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Geschichte von Großreichen : Fall und Aufstieg

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1857 erhoben sich in Indien einheimische Truppen gegen die Briten. Bei der Wiedereroberung von Lucknow wurde auch das Chhota Imambara, das 1837 errichtete Mausoleum des dritten Nawab von Awadh, beschädigt. Bild: Wikimedia

In der Krise Europas hält Habsburg Lehren parat. Die britische Weltherrschaft sieht man in Indien anders als in England. Das nächste große Ding der Geschichtsforschung ist das Großreich.

          In den vergangenen drei Jahrzehnten führte der Trend in der Geschichtsschreibung von der – erneuten – Befassung mit dem Nationalstaat nach 1990 über transnational-europäische Fragestellungen in den frühen nuller Jahren bis hin zur Globalgeschichte. Das Allerneueste ist jetzt eine Wiederbefassung der Historiker mit der Geschichte großer Reiche. Überraschend ist das nicht, führt man sich vor Augen, dass die Zunft bei der Auswahl ihrer Themen traditionell nah am politischen Zeitgeist segelt und dass die Europäische Union selbst unübersehbare Züge eines (krisengeschüttelten) Imperiums aufweist.

          So erinnert die Argumentation in der Geschichte des Habsburgerreiches des aus Utrecht gebürtigen, am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz lehrenden amerikanischen Historikers Pieter M. Judson („Habsburg“. Geschichte eines Imperiums 1740–1918. Verlag C. H. Beck, München 2017) streckenweise an den EuropaDiskurs seit der europäischen Finanz- und Staatsschuldenkrise. Nach der Lektüre bleibt der Eindruck haften, Europa könnte heute besser dastehen, würden nur die richtigen Lehren aus der Geschichte, genauer, der Geschichte des Habsburgerreiches gezogen: Pragmatismus, Toleranz gegenüber regionalen Eigenarten sowie die mit Nachdruck vorangetriebene Schaffung umfassend partizipativer Institutionen. Judson widerspricht der verbreiteten These, die Habsburgermonarchie sei an sich selbst zugrunde gegangen. Stattdessen betont er die integrative Kraft des Vielvölkerstaates, der bis 1914 über ein stabiles Fundament verfügt habe.

          Der „original Brexit“

          Im Zentrum der Analyse steht die Neubewertung des Zusammenwirkens von staatlicher Ordnung und multinationaler Gesellschaft. War man bisher gewöhnlich davon ausgegangen, dass es sich beim Habsburgerreich um eine Staatsgründung „von oben“ handelte, so dreht Judson den Spieß um. Er beschreibt die Organisation des Reiches als erfolgreiche Integration „von unten“. Große Teile der Bevölkerung seien unabhängig von Herkunft und nationaler Zugehörigkeit in die politischen und gesellschaftlichen Prozesse eingebunden worden. So habe sich auch in den entlegenen Regionen des Reiches ein Gefühl der Zugehörigkeit herausgebildet. Wenn es dennoch zu gelegentlichen Unmutsäußerungen in der Bevölkerung kam, waren diese meist gegen örtliche Repräsentanten der Zentralmacht gerichtet. Erst die gesamteuropäische Erschütterung des Ersten Weltkrieges setzte eine Dynamik in Gang, die das bewährte Zusammenspiel von Volk und staatlicher Gewalt schließlich zerstörte.

          Der Metternich-Biograph Wolfram Siemann hat Judsons Abschied vom Topos des „Völkergefängnisses“ als „Turnaround“ gerühmt, der einen grundsätzlich neuen Blick auf multinationale Reiche eröffnet. Unter drei Bedingungen können sie ihr Integrationspotential realisieren: Erstens, die Institutionen funktionieren und werden von der Mehrzahl der Untertanen als gerecht empfunden; zweitens, die Untertanen werden in den Prozess der Reichsgründung eingebunden, so dass die gemeinsamen Erfahrungen schwerer wiegen als sprachliche oder konfessionelle Trennungen; drittens, die staatlichen Praktiken und Institutionen erweisen sich als derart flexibel, dass sie regionale Unterschiede nicht unnötig verschütten.

          Kaum ein größerer Gegensatz ist denkbar als der zu Shashi Tharoors ebenfalls vor kurzem erschienener Studie zur britischen Herrschaft in Indien („Inglorious Empire“. What the British Did to India. Hurst Publishers, London 2017). Der Historiker und indische Parlamentsabgeordnete der Kongresspartei, der in England geboren und ausgebildet wurde und von 2002 bis 2007 stellvertretender UN-Generalsekretär war, liefert keine neuen Forschungsergebnisse, dafür aber kluge Perspektiven. Er nimmt die Argumente der liberalen realpolitischen Empire-Historiographie im Stil von Niall Ferguson auf, um sie mit einem postkolonialen Dreh zu versehen und mit Schwung in ihr Gegenteil zu verkehren. Geschickt verknüpft er Vergangenes und Gegenwärtiges. Das fängt bei der Wahl der Begrifflichkeiten an, deren Wirkungsmacht der Politiker Tharoor bestens kennt. Den Rückzug der Briten vom indischen Subkontinent 1947 bezeichnet er als den „original Brexit“.

          Als fortwirkende Last beschreibt Tharoor die ausgefeilten Exklusionsmechanismen des britischen Besatzungsregimes. Sie hätten nicht nur eine gespaltene, sondern eine regelrecht fragmentierte Gesellschaft hinterlassen. Die indisch-pakistanische Teilung sei nur das augenscheinlichste Resultat; hinzu kämen die unzähligen innerindischen Konflikte sowie die Politisierung des Konfliktes zwischen Schiiten und Sunniten in Pakistan.

          Die Bücher von Judson und Tharoor geben einen Eindruck davon, wie vielgestaltig die neuerliche Beschäftigung mit der Geschichte großer Reiche ausfällt; und zeigen, dass daran, mal mehr und mal weniger deutlich, auch stets Fragen nach den Ordnungsprinzipien unserer heutigen Gesellschaften geknüpft sind. So wird Tharoors Buch in Großbritannien nicht zuletzt mit Blick auf die Frage erörtert, wie tragfähig das Konzept der von der Regierung ins Auge gefassten intensiveren Commonwealth-Anbindung des Landes in der Epoche nach dem Brexit überhaupt sein könne.

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