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Der Neozionismus : Ohne die Bibel sind wir Kolonialisten

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Neubauten sollen einen alten Besitzanspruch durchsetzen: Die jüdische Siedlung Gilo im Ostteil von Jerusalem. Bild: AFP

Wie neu ist der Neozionismus? Die Debatte über diesen Begriff offenbart den Legitimationsdruck, unter dem die israelische Siedlungspolitik steht.

          Als der israelische Soziologe Uri Ram 2005 den „Neo-Zionismus“ als Gegentrend zu dem damals schon länger diskutierten staatskritischen „Post-Zionismus“ ausmachte, stieß er eine Debatte an, die unter Israel-Forschern noch heute geführt wird. Dabei scheint vergessen, dass Ram mit dem Begriff Neo-Zionismus ursprünglich nicht eine ganz neue, sondern eine schon länger zu beobachtende Tendenz gemeint hatte, deren spezifische Unterschiede zum „alten“ sogenannten Mainstream-Zionismus er damals allerdings nicht näher erläuterte.

          Ram sprach von einem „ethnisch-rassistischen jüdischen Neo-Zionismus“ oder auch einem „lokalpatriotischen neo-zionistischen Ethno-Fundamentalismus“. Dem einen wie dem anderen sei ein „jüdischer Staat“ wichtiger als ein demokratischer, und mittlerweile hätten beide den „Ethno-Nationalismus als gemeinsame Basis der politischen Kultur Israels zu festigen vermocht“. Obwohl der Sozialwissenschaftler den Wettstreit zwischen Post- und Neo-Zionismus noch nicht für entschieden hielt, merkte er an, dass letzterer nur darauf warte, durch eine neue Runde israelisch-palästinensischer Feindseligkeiten entflammt zu werden, ja „vielleicht auf eine Gelegenheit, solche Feindseligkeiten selbst zu entflammen“ („Post-Zionist Studies of Israel – The First Decade“ in: Israel Studies Forum, Bd. 20, Heft 2, 2005).

          Der Rechtsruck hält an

          Uri Ram stellte diese Prognose vor dem Hintergrund des damals einsetzenden Rechtsrucks in der Politik des Landes, der bis heute anhält. Die schärfsten Kritiker dieser Entwicklung, für die sie insbesondere den langjährigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu verantwortlich machen, deuten diesen Kurs auch als Folge des Erstarkens des neo-zionistischen Lagers.

          Für andere Beobachter aber wie den Tel Aviver Professor für Politikwissenschaft Amal Jamal ist der Neo-Zionismus im Kern ein weit älteres Phänomen, das in der Sache schon immer Bestandteil des „klassischen“ Zionismus gewesen sei und – in seiner jüngeren radikalen Ausprägung – nicht nur dessen Verlängerung darstelle, sondern dessen eigentliche, lange verborgen gebliebene Essenz offenbare („Neo-Zionism and Palestine: The Unveiling of Settler-Colonial Practices in Mainstream Zionism“ in: Journal of Holy Land and Palestine Studies, Bd. 16, Heft 1, 2017 / Edinburgh University Press).

          Als Beleg für seine These zeigt der israelische Druse Jamal, der 1996 an der FU Berlin mit einer Arbeit über die PLO promoviert wurde, Überschneidungen zwischen dem klassischen und dem neueren Zionismus in vier Diskursaspekten auf: die Auffassung von den Legitimationsquellen des Staates Israel, seinen territorialen Grenzen, den favorisierten Identitätsmerkmalen der israelischen Gesellschaft und dem erstrebten Charakter des Staates.

          Auch die Säkularen brauchen Erez Israel

          Amal Jamal stützt sich auf den Befund israelischer Historiker, dem zufolge auch säkulare Zionisten seit jeher die biblische Überlieferung als Begründung für das ewige Band zwischen dem jüdischen Volk und Erez Israel (Land Israel) anführen. Bei ihrem Rückgriff auf diese religiöse Legitimationsquelle unterscheiden sich laut dem Politikwissenschaftler Zionisten von Neo-Zionisten kaum – allenfalls darin, dass Letztere die Bibel vorzugsweise auch als Rechtfertigung für die Besiedlung des Westjordanlands bemühen. Für sie ist es genauso ein Teil des biblischen Erez Israel wie das israelische Kerngebiet.

          Die biblisch gestützte Argumentation soll die Rückkehr der Juden in ihr angestammtes Land als historisch gerecht und somit auf keinen Fall als kolonialistisch erscheinen lassen. Mit den Worten des 2014 verstorbenen nationalreligiösen Publizisten Uri Elitzur – eines der Wortführer der Neo-Zionisten – ausgedrückt: „Ohne die biblische Erzählung sind wir nichts weiter als eine kolonialistische europäische Siedlungsbewegung.“

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