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Intellektuellenbärte : Geist und Bart

  • -Aktualisiert am

Ein Mann, ein Bart: Karl-Marx-Statue in Chemnitz Bild: Reuters

War Marx der Anfang oder schon das Ende? Eine kleine Kulturgeschichte des Philosophenbarts und seiner aktuellen Erscheinungsformen.

          Im Karl-Marx-Jahr bietet es sich an, abseits von Resümees und Rückschauen Fragen in den Blick zu nehmen, die vom Kultur- und Wissenschaftsbetrieb übergangen werden. Dazu gehört die Merkwürdigkeit, dass die Bartträgerquote unter den Philosophen unverhältnismäßig hoch ist. Zwar ist anlässlich von Marx’ zweihundertstem Geburtstag auch sein Bart einer monographischen Betrachtung unterzogen worden. Der Literaturkritiker Uwe Wittstock hat in seinem Buch „Marx beim Barbier“ dargestellt, unter welchen Umständen sich Marx im Februar 1882 in Algier seinen Bart abnehmen ließ. Wie die Emblematik des Philosophenbarts durch Marx verändert worden ist, dies darzulegen steht indes noch aus.

          Eine Arbeitshypothese könnte sein, dass Marx zwei Traditionen bärtiger Geistigkeit zusammengeführt hat: den prophetischen Bart und den engagierten Bart. Ersterer war zu Zeiten, als die Philosophie die Religion noch nicht als Statthalter der Wahrheit abgelöst hatte, Selbstausdruck von Geistigkeit. Rabbiner, Propheten, Imame hätten sich in allem, als was sie galten, negiert, wenn sie sich die Bärte abgenommen hätten. Für religiöse Muslime hat Gläubigkeit noch heute zwingend einen Bart. In Europa dagegen wurde der Prophetenbart im Zuge der Säkularisierung zum Emblem: als Zeichen einer Geistigkeit, die er nur noch darstellte. Deshalb gewinnt der Bart nun einen mitunter lächerlichen Beigeschmack: bei den Lebensreformern etwa, die mit ihren Bärten Friedfertigkeit und Naturverbundenheit zum Ausdruck bringen wollten, oft aber nur verwahrlost aussahen.

          Ernster wirkte die Prophetenbärtigkeit bei Denkern der jüdischen Erneuerungsbewegung wie Martin Buber, bei denen der Bart zum Gedächtnisort theologischer Gehalte wurde – während ein historisch orientierter Religionsphilosoph wie Gershom Scholem mit seiner Bartlosigkeit seine Distanz zum Unmittelbarkeitskult Bubers und seiner Anhänger zum Ausdruck brachte. Der säkularisierte prophetische Aspekt von Marx’ Denken verband sich in Marx’ Bart mit dem Engagement des Materialisten. Die Bärte der Sozialisten und Anarchisten waren eine Referenz an die Arbeiterschaft und das einfache Volk; Lenins antiprophetische Schnurr- und Spitzbärtigkeit ließ davon nur das Engagement übrig und begründete eine neue Tradition des Intellektuellenbarts. Die prophetisch-engagierte Bärtigkeit hingegen hatte mit Marx ihren Zenit erreicht. Heute sind Marx-Bärte Erkennungszeichen von Sozialkundelehrern, Friedensaktivisten, während sie an den Orten des Geistes auf dem Rückzug sind. Aktuelle Philosophen tragen den Ich-bin-zu-gestresst-um-mich-zu-rasieren-Bart, in dem die Dialektik von Bart und Geist zum Stillstand gekommen ist. Gegen solche Stagnation hilft nur noch die Ironie der Briten, die das Sprichwort kennen: „A man with a beard is just a man without a beard with a beard.“

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