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Goethes Einfluss auf Amerika : Ein Geschlecht, das ihm gleich sei

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Für Emerson war diese Idee in mehrfacher Hinsicht von Belang: Wie ließ sich angesichts der für die Vereinigten Staaten unausweichlichen Bezogenheit auf die Philosophien, die Literaturen, die Wissenschaften der europäischen Welt überhaupt so etwas wie eine allgemeine, einheitliche Kultur des Landes denken? Indem Emerson das Verschiedenartige und Zusammengesetzte zum Programm erhob, transformierte er Goethes Idee des Kollektiven zum amerikanischen Kulturprinzip schlechthin: „Unser Land, unsere Bräuche, Gesetze, unsere Ziele und unsere Vorstellungen von Angemessenheit und Gerechtigkeit, wir haben sie nicht selbst gemacht, wir fanden sie schon fertig; wir zitieren sie nur.“

Eine allgemeine Zufriedenheit

In der Überzeugung, dass literarische Texte in einer komplementären Beziehung zur gesellschaftlichen Ordnung stehen sollten, stellte sich für Emerson die Frage nach einer genuin amerikanischen Dichtung. Ein von Goethe in einem Gespräch kurz vor seinem Tod geäußerter Satz findet sich an gleich mehreren wichtigen Stellen bei Emerson: „Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein ... mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“ Emerson sprach von der „Lockerheit“ vieler Werke Goethes. Was sich hier abzeichnet, ist eine „Poetik des Mittleren“ (Carlos Spoerhase), die elastisch genug ist, um Mannigfaltiges in sich aufzunehmen, ohne zugleich den Anspruch der Einheitsbildung aufzugeben.

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Emersons großer Essay über „Goethe; or, the Writer“ war ein Aufruf an die Schriftsteller der Vereinigten Staaten zur Goethe-Nachfolge. Und dieser Aufruf wurde vor allem von einem Autor erhört, in dessen schillerndstem Vers die goethesche Idee eines kollektiven Ich denn auch sehr deutlich mitklingt: „Ich bin groß“, schreibt Walt Whitman im „Song of Myself“, und: „Ich enthalte Vielheiten.“

Die transatlantische Karriere des Kollektiven ist weniger fernliegend, als es zunächst scheinen mag. Man denke nur an Goethes spätes Romanexperiment „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, in dem das Auswandern nach Amerika ein Zentralmotiv ist, und hier wiederum bloß an den Namen einer weiblichen Zentralfigur. Vertauscht man die Reihenfolge der Buchstaben, so wird aus dem Namen Makarie: Amerika. Wie niemand anders im Roman repräsentiert Makarie die glückliche Verbindung von Individualität und Gemeinschaft: „Das Verhältnis sämtlicher vorübergehenden Personen zu Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fühlten die Gegenwart eines höheren Wesens, und doch blieb in solcher Gegenwart einem jeden die Freiheit, ganz in seiner eigenen Natur zu erscheinen. Jeder zeigt sich wie er ist, mehr als je vor Eltern und Freunden, mit einer gewissen Zuversicht, denn er war gelockt und veranlaßt nur das Gute, das Beste was an ihm war an den Tag zu geben, daher beinahe eine allgemeine Zufriedenheit entstand.“

Es muss nur zusammengesetzt werden

Es sind Begriffe der Sozialität („alle fühlten die Gegenwart“) und der Individualität („ganz in seiner eigenen Natur“), die hier zusammengeführt werden. Aber wie genau? In Makaries Charakterisierung geht es um nichts anderes als um das bei Niebuhr angesprochene Verhältnis zwischen „dem Ganzen und den Teilen“, also um die Idee einer gesellschaftlichen Einheit, die der Individualität des Einzelnen nicht entgegensteht, sondern sie, im Gegenteil, noch zu befördern scheint.

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