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„Professorin des Jahres“ : Statistik ohne Qual

Corinna Baum, „Professorin des Jahres“ Bild: Michael Kretzer

Das Fach, das Corinna Baum unterrichtet, erfreut sich unter Studenten keiner großen Beliebtheit. Umso erstaunlicher, dass es der Dozentin gelungen ist, zur „Professorin des Jahres“ gewählt worden zu sein.

          Wie leidensfähig Menschen sind, hat Corinna Baum wissenschaftlich untersucht: Ihre Doktorarbeit befasste sich mit dem Thema Schmerzwahrnehmung. Inzwischen lehrt Baum am Frankfurter Standort der Hochschule Fresenius ein Fach, das – wie sie selbst zugibt – etlichen Studenten zumindest mentale Qualen bereitet: Statistik für Psychologen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn man der Unicum-Stiftung glauben darf, versteht sich die freundlich zugewandte Frau mit dem Nasenpiercing allerdings vortrefflich darauf, die Missempfindungen von Mathe-Allergikern in ihren Kursen zu lindern. Mehr noch: Es gelinge ihr, „das wichtige Grundlagenfach Statistik für die Ausbildung von Psychologen zu einer attraktiven Lernmöglichkeit zu machen“, urteilten die Juroren. Unter anderem deshalb wurde Baum der Titel „Professorin des Jahres“ in der Kategorie Medizin/Naturwissenschaften zuerkannt. Studenten hatten deutschlandweit mehr als 1600 Hochschullehrer nominiert, von denen am Ende in vier Fachkategorien je einer ausgezeichnet wurde. Zum ersten Mal überhaupt ist eine Professorin der Fresenius-Hochschule als Siegerin aus diesem Wettbewerb hervorgegangen.

          Baum weiß, dass Mathematik viel von ihrem Schrecken verliert, wenn ihr Nutzen für den Anwender ersichtlich ist. Deshalb gibt sie den Kursteilnehmern zum Üben Datensätze aus ihrer eigenen Forschung. „Dann müssen sie versuchen, auf die gleichen Ergebnisse zu kommen wie ich.“ Dieser praxisnahe Zugang bewähre sich, meint die Professorin: Die Durchfallquote in den Statistik-Kursen sei „eher gering“.

          Die Lehre hat Priorität

          Einige ihrer Studenten entdecken auf diese Weise sogar ihre Liebe zur Wissenschaft und wechseln später zur Promotion an eine Universität. Aber auch wer eine Therapeutenlaufbahn anstrebt, muss der Fresenius-Hochschule nach dem Bachelor den Rücken kehren: Die entsprechende Ausbildung ist nur auf der Basis eines universitären Master-Abschlusses möglich, wie Baum erläutert. Mancher Fresenius-Abgänger denke in der Uni gerne an die kleinen Gruppen in der Fresenius-Hochschule zurück, berichtet sie.

          Das betreute Lernen hat für die gut 500 Frankfurter Bachelor- und Masterstudenten der Psychologie freilich seinen Preis: Die Studiengebühr beträgt 650 Euro im Monat. Dieses Geld aufzubringen dürfte für viele Interessenten die höchste Hürde sein. Anders als in den staatlichen Unis gibt es bei der Privathochschule keinen Numerus clausus. Bewerber werden zu einem „Aufnahmetag“ eingeladen, für den Baum ungern den Begriff „Assessment-Center“ benutzt. „Uns ist vor allem wichtig zu sehen, wie stark das Interesse am Fach ist.“

          Baums eigene Karriere führte durch das öffentliche Hochschulsystem zur Professur. 1974 in Limburg geboren, absolvierte sie zuerst eine Lehre als Gestalterin für visuelles Marketing, ehe sie sich an der Frankfurter Fachhochschule für Soziale Arbeit einschrieb. Dank guter Noten konnte sie später an die Goethe-Uni wechseln, wo sie ihr Psychologie-Diplom erwarb. Es folgten die Promotion in Bamberg, ein Lehrauftrag an der TU Darmstadt und schließlich im vergangenen Jahr die Berufung an die Fresenius-Hochschule.

          Habilitiert hat sich Baum bisher nicht. Sie sei „hin- und hergerissen“ gewesen zwischen Forschung und Lehre, sagt sie. Mit dem Wechsel zu Fresenius war klar, dass erst einmal die Lehre Priorität haben wird. Allerdings hat auch ihr jetziger Arbeitgeber – wie so viele Fachhochschulen – den Ehrgeiz, in der Wissenschaft eine Rolle zu spielen. Kooperationen mit der Wirtschaft und ein eigener Forschungsfonds sollen auf diesem Gebiet für mehr Reputation sorgen.

          Auch Baum hat ihre Forscher-Ambitionen noch nicht aufgegeben. Statt für das Schmerzempfinden interessiert sie sich nun besonders für die Schwankungen der menschlichen Aufmerksamkeit oder, in ihren Worten, für „attentionale Emotions-Regulations-Strategien“. Deshalb lässt sie gerade ihre Statistikvorlesung filmen. Nicht auf sie selbst ist dabei die Kamera gerichtet, sondern auf das Publikum: Baum will wissen, wie oft ihre Studenten zum Smartphone greifen und wie sich das auf ihre Konzentration auswirkt. Auch wenn sie es nicht unbedingt für förderlich hält, dass die Augen der Hörer oft auf das Handydisplay gerichtet sind statt auf die Dozentin, will Baum doch keinesfalls so weit gehen wie manche Professorenkollegen und den Smartphone-Gebrauch während der Vorlesung verbieten: „Es ist ein Studium, keine Schule.“

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