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Fachkräftemangel : Talentsuche auf dem Campus

  • -Aktualisiert am

Die Universitäten reagieren bereits auf den Fachkräftemangel. Bild: dpa

In vielen Branchen fehlen kompetente Nachwuchskräfte. Hochschulen müssten dem Fachkräftemangel verstärkt entgegenwirken, sagen Kritiker. Dabei passiert an den Universitäten schon einiges.

          Geht es um den Fachkräftemangel in Deutschland, dann lautet eine der Hauptforderungen: Es müssen dringend neue Studiengänge her. Dass dieser Mangel die Unternehmen Hunderte Milliarden Euro Umsatz kostet und das deutsche Bruttoinlandsprodukt um einige Prozentpunkte drückt, gilt als ausgemacht; regelmäßig erscheinen Studien, die das belegen und sich nur in Details unterscheiden, welche Branchen besonders betroffen sind und wie hart es jede einzelne treffen könnte. Der Ruf nach neuen Studiengängen geht einher mit dem Vorwurf, die deutschen Hochschulen reagierten zu langsam. Andere Länder seien besser darin, Studieninhalte an die neuen Bedürfnisse der Wirtschaft anzupassen.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Isoliert betrachtet, zeichnet diese Kritik das Bild einer trägen Hochschullandschaft, die den Wandel bremst statt ihn mitzugestalten. Ein Blick auf die regelmäßigen Meldungen neuer Studiengänge an deutschen Hochschulen erweckt allerdings einen anderen Eindruck. Landauf, landab sprießen neue Studiengänge. Die IUBH etwa, eine private, staatlich anerkannte Fachhochschule mit mehreren Standorten in Deutschland, präsentierte unlängst gleich drei neue duale, zwei neue englischsprachige und fünf neue Online-Studiengänge – garniert mit dem Hinweis, etwas gegen den Fachkräftemangel in Deutschland tun zu wollen. Schließlich hatte das Baseler Forschungsinstitut Prognos gewarnt, dass in Deutschland bis zum Jahr 2030 drei Millionen Fachkräfte fehlen könnten.

          Während sich die IUBH auf die Themen IT, Digitalisierung und Gastronomie fokussierte, stellte die Rheinische Fachhochschule Köln kurz darauf einen neuen Bachelor-Studiengang „Retail Management“ und die Fachhochschule Frankfurt die neuen Studiengänge „Real Estate und Facility Management“ sowie „Real Estate und Integrale Gebäudetechnik“ in Aussicht. Es tut sich also durchaus etwas, nicht nur an diesen Hochschulen, sondern auch an vielen anderen. Peter Thuy, Rektor der IUBH, sagt stellvertretend für andere Standorte: „Fachkräfte mit praxisnaher Ausbildung sind in der Wirtschaft besonders gefragt. Die Tendenz ist weiter steigend und ein Ende nicht abzusehen.“

          Es sind Zukunftsfragen

          Dass die Hochschulen als neue Berufsausbildungsstätten des Landes missverstanden werden könnten, ruft Skeptiker auf den Plan. Die Hochschulrektoren-Konferenz etwa, die diesen Trend seit längerem kritisch verfolgt. Ihr Präsident Horst Hippler reagierte recht deutlich auf die zuvor veröffentlichten hochschulpolitischen Leitlinien des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Die Idee, dass ein Studium die möglichst reibungslose Integration der Absolventen in betriebliche Abläufe sicherstellen soll, sei „eine grundlegende Fehleinschätzung“. Die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt sei zwar eine wichtige Funktion des Studiums, aber nicht die einzige. Erst einmal gehe es um eine wissenschaftliche Ausbildung. Hippler sagte: „Wer die Arbeitsmarktvorbereitung im Studium umdeutet in eine Berufsausbildung, der kündigt einen jahrzehntelangen Konsens auf.“

          Zumal der Fachkräftemangel den Hochschulen schon genügend schwierige Aufgaben stellt. Anspruchsvolle Disziplinen wie etwa Künstliche Intelligenz oder Maschinelles Lernen können ohne sie nicht nach vorn gebracht werden. Es sind Zukunftsaufgaben, in denen der Fachkräftemangel besonders großen Schaden anrichtet. Keine schöne Aussicht also, dass nach einer Studie der Fraunhofer-Gesellschaft rund 85 000 Akademiker mit fortgeschrittenen Kenntnissen in der Datenanalyse sowie rund 10 000 IT-Spezialfachkräfte in den Bereichen Big Data, Advanced Analytics, Business Intelligence und Data Science fehlen. In den MINT-Berufen – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik – hat die Arbeitskräftelücke die Marke von 300 000 erreicht. In Engpassberufen suchen Unternehmen 150 bis 200 Tage, bis sie einen passenden Mitarbeiter finden.

          Arbeitgeber von morgen

          Mitunter tun sich mehrere Hochschulen zusammen, um voranzukommen. So wie in Hessen: Dort bieten die Justus-Liebig-Universität Gießen, die Philipps-Universität Marburg und die Technische Hochschule Mittelhessen ingenieurwissenschaftlichem Nachwuchs die Möglichkeit, sich weiter zu qualifizieren. Das Trio hat ein Promotionszentrum für Ingenieurwissenschaften am Forschungscampus Mittelhessen gegründet, und auch Katharina Krause, Präsidentin der Uni Marburg, verzichtete bei der Begründung nicht auf den Dauerbrenner Fachkräftemangel. Es gehe darum, Stärken zu bündeln und gemeinsam mehr zu erreichen, als das allein möglich wäre. „Durch Zentren wie dieses schöpfen wir das Potential unseres Hochschulverbundes in Richtung Nachwuchsförderung optimal aus und wirken dem drohenden Fachkräftemangel bei den Unternehmen in der Region entgegen“, sagte sie.

          Unternehmen suchen ohnehin frühzeitig Kontakt zu Hochschulen, um ihrerseits etwas gegen den Mangel an geeigneten Mitarbeitern zu tun. Ob klassische Werbeaktion, Unternehmenspräsentationen oder Personaler-Gespräch: Es gibt jede Menge Möglichkeiten, sich potentiellen Kandidaten zu nähern – und sie werden reichlich genutzt. Inzwischen sogar so reichlich, dass die Kritik wächst. Um die Unternehmen nicht wahllos auf die Studenten loszulassen, bieten viele Hochschulen Firmenkontaktmessen an, auf denen sich Studenten Arbeitgebern von morgen annähern können. Allerdings sollte man es auch hier nicht übertreiben. So mancher Professor hat sich schon beklagt, dass seine Studenten vor lauter Praktika nicht mehr zum Studieren kommen. Und das hilft gegen den Fachkräftemangel auch nicht gerade.

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