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Dr. hc : Ein Doktor, ehrenhalber

  • -Aktualisiert am

Der Umgang mit dem Ehrendoktortitel ist häufig recht lässig Bild: dpa

Den Ehrendoktor heftet man sich gern ans Revers. Nicht selten bleibt dabei die Herkunft des Titels ungenannt. Das kann allerdings unangenehme Folgen haben.

          Ein Ehrendoktor ist begehrt, suggeriert er doch einen Sonderstatus in puncto persönliche Qualitäten, insbesondere in den Kategorien Disziplin, Sorgfalt, Engagement und Exzellenz. Nicht umsonst werben Internet-Dienstleister wie Doctis.de oder Inwifor.de damit, Interessenten zu dem begehrten Titel zu verhelfen – „nur im legalen Rahmen“. Der Ehrendoktor kostet hier mit 20 000 Euro sogar doppelt so viel wie der „normale“ Doktor.

          Im öffentlichen Umgang mit dem eigenen Ehrengrad weicht allerdings bei manch einem Forscher die akademische Sorgfaltspflicht zugunsten einer forschen Lässigkeit. Statt vorab zu prüfen, ob und wie der Titel getragen werden darf, heftet man sich die auffallend oft im Ausland erworbenen Meriten lieber freihändig ans Revers. Vielen scheint auch gar nicht klar zu sein, dass solche Regeln existieren. „Ich habe mich damals bei der Ärztekammer erkundigt, und die hat mir grünes Licht gegeben“, antwortet beispielsweise der Chefarzt einer Universitätsklinik auf die Frage, warum er seinen Titel ohne die verpflichtende Angabe der verleihenden Stelle führt. Dass sein in Russland erworbener „Dr. h.c.“ diesen Zusatz benötigt, erscheint ihm neu und sei ihm auch „so nicht gesagt worden“.

          Keine behördliche Handhabe

          Insbesondere an die verbindliche Art und Form der Darstellung hält sich kaum jemand. Dabei gibt es die geltenden Regeln schon seit fast zwanzig Jahren. Am 14. April 2000 formulierte die Kultusministerkonferenz (KMK) eindeutig die Regel, dass „ein ausländischer Ehrengrad (...) unter Angabe der verleihenden Stelle geführt werden kann“. Wenig später ergänzte eine Vereinbarung der Länder diesen Beschluss. Danach ist beispielsweise die Pflicht zur Angabe der verleihenden Hochschule für bestimmte Ehrengrade aufgehoben, wenn sie in Mitgliedstaaten der Europäischen Union oder des Europäischen Wirtschaftsraums erworben wurden. Ehrengrade anderer Länder hingegen, beispielsweise der hierzulande besonders häufig anzutreffenden aus Russland, dürfen nach wie vor nur mit Angabe der verleihenden Stelle geführt werden. Im genannten Fall müsste es also heißen: „Dr. h.c. (Russische Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg)“.

          Gerade im Netz und auf vielen persönlichen Websites fehlt die korrekte Angabe. Manfred Löwisch, Leiter der Forschungsstelle für Hochschulrecht und Hochschularbeitsrecht an der Universität Freiburg, hat beobachtet, dass diese Angabe „zwar in offiziellen Verzeichnissen, etwa Institutionsverzeichnissen der Hochschulen, und in offiziellen Schreiben, etwa Anwaltsschreiben, überwiegend geschieht, nicht aber im privaten Schriftverkehr“.

          Das Laissez-faire ist insofern kein Wunder, als die Gesetze der meisten Bundesländer (mit Ausnahme Nordrhein-Westfalens) auch gar keine behördliche Handhabe vorsehen, um eine Untersagung durchzusetzen. In der Regel bleibt es in Deutschland dem prüfenden Auge des Titelträgers überlassen, ob und wie der Ehrengrad korrekt getragen werden darf.

          Rechtsfolgen der Titelanmaßung

          Das war bis zu besagtem KMK-Beschluss vor zwanzig Jahren anders: Damals musste die Führung eines Ehrendoktorgrades noch vom jeweiligen Wissenschaftsministerium oder der sonst zuständigen Stelle abgesegnet werden. Dies bedeutete auch die Überprüfung der Gleichwertigkeit jener Stelle, die den Ehrengrad verliehen hat. Löwisch plädiert für die Rückkehr zur Genehmigungspflicht, denn „das würde in aller Regel zu einer verbindlichen Klärung der zentralen Frage der Gleichwertigkeit führen“. Dann könnte auch „auf den umständlichen Zwang zur Angabe der verleihenden Stelle verzichtet werden“. Schließlich sei entscheidend, dass diese Stelle zur Vergabe des regulären Grades befugt und einer deutschen Universität gleichwertig sei.

          Letztlich liege die Genehmigungspflicht laut Löwisch aber auch im Interesse der Öffentlichkeit und der Geehrten selbst. Denn aktuell bestehe nur die „indirekte Kontrolle über das Standesrecht und zum Teil über das Recht des unlauteren Wettbewerbs“. Sprich: der Neid des Kollegen, der den laschen Titelträger anprangert, kann schwere dienst- und arbeitsrechtliche Folgen für denselben haben. Etwa wenn die unzulässige Führung eines Ehrendoktorgrades Standes- und Berufspflichten verletzt und/oder eine Irreführung durch die fehlende Herkunftsbezeichnung vorliegt.

          Eine Überprüfung des Ehrentitels vorab mit Genehmigungspflicht seitens der deutschen Behörden würde den Geehrten, der aufgrund der aktuellen Praxis sogar zum Straftäter mutieren kann, insbesondere in Anwaltskreisen, vor manch unerwartetem Schaden bewahren. Immerhin kann, wer unbefugt in- oder ausländische Amts- oder Dienstbezeichnungen, akademische Grade, Titel oder öffentliche Würden führt, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe belangt werden.

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