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Goethes Einfluss auf Amerika : Ein Geschlecht, das ihm gleich sei

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Dass sich für Goethe mit dieser Vorstellung eine Grundeigenschaft des jungen Amerikas verbindet, deutet sich aber nicht ausschließlich in jener anagrammatischen Namensgebung an. Es lässt sich außerdem mit Stellungnahmen aus derselben Werkphase belegen. Von hoher Aussagekraft ist ein Stück aus den „Maximen und Reflexionen“, das sich der religiösen Vielfalt im fernen „Neu York“ widmet: „In Neu York sind neunzig verschiedene Religionen, christliche Confessionen, von welchen jeder auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter an einander irre zu werden. In der Naturforschung, ja in jeder Forschung, müssen wir es so weit bringen; denn was will das heißen dass jedermann von Liberalität spricht und den andern hindern will nach seiner Weise zu denken und sich auszusprechen?“

Die Vielfalt an Religionen in der rasch prosperierenden Stadt am Hudson River stellt die gesellschaftliche Einheit also nicht in Frage, nein, hier ist ein erstaunlicher Zustand des sozialen Miteinanders erreicht: „ohne weiter an einander irre zu werden“. Und dies wiederum wird auf eine Haltung der „Liberalität“ zurückgeführt, die nun auch im Bereich des Säkularen wünschenswert sei: im Sinne einer meinungsfreien „Naturforschung“, ja einer von Denk- und Sprechverboten befreiten Wissenschaft insgesamt. New York erscheint bei Goethe als ein stadtgewordenes Kollektivwesen, das über den amerikanischen Kontext hinaus als Vorbild auch für andere Bereiche des sozialen Lebens dienen könnte und sollte.

Bei dieser Reflexion des Kollektiven als eines Sozialprinzips belässt es Goethe allerdings nicht, sondern dehnt seine Reflexionen, wie nach ihm Emerson, auf den Bereich der Poetik aus: Die „Wanderjahre“ seien eine Arbeit, „die sich selbst als collectiv ankündiget“, schreibt er in einem Brief. Besonders deutlich kommt dies in der zum Roman gehörigen Aphorismensammlung „Aus Makariens Archiv“ zum Ausdruck, mitunter in selbstbezüglicher Weise: „Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück. Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die äußern und innern Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang.“

Der Kernbegriff dieser Sätze, der Begriff des Kompendiums, steht für Goethe in engstem Zusammenhang mit dem Begriff des Kollektiven. Jenseits der buchstäblichen Wortbedeutung, als ein zusammenfassendes Lehrbuch, ist das Kompendium für ihn jene Buchform, in der Vielfältiges und Unterschiedliches zusammengestellt und zugleich als Gesamtheit miteinander verbunden werden. Das Einzelne verliert sich dabei nicht im Ganzen oder löst sich gar in ihm auf, sondern kommt, im Gegenteil, in ihm erst angemessen zur Geltung. Was Makarie als Person in intellektueller und sozialer Hinsicht verkörpert – im ästhetischen Charakter des Archivs, im vielstimmigen Zusammenhang aus Einzelheiten, findet es seine ästhetische Entsprechung.

Der poetische Text ist für Goethe also beides zugleich, nämlich Ausdrucksform und Reflexionsmedium des Kollektiven als eines sozialen und ästhetischen Grundproblems. Was Emerson in den Mittelpunkt seiner Konzeption einer neuen amerikanischen Literatur stellen, was sich von dort aus in Whitmans hymnische Selbstreflexion als „Vielheit“ eintragen und noch bei Hutchins und Niebuhr durchklingen wird – im Grunde ist all dies hier schon angelegt, ja es musste nur zusammengesetzt werden. Vor allem aber zeigt sich in der Gesamtsicht, dass die literarhistorische Rekonstruktion des Kollektiven zugleich eine Ideengeschichte der offenen Gesellschaft ist, verstanden als eine soziale und politische Gemeinschaft der vielen Einzelnen und Verschiedenen. Es ist eine Idee, die ihre Brisanz bis heute nicht eingebüßt hat.

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