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Videospiel „Assassin’s Creed“ : Farbanstrich für das antike Griechenland

  • -Aktualisiert am

Phidias ist nichts dagegen: Die Videospielentwickler haben fast alles weggemeißelt, was nicht echt antik ist. Bild: Ubisoft

Während Museen mit der Vielfarbigkeit antiker Skulpturen hadern, vermittelt jetzt ausgerechnet ein Videospiel ein historisch akkurates Bild der alten Welt.

          Als Heinrich Wölfflin 1899 mit Blick auf die Kunst der italienischen Renaissance schrieb, dem Wort „klassisch“ hafte etwas „Erkältendes“ an und man fühle sich, wenn es erklinge, „von der lebendigen bunten Welt hinweggehoben in luftleere Räume, wo nur Schemen wohnen, nicht Menschen aus rotem, warmen Blut“, konnte er kaum ahnen, dass 119 Jahre später ausgerechnet die Unterhaltungsindustrie dieses Vorurteil aus der Welt schaffen könnte. Ein Videospiel namens „Assassin’s Creed Odyssey“ erobert derzeit den Weltmarkt. In Europa, den Vereinigten Staaten und sogar Japan sprechen die Verkaufszahlen für einen vollen Erfolg. Wäre das Zeitalter solcher Begriffe nicht längst vorbei, könnte man von einem postmodernen Hellenismus, ja sogar von einer regelrechten Pop-Gräkomanie sprechen.

          Das Videospiel aus dem Hause Ubisoft entführt den Spieler in die griechische Welt während des Peloponnesischen Krieges, den er als Söldner mit adliger spartanischer Herkunft durchlebt, um auf dem welthistorischen Schauplatz allerlei Missionen zu absolvieren, von der Befreiung der Pythia in Delphi bis zur Unterstützung der perikleischen Verteidigungspolitik. Das Spiel begeistert auch eine ganze Community junger Gräzisten, Althistoriker und Archäologen, vornehmlich aus dem englischsprachigen Raum.

          Auf Twitter haben sie den Hashtag „#ACademicOdyssey“ ins Leben gerufen, um sich über Details der Spielwelt auszutauschen. Dort lobt etwa Kira Jones, Doktorandin der Emory University in Atlanta, die „Monumentalität, Polychromie und Treue zur Geographie“ des digitalen Delphi, und Hannah Culik-Baird, Assistenzprofessorin für Classical Studies an der Boston University, weist auf eine detailgetreu ins Spiel übernommene archaische Kore hin, die 1972 an der Gräberstraße von Myrrhinous entdeckt wurde. Das Gewand der Statue vom Grab der Phrasikleia ist mit rotorangem Ocker bemalt, die Swastikamotive glänzen golden, und die Lotusblüten sind mit großer Präzision originalgetreu platziert. Allein die Hautfarbe erscheint im Spiel dunkler und weicht darin von der maßgebenden Nachbildung des Archäologen Vinzenz Brinkmann ab, des Leiters der Antikensammlung des Frankfurter Liebieghauses.

          Detailgetreue und lebhafte Darstellung

          Die Spielgestalter haben sich eine aufwendige historische Rekonstruktion der griechischen Umwelt des späten fünften Jahrhunderts vor Christus geleistet. In grafischen Details und Kniffen der narrativen Dramatisierung wird der fiktive Status der Welt des Spiels markiert, aber das liebevoll ausgemalte Bild der Antike fällt gemessen an den Gattungskonventionen ungewöhnlich präzise aus.

          Die Nachbildung eines Attischen Tempels auf der Akropolis mit hellblauen Reliefs und Bronzestatuen. Bilderstrecke

          Das gilt auch für das archäologische Detail: Die beeindruckenden Tempel auf der Akropolis oder oberhalb der Agora von Korinth bestehen etwa nicht ausschließlich aus Marmor, sondern beinhalten, wie in der Forschung angenommen, zusätzlich auch hölzerne Elemente. In den Straßen der Megastadt Athen durchlebt man eine antike Urbanität, die in Worten, auch in wissenschaftlichen, nur schwer beschreibbar ist. Bei so viel Staunenswertem sieht man auch über die eine oder andere Übertreibung hinweg, etwa wenn die Eingangsszene bei den Thermopylen doch zu stark an den Film „300“ erinnert oder sich Euripides und Aristophanes allzu leicht in eine Art Kneipenwettstreit verwickeln lassen.

          Die folgenreichste Kühnheit des Ubisoft-Entwicklerteams dürfte allerdings in der spürbaren Lust an der Farbenpracht der griechischen Welt liegen. Indem sie Gewänder, Tempel und Skulpturen zu einem hohen Anteil überaus bunt gestaltet haben, imitierten sie die „barbarische Sitte des Bemalens von Marmor und Stein“ (Johann Joachim Winckelmann). Statt auf edles, reines Weiß stoßen Millionen Videospieler weltweit auf kräftige Blau-, Rot- und Grüntöne. Damit trägt das Spiel dem Stand der Wissenschaft Rechnung, wonach die Polychromie die allgemeine griechische Sitte war. Erstaunlich selbstbewusst bricht das Spiel mit der klassizistischen Vorstellung, die alten Griechen seien in weißem Marmor umherwandelnde Idealmenschen gewesen.

          Revolution des Antikenbilds

          Der Erfolg von „Assassin’s Creed Odyssey“ ist aber nicht nur für die jungen digitalen Geisteswissenschaften interessant, deren Vertreter schon länger an der Virtualisierung historischer Epochen arbeiten. Es könnte sich durch die Beliebtheit des Spiels eine Revolution des populären Antikenbilds vollziehen. Im Bann des Videospiels wird womöglich eine Generation heranwachsen, die einst mit Irritation auf die stolzen Antikensammlungen der Welt blicken wird, weil ihr die durch Reinigung sichtbar gemachten Weißtöne griechischer Tempelreliefs und Skulpturen befremdlich, ja begründungsbedürftig vorkommen.

          Dort, wo die angemessene Vermittlung vergangener Epochen eigentlich geschieht, in den Museen, beschränkt man sich bislang hauptsächlich auf Hinweisschilder und bemalte Einzelstücke, um auf die Polychromie der griechischen Welt aufmerksam zu machen. In der Münchner Glyptothek, wo vor sechzehn Jahren die Ausstellung „Bunte Götter – Die Farbigkeit antiker Skulptur“ ihre Weltreise begann, dominiert heute noch das reine Weiß der Skulpturen. Trotz der Möglichkeiten moderner Visualisierungsformen öffnen sich die Museen nur sehr langsam einer akkuraten farblichen Darstellung der Antike, auch deswegen, weil sich die Rekonstruktion oft schwierig gestaltet. Positiv hervor tritt die neue Pergamon-Ausstellung der Berliner Antikensammlung, in der unter anderem eine originale hellenistische Gewandstatue zu finden ist, auf die hellblaue, rote, violette und goldene Töne projiziert werden.

          Aber reichen solche punktuellen Maßnahmen an die Farbenpracht der alten Welt heran? Das Antikenbild der breiten und insbesondere jungen Öffentlichkeit werden die Museen damit jedenfalls nur schwer reformieren können. „Assassin’s Creed Odyssey“ könnte diese Aufgabe erfüllen, weil damit zum allerersten Mal die Erzeugnisse griechischer Kultur in der Lebenswelt Jugendlicher und junger Erwachsener überaus lebhaft und bunt auftreten. Von diesem Punkt aus gibt es kaum noch einen Weg zurück zur Selbstverständlichkeit des weißen Marmors, dem „verbreitetsten Missverständnis in der Geschichte westlicher Kunst“, wie Mark Abbe, Professor für antike Kunst an der University of Georgia, das Phänomen bezeichnet.

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