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Forschungsförderung : Geisteswissenschaften als Sozialkitt

Von der Beschäftigung mit dem Islam verspricht sich das neue Förderprogramm viel praktischen Nutzen. Bild: dpa

Das Bundesbildungsministerium legt ein 700 Millionen schweres Rahmenprogramm auf. Es soll praxistaugliche Forschung unterstützen, die die Gesellschaft zusammenhält.

          „Wir sehen gerade, wie schwer es ist, unser Land zusammenzuhalten“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Dienstag in Berlin. Wenn die Gesellschaft jetzt nicht lerne, von allen Seiten aufeinander zuzugehen, dann werde das Zusammenleben unmöglich werden. Je globaler die Gesellschaft werde, desto mehr brauche sie die Wurzeln, aus denen sie komme, sonst werde sie den Halt verlieren. „Zur Stärkung von Zusammenhalt, Innovationsfähigkeit und kulturellem Erbe wird das BMBF geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung für praxistaugliche Anwendungen fördern“, so lautet, kurz zusammengefasst, die Zweckbestimmung für das neue Rahmenprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Damit werde auch eine Intention des Koalitionsvertrags aufgegriffen. Über eine siebenjährige Laufzeit sollen 700 Millionen Euro für die Projektförderung eingesetzt werden. Vergeben werden die Forschungsanträge in einem Wettbewerb, der von einer mit europäischen und deutschen Gutachtern besetzten Jury entschieden wird.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Als Beispiel für den Anwendungsbezug nannte Karliczek etwa die Quartiersforschung in Städten, die Früherkennung von Konflikten in Krisenregionen, die Islamische Theologie an den Universitäten, damit einst akademisch gebildete Imame (die sich die Moscheegemeinden derzeit nicht leisten können und wollen) dort unterrichten und predigen.

          Im Schwerpunkt „Gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken“, will das BMBF vor allem Fragen der gesellschaftlichen Radikalisierung (Populismus, Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Antiziganismus), Fragen der Vielfalt und Ungleichheit, der Demokratie und des Zusammenhalts in Europa klären lassen. Das im Aufbau befindliche Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das aus elf Forschungsverbünden besteht, soll dabei eigene Akzente setzen. So ist das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin dabei, aber auch das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld oder das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen.

          Vorwurf der dirigistischen Vereinnahmung

          Beim Schwerpunkt „Gesellschaftliche Innovationsfähigkeit fördern“ geht es um die Auswirkungen von Innovationen auf die Gesellschaft aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Mit dem Schwerpunkt „Kulturelles Erbe vergegenwärtigen“ wolle das BMBF die „Bedeutung des materiellen und immateriellen kulturellen Erbes für das Verständnis aktueller Herausforderungen sowie dessen Potential für die künftige Entwicklung fruchtbar machen. „Zudem sollen die Voraussetzungen für die Inwertsetzung des kulturellen Erbes, etwa durch die Unterstützung bei der Erschließung universitärer Sammlungen sowie die forschungsbezogene Digitalisierung von Archiven und Sammlungsgut verbessert werden, heißt es. Dazu wolle das BMBF Forschungen zu kulturellen Überlieferungen und dem historischen Erbe, beispielsweise der DDR, fördern. In allen drei Schwerpunkten sollen sowohl geistes- und sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung als auch anwendungsbezogene Forschung gefördert werden, „auf deren Basis Politik und Praxis wichtiges Orientierungs- und Handlungswissen erhalten soll“, heißt es in der Konzeption. Bewährte Förderformate wie die Käte Hamburger Kollegs, die seit 2008 vom Bund gefördert werden, und die fünf Merian-Zentren (Internationalisierung) sollen weitergeführt werden.

          Wenn das Ministerium von einer „Inwertsetzung des Kulturerbes zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen“ spreche, verkenne es ganz grundsätzlich, dass Kulturerbe ein Schatz ist, der nicht „inwertgesetzt“, sondern entdeckt, gehoben und bewahrt werden müsse. „Schon beinahe grotesk ist die Betonung des Transfers, wo sie sich zu der technokratischen Zumutung versteigt, dass sogar die Grundlagenforschung zum Anwendungsbezug ermuntert werden soll“, sagte der Vorsitzende des Philosophischen Fakultätentags, der Bremer Historiker Tassilo Schmitt. Es sei durchaus ehrenwert, Anwendung zu erleichtern. „Nur sollte man diese Absicht nicht Forschungsförderung nennen. Denn die zeichnet sich immer dadurch aus, dass sie auf die Bedürfnisse der Wissenschaft abgestimmt ist“, so Schmitt gegenüber dieser Zeitung.

          Ministerin Karliczek widersprach der Vermutung, es könne um eine dirigistische Vereinnahmung der Geistes- und Sozialwissenschaften gehen, und sagte, es gehe nicht darum, Wissenschaftler zu lenken. Über ihre Forschungsthemen entschieden diese selbst. Das gilt allerdings nur so lange, wie sie nicht auf Forschungsgelder angewiesen sind. Dann sind sie gezwungen, passgenaue Anträge zu verfassen.

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