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Traumaforschung : Erinnerung, die nicht vergehen will

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Sie ist Nevers, er ist Hiroshima: In Alain Resnais’ Film „Hiroshima, mon amour“ (1959) ist die Traumaerfahrung zu verschieden für ein Leben als Paar Bild: Picture-Alliance

Trauma ist ein Leiden mit vielen Gesichtern. Der ICD-Index legt weltweit fest, in welchen Fällen es eine Krankheit ist. Andreas Maercker gibt der Kultur dabei wieder ein Mitspracherecht.

          Am 18. August 1980 schickt ein zwanzig Jahre alter Medizinstudent eine Postkarte an seine Eltern in Halle an der Saale: „Das Leben ist herrlich.“ In Budapest freut er sich, Freuds „Traumdeutung“ kaufen zu können. An der ungarischen Grenze zu Österreich von einem Grenzposten kontrolliert, schreibt er in sein Reisetagebuch: „Nun werde ich also noch nicht in den Westen abhauen.“ Seine Aufzeichnungen dieses Sommers, in dem er Polen, die heutige Ukraine, Ungarn bereist, enden mit dem Eintrag: „Immer noch gibt es welche, die so reden, als ob wir eines Tages im kommunistischen Schlaraffenland leben. Ich weiß wirklich nicht, was man tun kann und muss.“

          Im Juli 1980 tagt in Leipzig der zwölfte Internationale Kongress für Psychologie, mit viertausend Teilnehmern eine der größten wissenschaftlichen Veranstaltungen in der DDR. Der Lehrstuhl für sogenannte Operative Psychologie an der Juristischen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit existiert da bereits seit fünfzehn Jahren. In einem anderen Quartheft aus dieser Zeit sammelt der Student Passagen aus Büchern abseits der Parteilinie, die er auf Schmuggelwegen erbeutet hat. Dazwischen verstreut ein paar Verse von Heine: „Die Konterbande, die mit mir reist, / Die hab’ ich im Kopfe stecken.“

          1986 wird der Student an der Humboldt-Universität zu Berlin in Medizin promoviert, approbiert und schließt auch sein Psychologiestudium ab. Mit 26 wird er Assistenzarzt am psychiatrischen Ost-Berliner Großkrankenhaus Wilhelm-Griesinger. 1987 reist er wieder nach Budapest, zur ersten (und einzigen) Psychoanalyse-Tagung im Ostblock, die ihn intellektuell ernüchtert. Im Oktober 1988 versucht er DDR-Flucht. Wird im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen wegen „versuchter rechtswidriger Nichtrückkehr in schwerem Fall“ zu zwei Jahren Haft verurteilt. Sitzt über zehn Monate in einer Zwölf-Mann-Zelle. Hält dort in einem Nebengelass psychotherapeutische Sitzungen für Mitgefangene ab. An einem goldenen Herbstnachmittag sitzt Andreas Maercker, der Student von damals, als Fellow im Wissenschaftskolleg zu Berlin. Über seine fesselnde Lebensgeschichte verliert er da kaum ein Wort. Aber er hat darüber geschrieben hat: in einem Blog, als kleine Ethnographie des Eigenen.

          Geschärfter Blick für die individualistische Psychologie

          Maerckers persönliche Geschichte hat auf seine wissenschaftliche Laufbahn abgefärbt. Als er sich 1989 im geeinten Berlin in seine Arbeit als Postdoc-Stipendiat am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung stürzt, ist das Thema „Trauma“ eine Neuerscheinung. Heute, fast dreißig Jahre später, ist es aus der Psychologie nicht mehr wegzudenken. Das ist auch das Verdienst von Andreas Maercker, der an der Universität Zürich heute sowohl den Forschungsschwerpunkt Psychopathologie mit Schwerpunkt „Stress- und Traumafolgestörungen“ als auch das Behandlungszentrum „Trauma und Trauer“ leitet. 2015 hat er innerhalb der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ auch eine Kommission zur Aufarbeitung der Instrumentalisierung der Psychologie in der DDR ins Leben gerufen.

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