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Bürgerlicher Widerstand : Kreis ohne Führer

  • -Aktualisiert am

Zwei Mitglieder des späteren Sperr-Kreises 1915 in Frankreich: Otto Geßler (Mitte) und Eduard Hamm (zweiter von rechts) Bild: Franz Steiner Verlag

Die deutsche Opposition gegen Hitler war bürgerlicher als gedacht: Manuel Limbach hat den Kreis um Franz Sperr rekonstruiert, eine Gruppe mit hohem Beamtenanteil, die auf die bayerische Staatlichkeit setzte.

          Für unser Wissen über den Widerstand gegen Hitler ist dieses Buch ein Ereignis: Manuel Limbachs in der Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erschienene Studie „Bürger gegen Hitler. Vorgeschichte, Aufbau und Wirken des bayerischen Sperr-Kreises“ (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019. 577 S., geb., 64,99 Euro). Spezialisten wussten zwar von diesem Kreis, einer breiteren Öffentlichkeit aber war er so gut wie unbekannt.

          Zeitgenössische Quellen fehlen weitgehend. Der Kreis von 49 ermittelten „Mitgliedern“ und siebzehn „Sympathisanten“ konnte erst dadurch klare Konturen annehmen, dass Limbach die Spruchkammerakten auswertete, mit der gebührenden misstrauischen Sorgfalt. Zutage tritt ein eigenständiger, so bisher nicht bekannter Typus von Widerstand.

          Das Zentrum des Kreises bildeten der in Bayern hochangesehene Kronprinz Rupprecht, der ehemalige Oberst im Generalstab und letzte bayerische Gesandte in Berlin Franz Sperr, der langjährige Reichswehrminister Otto Geßler sowie Eduard Hamm, bis 1933 Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Industrie- und Handelstages. Der weitere Kreis war aus konspirativen Gründen bewusst locker in kleinen „Zellen“ organisiert, die voneinander keine Kenntnis hatten.

          Die Begegnung in Bamberg

          Ihrer Zielsetzung nach lässt sich diese Gruppierung am ehesten mit dem Kreisauer Kreis vergleichen, zu dem seit Anfang 1943 durch die Jesuiten Rösch und Delp enge Kontakte entstanden. Im Januar 1943 trat Carl Friedrich Goerdeler an den Sperr-Kreis heran, und am 7. Juli 1944 kam es zu einer Besprechung von Claus Schenk von Stauffenberg und Sperr in Bamberg. Seit der Katastrophe von Stalingrad vernetzte sich der Kreis mit dem politisch-militärischen Widerstand, obwohl er seine eigentliche Aufgabe von Anfang an darin sah, eine „Auffangorganisation“ speziell in Bayern zu schaffen, die im früher oder später erwarteten Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ für einen möglichst gewaltlosen und geordneten Übergang sorgen sollte. Denkschriften Rupprechts sahen für Bayern eine konstitutionelle Monarchie mit ständischen Elementen vor. Den Kreis nur „monarchistisch“ zu nennen greift indessen zu kurz.

          Ein Attentat auf Hitler stand lange nicht zur Debatte, rückte aber seit Anfang Juli 1944 mit dem Auftreten Stauffenbergs in den Horizont des Möglichen. Sperr sondierte die Bereitschaft von Offizieren und hohen Beamten, am Tag X eigenverantwortlich Kommandogewalt zu übernehmen. Was den Sperr-Kreis von allen anderen aktiven Widerstandskreisen unterscheidet, ist seine bürgerliche Prägung mit einem deutlichen Schwerpunkt auf der bildungsbürgerlichen Elite von Beamten, Richtern und Anwälten (78 Prozent aller Kreisangehörigen, 55 Prozent mit Promotion).

          Politisch wurzelte der Kreis im bürgerlichen Parteienspektrum der Links- und Rechtsliberalen, der Bayerischen Volkspartei und der Konservativen. Konfessionsunterschiede spielten keine Rolle. Natürlich handelte es sich – wie beim aktiven Widerstand überhaupt – nur um wenige Personen, aber die bürgerliche, liberal-konservative rechte Mitte erscheint jetzt doch nicht mehr ganz so hitlerhörig wie bislang angenommen. Singulär ist auch die konsequente Regionalität des Kreises. Frei von separatistischen Ambitionen und in gewollter Handlungseinheit mit dem gesamtnationalen Widerstand, sahen seine Protagonisten im Rekurs auf die Staatlichkeit Bayerns die Chance, ein relativ dichtes Netz von Vertrauensleuten aufzubauen, um im entscheidenden Moment die Handlungshoheit in diesem überschaubaren Raum an sich zu ziehen.

          Auch beim Sperr-Kreis trifft man auf manche der politisch-moralischen Ambivalenzen, an denen sich die Historiker seit dem Ende der heroisierenden Phase der Widerstandsforschung abarbeiten. Trotz der Ablehnung von Hitlers Methoden begrüßte man den Anschluss Österreichs 1938 freudig. Wie der militärische Widerstand bezog der Sperr-Kreis seine Motivation primär aus der Sorge um die Zukunftsaussichten der Nation – aber auch um ihre gegenwärtige und zukünftige politisch-moralische Verfasstheit.

          Eine echte christliche Sittenlehre

          Sperr nannte vor dem Volksgerichtshof die Ablehnung der „Judenmaßnahmen“ und die Unfreiheit des NS-Systems als Motiv für sein Handeln. Wenige Tage nach dem Novemberpogrom 1938 hatte Hamm den evangelischen Theologen Walther von Loewenich in einem Brief gefragt: „Wo liegen Ansätze zu einer der Formung unserer Zeit angepassten Darstellung einer echten christlichen Sittenlehre? Mir scheint, dass danach gerade unsere Generation, unsere unmittelbarste Gegenwart schreit.“

          Bei aller seit Anfang 1943 fieberhaften Betriebsamkeit Sperrs und Hamms war Sperr zu realistisch, um den Stand der militärischen Vorbereitung für einen Umsturz in Bayern für ausreichend zu halten. Diese Einschätzung bestätigte sich nach dem 20. Juli, als die bayerischen militärisch-polizeilichen Vertrauensleute passiv blieben, wozu allerdings die desolate Nachrichtenlage aus Berlin beitrug.

          Sperrs Zögern bewahrte die Hauptakteure Sperr, Hamm und Geßler nicht vor Verhaftung, Verhör und Folter im Berliner Gefängnis an der Lehrter Straße. Hamm starb am 23. September 1944 nach einem Sturz aus dem Gefängnisfenster, Sperr wurde wegen Hochverrats – des Verschweigens seiner Kenntnis von Stauffenbergs Attentatsplan – zum Tod verurteilt und am 23. Januar 1945 gehängt.

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