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Integration : Schonungslose Einblicke in den Schulalltag

Traumberuf? Von wegen: Lehrer am Rande des Zusammenbruchs Bild: Thomas Raupach

Dieser Erfahrungsbericht einer frustrierten Pädagogin zeigt, warum die Integration durch Bildung nicht funktioniert – und was zu tun wäre, um die überforderten Schulen zu entlasten.

          Dieses ernüchternde Buch aus dem Alltag einer Frankfurter Hauptschule und über den Umgang mit eingewanderten Jugendlichen müsste zu einer Pflichtlektüre für Bildungs- und Sozialpolitiker werden. Allerdings ist damit zu rechnen, dass ihnen dann die wohlfeilen Sonntagsreden vom Aufstieg durch Bildung oder die Integration durch Bildung im Halse stecken blieben. Was Ingrid Freimuth, eine Diplom-Pädagogin, die später Lehramt für die Sekundarstufe I studierte und dann an einer Integrierten Gesamtschule, in der Lehrerausbildung sowie an Haupt- und Realschulen tätig war, aus 40 Jahren Berufsleben berichtet, ist harte Kost. Mangelnde Einblicke wird man der erfahrenen und engagierten Pädagogin, die am Ende ihrer Tätigkeit wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen mit einem Burnout in einer Klinik wieder aufgebaut werden musste, nicht vorwerfen können. Sie hat im Einzelunterricht für Schüler der sozialpädagogischen Lernhilfe und in Kursen an der Volkshochschule für Deutsch als Zweitsprache die unüberwindlichen Hindernisse bei der Integration miterlebt. Und sie hat darunter gelitten, dass sie mit kaum einem Außenstehenden, selbst mit guten Freunden nicht darüber reden konnte, weil ihre Äußerungen immer vorschnell als ausländerfeindlich oder rassistisch abgestempelt wurden. „Bis heute ist es aus Gründen politischer Korrektheit riskant, Unterschiede zwischen Menschen wahrzunehmen und zu beschreiben. Das Fremde als fremd zu erkennen und zu benennen ist nahezu tabu“, schreibt die Pädagogin.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Schnörkellos sagt sie, was sich spätestens bei der Abschaffung der Hauptschule in vielen Ländern gezeigt hat: dass „wir immer wieder hoffen, real existierende Phänomene mit dem Verschwinden des sie bezeichnenden Wortes gleich mit zum Verschwinden zu bringen“. Nur ist die Klientel der Hauptschule mit ihrer Abschaffung nicht weg, sondern bevölkert nun Realschulen, Gesamtschulen oder Sekundarschulen.

          Was Freimuth vor 20 Jahren aufzuschreiben begann, hat sich durch den Flüchtlingsstrom noch verschärft: eine immer schwierigere und heterogenere Schülerschaft in überfüllten Klassen mit völlig unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, in denen einige Alpha-Exemplare der männlichen Schülerschaft den Ton angeben. Ihnen ist mit deeskalierenden verbalen Mitteln nicht beizukommen, sie verstehen nur das Prinzip der Rangordnung und das Recht des Stärkeren. Sobald sich ein Lehrer solchen Schülern zu entgegenkommend oder gar unsicher zeigt, werden sie ihn für ein „Weichei“ und für unterlegen halten. „Auf Rangordnung fixierten Persönlichkeiten sollte man nach meiner Erfahrung freundlich, bestimmt und autoritär begegnen. Zur Not auch mal kurz unfreundlich“, meint die Erfahrene, die sich Personal für Sanktionen wünscht, damit die Lehrer in Ruhe unterrichten können. „Wenn wir anfangen, die Realitäten in unserem Land genau anzuschauen, und wenn wir damit aufhören, die Abschaffung von Grenzen und Kontrollen mit Freiheit zu verwechseln“, dann könnten wir „das“ eventuell schaffen, wovon die Kanzlerin in der Flüchtlingskrise hoffnungsfroh und ohne den Schulalltag genau zu kennen, sprach. Viele ihrer Kollegen buhlten entweder instinktlos um Anerkennung und Zuneigung ihrer Schüler, oder sie versuchten, sich ihnen in irregeleitetem Demokratieverständnis „sozusagen gleichberechtigt anzubiedern“. Damit steigerten sie aber nur die Aggressivität beim Rangniederen. Denn der Ranghöhere könne keinen schlimmeren Fehler machen, als Demutsverhalten an den Tag legen, das seinem Rangplatz nicht angemessen sei. Partnerschaftliche und demokratische Unterrichtsstile funktionierten eben nur dann, wenn Lehrer und Schüler die gleichen gesellschaftlichen Wertvorstellungen teilten.

          Kampf um Integration an Brennpunktschulen

          Von Kuschelpädagogik und „verwuschelten Sozialarbeitern“, die ihre Schüler stundenlang nach familiären Missständen befragen, hat Freimuth genug, sie schlägt stattdessen einen „Security-Raum“ für Brennpunktschulen vor, in dem Sicherheitsbeauftragte überwachen, dass ein Schüler einen ihm gestellten Auftrag auch ausführt. Und sie weiß, wovon sie redet. Oft genug hat sie ihre Nachmittage und ihre Freizeit geopfert, um einzelnen Schülern doch noch Grundkenntnisse des Deutschen beizubringen, um sie zivilisationsfähig zu machen, doch in den meisten Fällen musste sie aufgeben, weil die Hilfsbedürftigen der Helferin mit einer blanken Verweigerungshaltung entgegentraten.

          „Die sozialstaatliche Verhätschelung, mit der einer bestimmten Klientel systematisch Leistungsbereitschaft und Eigeninitiative abtrainiert wird“, reiche weit über die Schule hinaus, stellt Freimuth fest und wirft Politikern vor, die Lehrerschaft mit dem Problem alleinzulassen.

          Ständig schwänzenden Teilnehmern von Deutschkursen müssten ihrer Meinung nach die Kurskosten von den Zuwendungen gekürzt werden. Kursteilnehmern mit geringem Einkommen werden mindestens 600 Unterrichtsstunden (inklusive Fahrtkosten vom Wohn- zum Unterrichtsort) vom Bundesamt für Migration (Bamf) bezahlt. Am Ende gebe es eine kleine Prüfung, in der nur ein Verständnis von Situationen und die Fähigkeit verlangt wird, sich mitzuteilen. Wer die Prüfung nicht bestanden hat, muss nicht die Kurskosten an das Bamf zurückzahlen, sondern bekommt auf Kosten der Öffentlichkeit weitere 300 Stunden Deutschkurs. Freimuth plädiert dafür, den Deutschschwänzern die Kurskosten von ihren Zuwendungen abzuziehen. Für genauso wichtig hält sie es, einen Sanktionskatalog für Fehlverhalten im Unterricht zu erstellen. Andernfalls erziehe sich der Staat keine aktiven Leistungserbringer, sondern passive Leistungsempfänger, die gar keine Notwendigkeit sähen, sich zu integrieren. „Wie einfach könnte alles werden, könnten wir uns nur dazu durchringen, unsere ausufernden sozialstaatlichen Förderangebote wenigstens an positive Mitarbeit und Leistungen der Klientel zu koppeln. So könnten sie sich selbst aus dem Stand passiver Leistungsempfänger in den gesellschaftlich nützlicheren Stand von Leistungserbringern adeln“, meint sie in ihrem ernüchternd-realitätsnahen und authentischen Bericht vom unermüdlichen Kampf um Integration an Brennpunktschulen.

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