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Freuds Dinge heute : In der Haut fahren

  • -Aktualisiert am

Fahren Sie bitte links ran: Die Polizeikontrolle ist eine diagnostische Grenzsituation. Bild: dpa

Lothar Müller hat ein Buch über Sigmunds Freud Blick auf die Dinge seiner Umwelt geschrieben. Es regt an zu einer Inspektion unseres Zubehörs.

          Vor sicher dreißig Jahren erzählte mir ein Polizeikommissar beiläufig von Erfahrungen, die er etwa zwanzig Jahre zuvor als Streifenpolizist gemacht hatte. Im Unterschied zu heute genoss damals die Polizei bei guten Bürgern noch Respekt. Ein solcher guter Bürger hatte einen Fußgänger angefahren. Im Brustton der Überzeugung erklärte er: Den Fußgänger durfte ich überfahren. Er hatte die Straße dort überquert, wo es keinen Übergang gab. War mit dem „ich“ der Autofahrer oder sein Auto gemeint? Das ließ sich nicht unterscheiden.

          Seitdem, sagte der Polizeikommissar, habe er gewusst, dass Autofahrer das Autofahren nicht rational betrachten können. Deutschland ist eben ein Rechtsstaat, weil jeder Deutsche glaubt, recht zu haben. Der Straßenverkehr beweist es.

          Was mir der Kommissar damals ferner erzählte, gehörte zu seiner Polizeiausbildung. Äußerst gefährlich ist es, bei einer Kontrolle irgendeinen Teil eines Autos zu berühren, solange der Fahrer am Steuer sitzt. Manchmal ist es aber nötig, einen Fahrer dadurch am Wegfahren zu hindern, dass mit einem raschen Griff der Zündschlüssel abgezogen wird.

          Damit der Fahrer nicht durchdreht

          Befindet sich der Zündschlüssel in der Hand der Polizei, so verliert der Autofahrer die Möglichkeit, von seiner Lenkwaffe Gebrauch zu machen. Da der Fahrer jedoch das Blech, das ihn umgibt, als seine eigene Haut betrachtet, muss das Abziehen des Schlüssels gelingen, ohne Fahrer oder Auto zu berühren. Misslingt das Abziehen des Zündschlüssels, so dreht der Fahrer durch und rast davon, um seine Blechhaut vor weiterem Zugriff zu retten.

          In den letzten dreißig Jahren hat sich dieses Bild nicht verändert, aber weiterentwickelt. Im politischen Denken spielt der Fußgänger als Regelfall keine Rolle mehr. Alles ist darauf angelegt, dass kein Mensch sich mehr ohne Gehhilfe wenigstens in Rollergröße, möglichst elektrisch angetrieben, vollkommen fühlt. Rad- oder Rollerfahrern ersetzt dabei die sie umgebende Luft eine Blechhaut.

          Einen Zündschlüssel gibt es auch nicht. Daher kann es vorkommen, dass ein solcher Prothesenbesitzer den Fußgänger, der ihn sachlich zur Rede stellt, der Nötigung bezichtigt. Der Fußgänger atmet nämlich die Luft ein, die den Radfahrer umgibt.

          Vom Haus zum Auto

          In einem dunkel vertäfelten, langgestreckten Kaminzimmer aus einer Zeit, in der Sigmund Freud seine Praxis der Psychoanalyse begann, kam jetzt ein Teil dieser Dinge und noch anderes zur Sprache. Um Dinge ging es nämlich, um „Freuds Dinge“, das Buch von Lothar Müller (F.A.Z. vom 19. März), das so heißt, darum auch, welche Dinge seit Freuds Lebenszeit hinzugekommen sind und gleichfalls Gegenstand der Psychoanalyse zu sein verdienen. Neue Dinge, vielleicht auch nur solche, die für Freud noch keine oder keine entscheidende Rolle spielten.

          Einer der Praktiker im Raum sprach davon, dass Freuds Universalmetapher für den Körper, nämlich das Haus, heute vom Auto abgelöst sei. Dazu passte die Erzählung des Polizeikommissars, auch wenn es eine plötzliche und aufschlussreiche Heiterkeit gab, als sie nacherzählt wurde. Diese Heiterkeit schien dem Einbruch des Alltags in das psychoanalytisch fundierte Gespräch zu gelten, der schon Freuds Dinge ausgezeichnet hat.

          Natürlich war es nicht das Auto, dem die meisten Äußerungen galten, sondern das Handy oder besser das Smartphone, das wohl fast alle Anwesenden bei sich trugen. Weit entfernt davon, noch als bloßer Gebrauchsgegenstand zu gelten, als Werkzeug, das anderen bereitwillig hergeliehen werden kann, erscheint das Smartphone längst als komplementäre Ergänzung und Lagerstätte des eigenen Ichs. Die Berührung seiner glatten Oberfläche beruhigt über die eigene Körperfülle, darüber, dass ein flacher Bauch nur den wenigsten gegeben ist.

          Die Berührung des Ichs ist unerwünscht

          Seine Benutzerinnen und Benutzer empfinden es als Angriff auf ihre Intimsphäre, wenn ganz überflüssig lautstarke Mitteilungen an Abwesende ironische oder sachliche Kommentare unfreiwilliger Zuhörer hervorrufen. Einerseits wollen sie nicht beobachtet werden und tun andererseits alles, damit sie in ihrer Blase nicht unbeobachtet bleiben. Sticht jemand die Blase auf, dann spritzt ihm der Eiter ihres Ärgers ins Gesicht. Die Berührung des Ichs ist unerwünscht, gleich ob es die Gestalt eines Smartphones oder eines Autos annimmt.

          Immerhin sind Smartphones, anders als Autos, noch nicht als Waffen zu gebrauchen. Ganz sicher sein kann da freilich niemand. Auch die Nacktheit seiner Patienten, auf die Freud noch als Tatsache vertrauen durfte, gibt es immer häufiger nicht mehr.

          Mode hat Freud nicht groß beschäftigt, von einem beiläufigen Blick auf weibliches Schuhwerk abgesehen. Was hätte er aber von grundlos wuchernden Tattoos gehalten? Ehrliche Gründe wie Seefahrt oder Knast spielen längst keine Rolle mehr, wenn Verkäuferinnen oder Fußballer, Anthropologinnen oder Installateure ihre Haut bebildern oder beschriften lassen.

          Wer den Anblick tätowierter Brüste oder zur Werbefläche gemachter Oberschenkel nicht erträgt, schaut weg. Darum geht es, denn hinsehen soll nur, wer die eigene Haut zuschanden gemacht hat. Wer untätowiert hinschaut, dessen Blick wird schon als Übergriff gewertet. Autos, Smartphones, Tattoos – für das psychoanalytische Fachgespräch eröffnet sich also, ausgehend von der Erinnerung an Freuds Dinge, ein weites Feld.

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