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Frauenstudium : Es gibt Siege, über die Hitler nicht froh sein konnte

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„Kandidatin, sagen Sie mir, was faellt Ihnen an der Patientin auf?“ - „Dass das Mensch einen seidenen Unterrock an hat.“ - Zeichnung von Thomas Theodor Heine (1867-1948) Bild: Picture-Alliance

Eine ganz unwahrscheinliche Publikation: Elisabeth Boedekers Bibliographie der Dissertationen von Frauen in den Jahren 1933 bis 1939.

          Für Elisabeth Boedeker war das Jahr 1933 ein historisches Datum. Das hatte nicht so sehr mit den politischen Umbrüchen des Jahres zu tun, sondern mit dem Jubiläum eines epochemachenden Ereignisses: Am 18. August 1908 hatte Preußen die Immatrikulation von Frauen genehmigt. Vor diesem Datum war es Frauen nur in Ausnahmefällen, nach Einholung einer Sondergenehmigung oder als Gasthörerinnen, möglich gewesen, an einer deutschen Universität zu studieren. Im Jahr 1902 gab es an deutschen Universitäten 70 Studentinnen und mehr als 36.000 männliche Studierende; im Sommersemester 1931 hingegen waren es 22.000 Frauen und 115.000 Männer.

          1933 galt es daher, selbstbewusst eine Erfolgsgeschichte zu bilanzieren: „25 Jahre Frauenstudium in Deutschland“ – unter diesem Titel verfasste die Hannoveraner Bibliothekarin Elisabeth Boedeker (1893 bis 1980) eine Übersicht sämtlicher in Deutschland entstandenen Doktorarbeiten von Frauen. Ihre Dokumentation erschien, gedruckt mit Unterstützung der Helene-Lange-Stiftung, in vier Lieferungen zwischen 1935 und 1939. Mit beispielloser Akribie listen die Verzeichnisse 5949 Dissertationen von Frauen aus nahezu allen akademischen Disziplinen auf, mit Ausnahme der Medizin, in deren Teilgebieten seit 1908 allein knapp 5000 weitere Promotionen erfolgt waren. Elisabeth Boedekers Autorinnen- und Titelverzeichnis bildet somit ein einzigartiges Denkmal für die akademische Emanzipation von Frauen in Deutschland.

          Allein die Liste der rund 250 Dissertationen zur Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte, die zwischen 1909 und 1933 in Deutschland von Frauen vorgelegt wurden, bildet eine atemberaubende Kulturgeschichte: atemberaubend in Hinblick auf das Entstehen des Berufs der Kunsthistorikerin – und atemberaubend auch in Hinblick auf das Panorama der sich hinter den Einträgen verbergenden Biographien und Einzelschicksale: Nahezu alle Kunsthistorikerinnen, die hier aufgeführt sind und bis zum Jahr 1933 Anstellungen an Museen oder im Kunsthandel gefunden hatten, waren zum Zeitpunkt des Erscheinens des Verzeichnisses, nur sechs Jahre später, bereits emigriert oder aus ihren Ämtern vertrieben worden.

          Dokument einer erstickten Entwicklung

          Um mit zwei bekannten Namen zu beginnen: Margarete (Grete) Ring, die bei Heinrich Wölfflin 1912 über niederländische Bildnismalerei promoviert wurde und nach dem Tod des Gründers – gemeinsam mit Walter Feilchenfeldt – die Kunsthandlung Paul Cassirer übernommen hatte, floh 1938 als „Nichtarierin“ nach England. Lotte Eisner wurde 1924 in Rostock über „Die Entwicklung der Komposition auf griechischen Vasenbildern“ promoviert. 1933 musste sie als Kind jüdischer Eltern nach Frankreich emigrieren, wo sie zur Doyenne der Filmgeschichte wurde.

          Jeder Name ein Schicksal. Agnes Waldstein, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum Folkwang Essen tätig war und dort 1929 den Bestandskatalog „Moderne Kunst“ vorgelegt hat, bevor sie 1933 aus „rassischen Gründen“ entlassen wurde. Annie Mainz, bei Erwin Panofsky promoviert, war bis 1933 Mitarbeiterin am Völkerkundemuseum Hamburg. Sie floh nach Palästina. Oder Elisabeth Henschel-Simon, die von 1927 bis 1933 als Kustodin an den Berliner Schlössern und Gärten arbeitete und 1930 den Katalog der „Bildergalerie von Sanssouci“ verfasst hat. Auch sie ist nach Palästina ausgewandert und 1946 dort gestorben. Irmgard Schüler war Mitarbeiterin am Aachener Suermondt-Museum. Nach ihrer Entlassung 1933 gelang ihr der Wechsel an das Jüdische Museum Berlin, bis auch sie 1938 aus Deutschland fliehen musste.

          Lilli Fischel war sogar kommissarische Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bis sie 1933 aufgrund ihrer Förderung zeitgenössischer Kunst entlassen wurde, und Hanna Stirnemann war seit 1930 in Jena die erste offiziell bestellte Museumsdirektorin in Deutschland, bevor sie gezwungen wurde, 1935 um ihre Entlassung zu bitten (F.A.Z. vom 31. März 2018). Die Liste ähnlicher Schicksale ließe sich fortsetzen. Ulrike Wendland hat viele dieser Lebenswege 1998 in ihrem „Biographischen Handbuch deutschsprachiger Kunsthistoriker im Exil“ nachgezeichnet.

          Den Beginn dieser akademischen Lebenswege von Frauen in Deutschland hat jedoch Elisabeth Boedeker sichtbar gemacht; und dies erstaunlicherweise in ebenjenen Jahren, in denen nicht nur die jüdische Bildungselite aus ihren Berufen und aus Deutschland vertrieben wurde, sondern die selbstbewusste und selbständige „Neue Frau“ nicht länger dem Rollenbild der Zeit entsprechen sollte. Die Merkwürdigkeit, dass gerade in den Jahren der Vertreibung die Dokumentation „25 Jahre Frauenstudium in Deutschland“ erscheinen konnte, brachte die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer, die von 1920 bis 1932 als Abgeordnete im Deutschen Reichstag saß und 1933 selbst aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Staatsdienst entlassen worden war, im Dezember 1938 vorsichtig verklausuliert auf den Punkt: „Das Frauenstudium in Deutschland – so viele Jahrzehnte seine Geschichte umspannt – ist noch nicht dem Stadium des Fraglichen und Umstrittenen entwachsen. Immer wieder hat es – aus wirtschaftlichen oder weltanschaulichen Ursachen – einen neuen Anprall von Gegnern oder Zweiflern zu bestehen. In solchem Kampf gibt es nur ein einziges wirklich standhaltendes Argument: die Leistung [...]. Deshalb hängt von dem deutlichen und wahrheitsgemäßen Bild der Vergangenheit so viel für die Gegenwart ab.“

          Das 1939 erschienene letzte Heft der Bibliographie, das nicht zuletzt eine unübersehbare Zahl jüdischer Akademikerinnen verzeichnet, war somit längst auch das Dokument einer durch den Nationalsozialismus erstickten Entwicklung geworden. Es gehört damit zu den unwahrscheinlichsten Publikationen, die während des „Dritten Reiches“ in Deutschland erschienen sind.

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