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Falsches Signal : Universität Köln kürzt ihre Osteuropa-Forschung

  • -Aktualisiert am

Studenten verfolgen eine Vorlesung an der Universität Köln. Bild: dpa

Obwohl Osteuropa wissenschaftlich immer komplexer wird, kürzen viele Universitäten bei den Osteuropawissenschaften. Nun ist auch der Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte an der Universität Köln betroffen.

          Seit der Wiedervereinigung haben es die Osteuropa-Wissenschaften in Deutschland schwer. Im ganzen Land wurden in den vergangenen dreißig Jahren Institute verkleinert, Lehrstühle abgeschafft und Studiengänge, die sich mit der Geschichte osteuropäischer Staaten befassen, eingestellt. Das mag damit zusammenhängen, dass besonders in der ehemaligen DDR solche Forschungsstellen mit viel Personal ausgestattet waren und das Interesse an Osteuropa mit dem Zusammenbruch des Ostblocks nachließ. Nichtsdestotrotz sind diese Tendenzen auch in den alten Bundesländern feststellbar, und es waren häufig die Osteuropa-Forscher, die unter Budgetkürzungen litten.

          Getroffen hat es nun auch die Abteilung für Osteuropäische Geschichte des Historischen Instituts der Universität Köln. Der Lehrstuhl von Christoph Schmidt wird nach dessen Emeritierung im Februar 2020 nicht mehr nachbesetzt. Auch die Juniorprofessur von Maike Lehmann soll auslaufen. Damit endet bei den Kölner Historikern eine traditionsreiche Forschungslinie, die es durch bedeutende Geschichtswissenschaftler, wie Andreas Kappeler und Günther Stöckl, zu internationalem Ansehen gebracht hat, besonders in den Ländern östlich der Oder.

          Die Universität Köln hatte Ende 2018 angekündigt, dass massive Einsparungen an allen Fakultäten nötig seien, weil die Hochschule ein Defizit von über siebzehn Millionen Euro angesammelt hat. Da die Kürzungen paritätisch über alle Fakultäten aufgeteilt wurden, lässt sich laut Hochschulleitung auch der Abbau von Lehrpersonal nicht vermeiden. Mehrere Dutzend Lehrstellen sind betroffen.

          Martin Schulze Wessel, Professor für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München hält es für ein falsches Signal, dass die Philosophische Fakultät sich für die Streichung der Osteuropa-

          Geschichte entschieden hat. Tatsächlich ist kaum zu verstehen, dass in Zeiten einer immer nationalistischeren Geschichtspolitik in den Visegrád-Staaten, der Ukraine und Russland wichtige Lehr- und Forschungskapazitäten eingespart werden. In Ungarn ist eine revisionistische Geschichtsumdeutung auf dem Vormarsch, in Polen werden Geschichtsmuseen patriotisch instrumentalisiert, Russland deutet historische Ereignisse über seine Propagandakanäle um – und Deutschland kürzt seine Osteuropa-Forschung?

          Die prekäre Lage osteuropäischer Historiker belegt auch der jüngste Fall in Ungarn: Das Budapester 1956-Institut, lange Zeit ein Hort liberaler Forschung, hat seine Unabhängigkeit verloren und wird von Orbáns Regierung in das Veritas-Institut für patriotische Geschichtserzählung eingegliedert. Es bleibt zu hoffen, dass die Kölner Fakultät ihre Entscheidung rückgängig macht. Führende Wissenschaftler haben Briefe an die Universitätsleitung angekündigt.

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