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Frauen in der Ökonomie : Spitzenforscherinnen gesucht

In den Wirtschaftswissenschaften klettern nur wenige Frauen die Karriereleiter komplett hinauf - aus unterschiedlichen Gründen. Bild: Peter von Tresckow

Der Frauenanteil unter den Top-Ökonomen ist nach wie vor gering. Das liegt vor allem an den Eigenarten der akademischen Laufbahn, die Familienplanung schwermacht – aber auch an den Frauen selbst.

          Die Wirtschaftswissenschaften sind eine Männerdomäne, daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur wenige Frauen schaffen es an die Spitze: Janet Yellen zum Beispiel, die immerhin vier Jahre lang als Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed über die Geldpolitik der größten Volkswirtschaft der Welt wachte, bevor Jerome Powell das Amt im November übernahm. Oder die griechisch-amerikanische Yale-Professorin Pinelopi Koujianou Goldberg, die gerade zur Weltbank-Chefökonomin ernannt worden ist – eine Position, die vor ihr regelrechte Stars wie Larry Summers, Joseph Stiglitz und Paul Romer innehatten.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          In Deutschland hat es noch nie eine Ökonomin bis ganz nach vorne geschafft. Claudia Buch ist immerhin seit 2014 Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank. Doch im Gegensatz zum Präsidenten Jens Weidmann ist sie einem breiteren Publikum kaum bekannt. Isabel Schnabel, Professorin in Bonn, ist seit 2014 Mitglied im Sachverständigenrat. In dieser Rolle ist sie im Rat die dritte Frau überhaupt, nach Beatrice Weder di Mauro und Bundesbankvize Buch. Und auch auf den Wirtschaftslehrstühlen der Universitäten des Landes sind Professorinnen nach wie vor klar in der Minderheit. Nur jede fünfte Professur ist derzeit in weiblicher Hand, erfährt man beim Statistischen Bundesamt, das allerdings nicht zwischen BWL und VWL trennt. In der Volkswirtschaftslehre geht es noch etwas männlicher zu als in der Betriebswirtschaftslehre. In den Vereinigten Staaten etwa sind bis heute nur 14 Prozent aller ökonomischen Professuren von Frauen besetzt.

          Für diese Zahlen gibt es Gründe. Im Gegensatz zu anderen Sozialwissenschaften oder den Geisteswissenschaften sind an den Wirtschaftsfakultäten die weiblichen Studierenden in der Minderheit. Für Deutschland fehlen leider genaue Zahlen, in den Vereinigten Staaten liegt der Anteil bei 35 Prozent. „Somit ist der Pool der Frauen schon am Anfang des Studiums zu gering“, erklärt Nicola Fuchs-Schündeln, Professorin für Makroökonomie an der Universität Frankfurt. Und mit jedem weiteren Schritt entlang der akademischen Laufbahn werden es weniger Frauen.

          Oft auffällig still

          „Nach der Promotion springen viele ab“, berichtet Fuchs-Schündeln. Die Gründe seien vielschichtig. Frauen fehlten oft weibliche Vorbilder und sähen sich unbewussten Vorurteilen gegenüber. Wie zahlreiche wissenschaftliche Studien zudem zeigen, seien sie eher wettbewerbsscheu und wollten den Unwägbarkeiten einer Hochschullaufbahn aus dem Weg gehen. Spätestens mit der Promotion suchten sich viele eine andere Stelle, die Sicherheit und Planbarkeit biete. „Viel wertvolles Talent und Ideen gehen der Wissenschaft dadurch verloren. Das ist ein Problem, das wir angehen müssen“, sagt sie. Isabel Schnabel berichtet von einem „zuweilen sehr aggressiven Diskussionsstil“ in dem Feld, was gerade Frauen abschrecke. Das Resultat: „Hochqualifizierte Forscherinnen verlassen die Wissenschaft und werden durch weniger qualifizierte Männer ersetzt.“

          Was den Frauen den Weg in die erste Reihe zusätzlich erschwert: Die Jahre, in denen man intensiv an seiner Hochschulkarriere arbeiten muss, fallen in der Regel mit der Familienplanung zusammen. „Das hält viele von einer akademischen Laufbahn ab“, meint Fuchs-Schündeln. Das klassische Familienbild – Karriere ist hauptsächlich Männersache, die Familie hauptsächlich Frauensache – sei in Deutschland noch immer dominant. Und deshalb nach wie vor auch eine Erklärung dafür, warum es so wenige Top-Ökonominnen gibt. Auf die Kinder folge für Mütter oft Teilzeitarbeit, erklärt die Forscherin. Zudem sei es immer noch die gesellschaftliche Norm, dass die Ortswahl der Familie vom Beruf des Mannes bestimmt wird. „Eine Karriere an der Uni ist damit für viele Frauen vom Tisch“, sagt sie.

          Nun ist es nicht so, dass in Fachkreisen Frauen nicht von sich reden machen. Schnabel und Fuchs-Schündeln sind trotz Familienaufbau – beide haben drei Kinder – in die Spitzenforschung vorgedrungen. In Fachjournalen sind Forscherinnen regelmäßig vertreten. Doch in der breiteren Öffentlichkeit sind sie oft auffällig still – was laut Schnabel auch eine bewusste Entscheidung ist. Im Gegensatz zu vielen Männern kämen sie meist nicht auf die Idee, ihre Meinung aktiv zu bewerben. „Sie wollen gefragt werden und sind selbst dann häufig zögerlich“, meint sie. Außerdem scheuten sie sich, starke Meinungen zu vertreten – und die seien der Öffentlichkeit „ja meistens am liebsten“.

          Strukturen müssen sich ändern

          Im Wettbewerb zwischen den Ökonomen um die begehrten Plätze zeigt sich allerdings auch, dass Frauen in der akademischen Welt benachteiligt werden. Das legen Untersuchungen nahe. Eine Studie vom vergangenen Jahr zeigte: Sobald sie nicht als alleinige Autoren auftraten, sondern mit anderen Wissenschaftlern gemeinsam publizierten, wurde ihnen die Ko-Autorenschaft weniger hoch angerechnet als ihren männlichen Kollegen.

          Was getan werden kann, um mehr Frauen in die Forschung zu holen? Laut Fuchs-Schündeln muss an verschiedenen Schrauben gedreht werden, um den Frauenanteil zu erhöhen. Die vielschichtigen Gründe erforderten vielschichtige Maßnahmen. Insbesondere reiche es nicht, die Frauen zu Trainings zu schicken. „Die Strukturen müssen verändert werden.“ Schnabel sieht vor allem ein Informationsproblem: Viele Studienanfängerinnen wüssten gar nicht, dass es bei Wirtschaftswissenschaften nicht nur um Finanzmärkte und Management gehe, sondern auch um Entwicklungspolitik, Ungleichheit oder Klimawandel. „Wir müssen viel aktiver um die jungen Frauen werben und sie für das Fach begeistern.“

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