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Philosophin Ágnes Heller : Denken, wie zu denken und zu leben sei

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Ihre Philosophie hat sie immer auch gelebt: Ágnes Heller. Bild: Picture-Alliance

Als Fünfzehnjährige entkam sie in Budapest knapp dem Holocaust. Sie wurde die engste Mitarbeiterin von Georg Lukács. An diesem Sonntag wird die Philosophin und öffentliche Intellektuelle Ágnes Heller neunzig.

          Geschick, Mut und Glück retteten Ágnes Heller im Jahr 1944 in Budapest mehr als einmal das Leben. Die damals Fünfzehnjährige war schon eingereiht in eine Kolonne zum Bahnhof, von dem die Züge nach Auschwitz fuhren, wo ihr Vater umkam. Doch plötzlich bot sich eine Gelegenheit, sie sprang mit ihrer Mutter auf eine langsam vorbeifahrende Straßenbahn. Und als die Juden an der Donau erschossen wurden, da hörte das Morden auf, bevor sie an die Reihe kam. Nach dem Krieg wird Ágnes Heller dann Studentin, schließlich die engste Mitarbeiterin von Georg Lukács und zu einem führenden Mitglied der Budapester Schule.

          Ihre Philosophie hat Ágnes Heller immer auch gelebt. Opportunistische Kompromisse sind ihre Sache nicht. Kritisches Denken und öffentliches Engagement brachten sie immer wieder in Konflikt mit den politischen Regimes, von denen sie im Laufe ihres Lebens einige miterlebt hat. Aus der kommunistischen Partei, der sie mit achtzehn Jahren beigetreten war, wird sie schon zwei Jahre später wieder ausgeschlossen. Durch die Beteiligung an der Revolution von 1956 und ihre Weigerung, Lukács zu denunzieren, verliert sie ihre Professur an der Universität. Dazu kommen Reise- und Publikationsverbote, Hausdurchsuchungen und Bespitzelung. Im August 1968 unterzeichnet sie einen Aufruf gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Wieder wird sie entlassen, diesmal von der Akademie der Wissenschaften.

          1977 emigriert Ágnes Heller nach Australien, nimmt eine Soziologieprofessur in Melbourne an. Von dort wird sie 1986 als Nachfolgerin von Hannah Arendt an die New School nach New York berufen. Seit ihrer Emeritierung ist Ágnes Heller nach Budapest zurückgekehrt und weiterhin als Gastprofessorin und Vortragende rastlos in aller Welt unterwegs. Dass sie auch im heutigen Ungarn auf der Seite der Zivilgesellschaft gegen einen illiberalen Staat kämpft, überrascht niemanden.

          In sechzig Jahren hat Ágnes Heller mehr als dreißig Bücher veröffentlicht, die in alle Weltsprachen übersetzt wurden und werden. Die Ausarbeitung eines philosophischen Systems hat ihr dabei nie vorgeschwebt, sie schrieb vielmehr seit ihrem dreißigsten Lebensjahr an gegen die Ismen in der Philosophie. Ihre Denkwege waren dabei nie vorgespurt, und sie führen über das gesamte Terrain der Philosophie. Sie schrieb über „Die Geschichte der Philosophie“, „Eine Theorie der Moderne“, eine Trilogie über Ethik, über „Radikales Philosophieren“ und „Das Alltagsleben“, über die Tragödien Shakespeares und „Die Philosophie des Traumes“.

          Unter ihren zuletzt auf Deutsch erschienenen Büchern sind „Eine kleine Geschichte meiner Philosophie“, eine selbstkritische Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Werk, und ein Buch über das Komische. „Philosophieren“, so formulierte sie einmal, „heißt denken, und zwar: denken, wie gedacht, wie gehandelt und wie gelebt werden soll.“ Das zu versuchen lässt sich bei ihr lernen; bei einer Autorin, die auch die seltene Kunst beherrscht, für Bücher einen guten Schluss zu finden. Zum Beispiel diesen: „Philosophie hat immer kindliche Fragen gestellt. Bleiben wir dabei.“ An diesem Sonntag wird Ágnes Heller neunzig Jahre alt.

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