik der Universität Bologna – Umberto Eco.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das war ein Coup, gutzuschreiben Horst Fuhrmann, dem von 1971 bis 1994 amtierenden Präsidenten der MGH. „Der Name der Rose“ war 1982 in deutscher Übersetzung erschienen, der Autor stand auf der Höhe seines Ruhms im großen Publikum. Früh schmückte sich die seit 1949 in München beheimatete Vereinigung für die Herausgabe von Quellen der deutschen Geschichte des Mittelalters mit dem Universalgelehrten vielleicht gar nicht so neuen Stils. Das Vorurteil, Mediävisten und zumal Spezialisten für Editionen seien hinter ihrer Zeit zurück, hatte Fuhrmann widerlegt. Der Vortrag des berühmten Gastes war auch mehr als ein Schmuckelement: Als Vertreter der Wissenschaft vom Zeichen, der seine Dissertation über die Ästhetik des Thomas von Aquin verfasst hatte, war Eco fachlich zuständig für das Kongressthema der Fiktion im nichtliterarischen Sinne.

          Wie Martina Hartmann, die am 8. März 2018 gewählte Präsidentin der MGH, jetzt am Rande der Münchner Feierlichkeiten zum zweihundertsten Jahrestag der Gründung ihres Instituts erzählte, war Fuhrmanns späterer Nachfolger Rudolf Schieffer nicht glücklich darüber, dass die MGH zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine große Fachkonferenz veranstalteten. Er fürchtete, dass die Organisation des Kongresses und die Publikation der Kongressakten die Münchner Beschäftigten der MGH über Jahre von ihrem Hauptgeschäft abhalten würden, dem Edieren von Quellen.

          Ein nachhaltig wirksamer Fachkongress

          550 Wissenschaftler nahmen am Kongress teil, die Resonanz in der Presse war groß. Dass der Kongress über die Rezeption der in fünf Bänden gesammelten Vorträge hinaus eine nachhaltige Wirkung auf die Wissenschaft hatte, offenbarte sich 33 Jahre später, als neun ausländische Gelehrte, Korrespondierende Mitglieder der Zentraldirektion der MGH, am Vorabend der Geburtstagstagung von ihrem Weg zu den MGH erzählten. Mehrere dieser mit Ehrenvorrang ausgestatteten auswärtigen Mitarbeiter erwähnten den Fälschungskongress von 1986. Die MGH sind stärker als andere mit Langzeitvorhaben betraute wissenschaftliche Institutionen darauf angewiesen, dass Forscher in eine persönliche Verbindung zur Sache treten. Für Qualifikationsarbeiten sind Editionen wegen der Befristung von Qualifikationsstellen schlecht geeignet.

          Der bayerische Staat trägt die MGH und hat ihnen 1963 den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen, aber nach ihrer gelebten Verfassung sind sie noch immer eine Gesellschaft von Gelehrten. Spezialisten arbeiten für die MGH sozusagen als Amateure: Professoren bearbeiten neben ihrer amtlichen Hauptarbeit Editionen, die sie oft erst nach der Emeritierung zum Abschluss bringen können. Der Professionalisierung, die der staatliche Geldgeber von Zeit zu Zeit als Desiderat benennt, sind gewisse strukturelle Grenzen gesetzt. Emeriti, die unentgeltlich tätig sind, kann man mit einer Evaluierung nicht unter Druck setzen. In den Jahresberichten des Präsidenten in der Hauszeitschrift, dem „Deutschen Archiv für Erforschung des Mittelalters“, wird über den Fortgang der einzelnen Editionen berichtet – zwangsläufig wird auch dokumentiert, welche Projekte ins Stocken geraten sind.

          Wenn eine Edition nach jahrzehntelanger Vorarbeit noch einmal neu begonnen werden muss, kann das auch sachliche Gründe haben: Manchmal ist auch und gerade eine gründliche Edition schon vor Drucklegung veraltet. Über einen solchen Fall berichtete in München Thomas McCarthy vom New College of Florida. Die Herausgabe der Bamberger Weltchronistik des elften und zwölften Jahrhunderts war in die Hände der Eheleute Irene Schmale-Ott und Franz-Josef Schmale gelegt worden. Ihre in München eingereichten Materialien wurden nicht in Druck gegeben, weil ihre Hypothese über einen Hauptverfasser dieses Strangs von Chroniken mittlerweile als Irrtum gilt. McCarthy führte vor, wie die Untersuchung der Manuskripte durch digitale Visualisierung dieses Urteil plausibel gemacht hat.

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