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Fergus Millar ist tot : Direkter Demokrat

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War das ein demokratischer oder aristokratischer Ort? Das Forum Romanum als historische Illustration Bild: imageBROKER / vario images

Er provozierte eine der heftigsten Debatten in der jüngeren Geschichte seines Faches: Zum Tod des englischen Althistorikers Fergus Millar.

          Im sonst eher beschaulichen Forschungsumfeld der Althistorie steht sein Name für eine der schärfsten Debatten in der jüngeren Fachgeschichte. Ab Mitte der achtziger Jahre veröffentlichte der Oxforder Camden Professor Fergus Millar eine Reihe von Aufsätzen, in denen er die „orthodoxe“ Bewertung der römischen Republik als aristokratische Ordnung in Frage stellte und für eine stärkere Beachtung ihrer „demokratischen Elemente“ plädierte. Für die Durchsetzung der „Orthodoxie“ machte er vor allem eine deutsche Forschungstradition verantwortlich, die ihr Augenmerk zu stark auf die Klientel- und Patronagebeziehungen einer herrschenden Klasse und die Entscheidungsmacht des römischen Senats gelegt hätte.

          Dagegen stellte Millar die verschiedenen römischen Volksversammlungen als wichtige institutionelle Macht dar und betonte den Umstand, dass sich in Rom jeder noch so hochgeborene Politiker dem Volk zur Wahl stellen musste. Von einer Aristokratie könne im republikanischen Rom keine Rede sein, es habe sich vielmehr – frei nach Polybios – um eine „direkte Demokratie“ gehandelt, die der athenischen Ordnungsstruktur vergleichbar sei.

          Die „Fergus-Millar-Debatte“

          Auf Millars provokative – und bald als „revisionistisch“ gebrandmarkte – These reagierte das Fach wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm, in dessen Bau jemand mit spitzem Stock hineingestochen hatte. Nahezu monatlich erschienen damals entrüstete Gegendarstellungen, etwa mit Verweis auf ungerechte Abstimmungmodalitäten und die einflussreiche Rolle der Versammlungsleiter. Aber die sogenannte „Fergus-Millar-Debatte“ setzte im Fach auch neue Energien frei, um sich mit der Frage nach dem tatsächlich zwitterhaften Wesen der römischen Republik und dem erstaunlich langlebigen Zusammenhalt von Elite und Masse zu beschäftigen. Statt staatsrechtlicher oder prosopographischer Erklärungen suchte man nun allerdings eher in der integrativen Wirkung politischer Kultur und ritualisierter Erinnerung die Gründe für diesen Zusammenhalt.

          Deutsche Hegemonie

          Fergus Millar, der nach seinem Wehrdienst bei der Royal Navy in den fünfziger Jahren am Oxforder Trinity College studierte und bei Ronald Syme über Cassius Dio promovierte, später Nachfolger von Arnaldo Momigliano am University College London wurde und danach für den Rest seines lehrenden Lebens nach Oxford zurückkehrte, hatte sich vor seinen pointierten Aussagen zur Republik insbesondere mit der kaiserlichen Verwaltung vom ersten bis vierten nachchristlichen Jahrhundert beschäftigt. Der Versuch, den römischen Kaiser als politischen Amtsträger zu fassen, der – im Büro arbeitend wie ein moderner Beamter – auf Anfragen reagierte, schloss trotz heftiger Abgrenzung von der deutschen staatsrechtlichen Forschung etwa eines Theodor Mommsen im Grunde wieder an diese an. In Millars Person lebte immer auch das Bestreben der englischen Forschung fort, ihre Eigenart zu bewahren und gegen die im Fach allgegenwärtige deutsche Hegemonie zu verteidigen. Nicht unbedingt die Antworten, die er gab, aber auf jeden Fall die Fragen – auch die unbequemen –, die er stellte, haben dann aber eher zu einer Annäherung beider Forschungskulturen geführt.

          In späteren Jahren widmete sich Millar verstärkt den institutionellen Verschiebungen in der Spätantike und verfasste ein Standardwerk zur Ordnung des Oströmischen Reiches. Zuletzt war er nicht mehr bei der Alten Geschichte, sondern am Institut für Orientalistik angesiedelt. Am vergangenen Montag ist der 2010 von Queen Elizabeth geadelte und von seinen Schülern als „towering figure“ bewunderte Nestor britischer Altertumswissenschaft kurz nach seinem vierundachtzigsten Geburtstag gestorben.

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