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Goethes Einfluss auf Amerika : Ein Geschlecht, das ihm gleich sei

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Amerika hat „keine Basalte“? Hier irrte Goethe: In der Nähe von Aspen im Bundesstaat Colorado gibt es den Basalt Mountain und seit 1901 sogar eine Stadt mit dem Namen Basalt. Bild: Aspen Historical Society, Hofmann Collection

Individualität und Sozialität begegnen sich in einem Lebenswerk, das sich als Kompendium der neuen Weltweisheit lesen lässt: wie Goethe den Amerikanern ihr Ein und Alles wurde.

          Goethe als Nationaldichter der Vereinigten Staaten? Wer sich das Organisationskomitee der 1949 in Aspen, Colorado abgehaltenen „Goethe Bicentennial Convocation“ anschaut, kann sich dieses Eindrucks kaum erwehren. Man habe für die Planung der Festveranstaltung anlässlich des großen Goethe-Jubiläums, so liest man in einer Ankündigungsbroschüre, einige der „herausragenden Bürgerinnen und Bürger dieser Nation aus Wirtschaft, Industrie, Bildung, Wissenschaft, Politik, Musik und Literatur“ zusammengebracht – „Männer und Frauen, die einen Sinn haben für die intellektuellen und kulturellen Anliegen der Weltgemeinschaft“. An der Spitze: der ehemalige amerikanische Präsident Herbert C. Hoover, der Nobelpreisträger und Neu-Amerikaner Thomas Mann sowie der Kanzler der University of Chicago und führende Bildungstheoretiker des Landes, Robert M. Hutchins.

          Das amerikanische Interesse an Goethe entspringt nicht bloß dem Willen zu humanistischer Traditionspflege. Vielmehr lässt sich eine intellektuelle Nähebeziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Goethe ausmachen. Dies kommt in einem Radiogespräch zum Ausdruck, das Hutchins und der Theologe Reinhold Niebuhr in zeitlicher Nähe zur Jubiläumsveranstaltung führten. Gleich zu Anfang des Gesprächs ging es um ein für Goethes Leben und Denken charakteristisches Spannungsverhältnis. Niebuhr: „Vielleicht besteht darin seine wahre Größe – dass er eine universelle Lebensform will, welche die Unabhängigkeit des Einzelnen, die Einzigartigkeit eines bestimmten Bestandteils innerhalb der Weltkultur nicht aufhebt.“ Hutchins: „Das Ganze und die Teile.“ Niebuhr: „Das Ganze und die Teile.“

          Goethe erscheint hier geradezu als Personifikation des Wappenspruchs im großen Siegel der Vereinigten Staaten: „E pluribus unum“. Aber worum ging es Niebuhr genau? Er sprach von der Unabhängigkeit des Einzelnen, der in einen Gesamtzusammenhang eingebunden ist, ohne sich zugleich in ihm aufzuheben. Die Formulierung ist unscharf genug, um sowohl als individuelles Bildungskonzept wie auch als globale Gesellschaftsidee verstanden zu werden – und darum nicht zuletzt als Kommentar zur Weltlage 1949: Im gleichberechtigten Verhältnis der Teile und des Ganzen, des Einzelnen und der Gemeinschaft erkannten die Diskutanten einen westlichen Gegenentwurf zum Menschen- und Gesellschaftsbild sowjetischer Prägung. Die intellektuelle Essenz, die sich für Niebuhr und Hutchins mit dem Namen Goethe verband, wurde in einen Zusammenhang eingefügt, den die neuere Forschung als „Cold War Literature“ bezeichnet.

          Goethes Idee des Kollektiven

          Der ungebrochene Zugriff auf Goethe nach 1945 mag aus deutscher Sicht erstaunen. So weist Ernst Osterkamp kritisch auf das „Unvermögen“ der Aspen-Teilnehmer hin, „die Frage an sich heranzulassen, ob die humanistische Tradition durch den Zivilisationsbruch der Jahre 1933 bis 1945 beschädigt worden sei“. Man darf allerdings die Kontextgebundenheit der Tagung nicht aus dem Blick verlieren. Mit ihren Aktualisierungsbemühungen beriefen sich Hutchins und Niebuhr auf eine Goethe-Rezeption, die bis in den Transzendentalismus des neunzehnten Jahrhunderts zurückreicht.

          Ralph Waldo Emerson ging in seinen für die kulturelle Begründung der Vereinigten Staaten wegweisenden Schriften wiederholt auf die in Goethes Spätwerk entfaltete Idee des Kollektiven ein. „Kollektiv“ ist für Goethe, so resümiert das „Goethe-Wörterbuch“, all das, was „heterogen, aus einzelnen Elementen, Teilen bestehend“, dabei aber zugleich „völlig zur Einheit verschlungen ist“, und zwar im Sinne eines „Verbandes der disparatesten Einzelheiten“.

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