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Mathias Ènard in Istanbul : Erzähl uns nichts

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Mosaiken in der Hagia Sophia Bild: Picture-Alliance

Mathias Énard gilt als Kenner des Mittelmeerraums und seiner westöstlichen Sprachen. Ein Artikel in der „London Review of Books“ zieht dies in Zweifel und entdeckt orientalistische Vorurteile.

          Vor gut zwanzig Jahren lief in den Kinos von Istanbul ein Film, der die Stadt und ihre lang vergangenen Beziehungen zum Westen lebendig machte. Er handelte vom Fliegen. „Istanbul Kanatlarimin Altinda“, „Istanbul unter meinen Schwingen“ hieß die Geschichte eines Erfinderpaars, das in einem unbestimmten siebzehnten Jahrhundert eine (wirkliche) Zeichnung Leonardo da Vincis in die Hände bekommt. Ein Fluggerät. Das bauen sie. Vom Galataturm hoch über Pera, dem europäischen Viertel der Stadt, fliegt einer von ihnen vor seinen Häschern auf den Bosporus hinaus. Sein Flug ist auch eine Flucht, denn Janitscharen sind auf Veranlassung des obersten Religionshüters hinter ihm her, die den Flug als gottlos zu verhindern suchen. Aber er gelingt.

          Ein grausamer Sultan herrscht, Murat IV., der verkleidet das Nachtleben seiner Hauptstadt durchstreift und manchmal seine Schergen dorthin schickt, wo er letzte Nacht noch war. Janitscharenmusik rückt aus und spielt ein Urbild aller Märsche europäischen Militärs, eine seidene Schnur wird überreicht, ein Mädchen aus Italien, das Leonardos Handschrift zu lesen versteht, entblößt sich und bleibt damit der wesentliche Beitrag der italienischen Koproduzenten zu einem Film, den ich damals auf Türkisch sah und trotzdem verstand.

          Hartnäckige Nachfrage brachte mich in die Räume der Filmproduktion im Stadtteil Şişli. Dort durfte ich eine englische Drehbuchfassung lesen und mich eine Weile mit dem Filmkomponisten unterhalten, der am Konservatorium in Ankara studiert hatte und so ein Enkelschüler von Paul Hindemith war. Lange hing die Vergrößerung eines Filmschnipsels an meiner Pinnwand. Der Erfinder betrachtete darauf nachdenklich eine Fledermaus, die er an den Flügeln vor sich aufspannt. So könnte es gehen.

          Die Mosaiken der Hagia Sophia

          Der Film erzählt eine mögliche Vergangenheit, die eine damals kaum absehbare Zukunft beschrieb, in der Menschen es schwer haben, die über neue Dinge und alte Zeichnungen nachdenken. Ihn hatte ich noch im Kopf, als ich eine historische Novelle las, in der nicht Leonardo, sondern Michelangelo die Hauptrolle spielt, in einem wenig dokumentierten Jahr seines Lebens. Er reist nach Istanbul und begutachtet (natürlich) ein (angebliches) Projekt Leonardos, das einer Brücke über das Goldene Horn. Die deutsche Übersetzung der Geschichte erschien unter dem Titel „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ im Piper-Verlag.

          Mathias Énard genießt den Ruf, ein Kenner des Mittelmeerraums und seiner westöstlichen Sprachen zu sein. Immer heftiger den Kopf schüttelnd legte aber kürzlich Adam Mars-Jones in seiner Besprechung der jetzt auch ins Englische übersetzten Novelle in der „London Review of Books“ (Nr. 2, 24. Januar 2019) dar, dass diesem Ruf nicht recht zu trauen ist. Ein weiteres Puzzlestück erhärtet diesen Zweifel, denn es zeigt, wie wenig historisches Bewusstsein der Autor bei seinem Versuch einer westöstlichen Begegnungsfiktion eigentlich mitbringt.

          Michelangelo besucht in Istanbul auch die Hagia Sophia, die längst Moschee gewordene Kirche der byzantinischen Kaiser, wo er byzantinische Kunst zu sehen erwartet. Sein Führer „erklärt Michelangelo, dass der Überzug aus weißem Putz die Mosaiken verberge, die ehemals die Wände bedeckten. Die Kalligraphien dort sind unsere Bilder, Meister, die unseres Glaubens.“ Letzteres klingt plausibel. Aber Ersteres hat dem Autor wohl ein heutiger Fremdenführer erzählt. Zwar entspricht es dem Geist einer vorgeblich neu-osmanischen Türkei, aber nicht der osmanischen Wirklichkeit. Denn die Mosaiken der Hagia Sophia waren in den Jahrhunderten nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels für jeden Besucher frei sichtbar, bis auf ein paar Heiligenbilder auf den Frauenemporen vielleicht, wo sie als Männerbilder störten und nicht weil sie christlichen Inhalts waren.

          Die osmanischen Eroberer sahen keinen theologischen Grund, die christlichen Bilder zu überdecken. Das zeigen zum Beispiel die Kupferstiche zum Reisebericht von Guillaume-Joseph Grelot aus Konstantinopel, erschienen 1680, aber auch noch die Tafeln der Gebrüder Fossati von 1852. Mit einer großen Restaurierungskampagne an der Hagia Sophia ging damals der Bau einer neuen Universität in Istanbul einher, die nie eröffnet wurde. Stattdessen zog das Innenminsterium dort ein. 1934 verwandelte Kemal Atatürk die zur Moschee gewordene Kirche in das Ayasofya Müzesi.

          Énard liefert in seiner Novelle also ein Geschichtsbild, das dem der Islamisten entspricht, die heute eine Rückverwandlung von Kemal Atatürks Museum in die Ayasofya Camii der Osmanen fordern. Sie wollen eine Rückkehr zur fundamentalistischen Reaktion des späten neunzehnten Jahrhunderts, die eine am europäischen Vormärz orientierte Reformpolitik in der Türkei damals scheitern ließ und tatsächlich vielerorts zu klerikalem Vandalismus an byzantinischen Denkmälern geführt hat. Der Film über einen Erfinder, den es wohl nie gegeben hat, gewinnt im Vergleich mit der historischen Novelle an Gewicht. Dem Schriftsteller aber fällt gar nicht auf, dass seine Plaudereien an osmanischen Kaminen von „orientalistischen“ Vorurteilen mehr geprägt sind, als ihm eigentlich recht sein kann.

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