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Forderung von Hochschulverband : Ohne Bashing oder Gewalt

Bernhard Kempen Bild: SvenSimon

Klare Worte des Präsidenten des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen: Plagiate seien künftig sorgfältiger zu verfolgen, die Leistungsmessung nach bibliometrischen Verfahren sei zu überdenken.

          Spätestens bei Plagiatsverfahren neigen Professoren dazu, den betroffenen Doktorvater in falscher kollegialer Rücksichtnahme zu schonen und ihn wie einen nahezu Unbeteiligten zu behandeln, der keine Verantwortung trägt. Verbunden mit einer Aufforderung zur Selbstkritik hat deshalb der Präsident des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Bernhard Kempen, zu Wochenbeginn in Berlin gemahnt, Plagiate sorgfältig zu verfolgen, mit Forschungsdaten sorgsam umzugehen und nicht aus Statusgründen „windige Drittmittelprojekte“ zu verfolgen oder gar alternative Fakten für möglich zu halten. Wer mit wissenschaftlichen Methoden nach der Wahrheit suche, sei auch verpflichtet für beide – die Wahrheit und solide Methoden – zu kämpfen und die Freiheit der Wissenschaft durch Feigheit nicht selbst zu gefährden.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Nicht weniger brisant war Kempens Aufforderung beim Hochschulverbandstag, die Qualität wissenschaftlicher Leistungen nicht nur durch die derzeit gängigen bibliometrischen Verfahren, also das Zählen von Zitationen, Impact-Faktoren von Fachzeitschriften oder Publikationen, abgeschlossener Promotionsverfahren oder der Höhe eingeworbener Drittmittel zu erfassen. „Wir müssten uns wieder bewusster und deutlicher dem Eigentlichen zuwenden und das Indirekte und indizielle hintenanstellen“, so Kempen. Die nötige Zeit dafür lasse sich möglicherweise schon dadurch gewinnen, dass die oft unzumutbaren Gutachteranfragen, die sie „aus allen Himmelsrichtungen“ erreichten, „häufiger unter Hinweis auf die zeitlichen Anforderungen einer seriösen wissenschaftlichen Begutachtung ablehnen“. Auf diese Weise könne jeder einzelne Professor dazu beitragen, die „überhitzte Betriebsamkeit der Universität wieder auf den Kern von Wissenschaft zu konzentrieren“.

          Noteninflationen sind der falsche Weg

          In einer Resolution hat der Verband, der über 31 000 Wissenschaftler vertritt, sich deshalb auch gegen die Noteninflation in Schulen und Hochschulen gewandt. „Der Wert und die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse beruhen auf Klasse, nicht auf Masse.“ Die Voraussetzung für Forschung durch eingeworbene Drittmittel dürfe nicht mit der Forschung selbst verwechselt werden. Anstatt die Wissenschaft in permanente Antragshektik zu versetzen, sollte die Politik vermehrt kreative Denk- und Arbeitsprozesse ermöglichen und damit auch Risikoforschung jenseits der vorherrschenden Forschungsthemen belohnen. „Die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis lebt vom leidenschaftlichen, heftigen und kontroversen Ringen um Thesen, Fakten, Argumente und Beweise.“ Gerade unkonventionellen, unbequemen und unliebsamen Meinungen müssten Universitäten ein Forum bieten, solange es sich um Forschungsergebnisse oder wissenschaftliche Thesen handele. Der DHV sieht die Aufgabe von Universitäten auch darin, widersprechende Meinungen zu respektieren und auszuhalten und Differenzen im argumentativen Streit auszutragen und nicht mit „Boykott, Bashing, Mobbing oder Gewalt“.

          An Hochschulen und Fakultäten richtet sich daher der Appell des DHV, umfassende und koordinierte Verfahrensvorkehrungen für den Umgang mit sexueller Belästigung oder Mobbing zu treffen. Auch an Hochschulen gebe es aufgrund der bestehenden Betreuungs- und Abhängigkeitsverhältnisse persönliche Grenzüberschreitungen, sagte Kempen. Schon jetzt gibt es an den Hochschulen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, Ombudspersonen, Konfliktberater, den Personalrat, psychosoziale Beratungsstellen oder ein Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Der Hochschulverband schlägt angesichts dieser Vielzahl von Zuständigkeiten vor, sich auf eine universitätsinterne, zentrale und ständig erreichbare Anlaufstelle zu beschränken, die allen rechtsstaatlichen Anforderungen genügen muss und von jeder Hochschule gestaltet und besetzt werden kann. Angesichts des Potentials, eine berufliche oder studentische Karriere zerstören zu können, sei ein ungeordnetes Nebeneinander unprofessionell und rechtsstaatswidrig.

          Wegen ihrer gestiegenen Verwaltungsaufgaben haben die Professoren die Länder dazu aufgefordert, das derzeitige Lehrdeputat mittelfristig von neun auf acht und längerfristig auf sieben Semesterwochenstunden zu reduzieren. „Das Idealbild wonach Forschung und Lehre mit zeitlich gleichen Anteilen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, ist von der Wirklichkeit längst überholt“, begründet der DHV seine Forderung und weiß wohl, dass die Senkung des Lehrdeputats die Situation in zulassungsbeschränkten Studiengängen verschärfen könnte. „Weniger Lehrkapazität heißt weniger Studienplätze“, die Wirkungen könnten aber abgemildert werden, wenn das Lehrdeputat flexibilisert werde und Lehraufgaben neu verteilt würden und es endlich mehr Professuren gebe.

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