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Distinktion in der Popkultur : Das Konzept Album

  • -Aktualisiert am

Bild: Storm Thorgerson

Was macht eigentlich ein „Konzeptalbum“ aus – und steckt darin ein Nobilitierungsanspruch, welcher der modernen Kunst zuwiderläuft? Überlegungen zu einem Begriff, der vor 50 Jahren aufkam.

          Die überaus gegenläufigen Tendenzen des Jahres 1968 lassen sich auch anhand eines Begriffs aus der Geschichte der Popmusik veranschaulichen: nämlich dem des Konzeptalbums. Es ist sowohl das Jahr, in dem die amerikanischen Musikmagazine „Rolling Stone“ und „Billboard“ erstmals diesen Begriff verwenden, als auch jenes, in dem der amerikanische Literaturkritiker Leslie Fiedler in einem Gastvortrag an der Universität Freiburg programmatisch ruft: „Cross the border – Close the gap“ und mit diesem postmodernen Schlüsseltext die Aufhebung der Grenze zwischen Hoch- und Massenkultur fordert.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Warum sind das Gegensätze? Folgt man Jens Gerrit Papenburg („Konzeptalben als ,große Werke‘ populärer Musik“, in: „Musik & Ästhetik“, Band 21, Heft 3, 2017 / Klett-Cotta), dann steckt im Begriff des Konzeptalbums ein Veredelungs- oder Nobilitierungsanspruch, mit dem „einige Bands als Artrock-Bands nun plötzlich ,große Kunst‘ machen wollten“; die betreffenden Werke, schreibt der wissenschaftliche Mitarbeiter für Theorie und Geschichte der populären Musik und Privatdozent am Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität, sollten „in Rückgriff auf Formen aus der Kunstmusik etwa als populäre Liedzyklen, als Rockopern oder Rocksuites nobilitiert werden“.

          Dies leuchtet im Hinblick auf Alben wie „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd oder „Sell Out“ von „The Who“ ein, die Papenburg selbst nennt, wird aber auch in dessen Aufsatz gleich relativiert: Denn manchmal war der Bezug zur großen Kunst wohl auch ein ironischer, etwa wenn Frank Zappa „A series of underground oratorios“ versprach.

          Alben ohne Konzept?

          Trotz solcher Ausnahmen scheint der Wunsch nach hochkultureller Veredelung angesichts von Gruppen wie Genesis, Queen, King Crimson und vielen anderen weit verbreitet gewesen zu sein, vielleicht gar dem sogenannten „Prog Rock“ inhärent. Und ebendieser Gestus war dann ja auch einer der Hauptanlässe zur Abgrenzung für den Punk.

          Der britische Pop-Art-Künstler Peter Blake mit dem legendären Cover für das Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von 1967

          Ist mit der künstlerischen Nobilitierung eine wichtige Funktion des Konzeptalbums benannt, so ist es dennoch schwierig zu definieren, was ein Konzeptalbum überhaupt ausmacht. Man kann das Konzept im lyrischen oder theatralischen Thema suchen (so bei den Beatles mit „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“, das als erstes Konzeptalbum gilt, oder bei Davie Bowie mit „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“), man könnte vor allem auf die visuelle und haptische Gestaltung der Alben eingehen (Papenburg nennt etwa „Motor Booty Affair“ von Funkadelic, das in eine aufklappbare, dreidimensionale Papp-Landschaft verpackt war) oder auch auf die klangliche Produktionsweise („Pet Sounds“ von den Beach Boys bezeichnete Brian Wilson selbst als „production concept album“). Wenn nur eine der Kategorien erfüllt ist, kann man dann schon sinnvollerweise von einem Konzeptalbum sprechen – also etwa bei „Sticky Fingers“ von den Rolling Stones, weil das berühmte Cover mit dem Reißverschluss zu dessen Öffnung einlädt, die Liedauswahl aber kaum durch ein Thema geeint ist, nicht mal so ein weites wie „Sex“ oder „Liebe“?

          So schwierig die Definition also ohnehin schon ist, bleibt zuletzt die Frage, ob „Konzeptalbum“ ein pleonastischer Begriff ist, denn er impliziert ja, so auch Papenburg, dass es auch Alben ohne Konzept gäbe – was unsinnig erscheint. Das Album ist ja an sich schon eine konzeptuelle Antwort auf die vorherige Single-Kultur. Daher kann man diskutieren, ob Alben nicht bereits von Anfang an (also etwa mit Frank Sinatras melancholisch um den Liebesverlust kreisendem Liederzyklus „In the Wee Small Hours“ von 1955) Konzeptalben waren, oder andersherum, ob alle sogenannten Konzeptalben nicht auch als bloße Alben schon ausreichend charakterisiert wären.

          Und doch möchte man intuitiv, wenn man den Blick auch bis zur Gegenwart ausweitet, in der es ja trotz der neuen digitalen Single-Kultur immer wieder große zusammenhängende Werkentwürfe gibt, sagen: Es gibt schon einen Unterschied zwischen einem Album, etwa: „Modern Times“ von Bob Dylan, und einem Konzeptalbum, etwa „Random Access Memories“ von Daft Punk: einem Opus, das Liederzyklus, audiovisuelles Gesamtkunstwerk und darüber hinaus noch eine Verdichtung des Wesentlichen am Elektropop ist: nämlich der in allen Gestaltungsfacetten ausgehandelte Konflikt zwischen Mensch und Maschine.

          Ob man dem bis heute sichtbaren Nobilitierungsanspruch als Rezipient folgen darf, ist nach Papenburg fragwürdig: „Die Konzeptualisierung von Konzeptalben als ,große Werke‘ populärer Musik entspricht einer methodisch problematischen Suche nach sogenannten ,Prätexten‘ oder ,Spuren‘ von Kunstmusik in populärer Musik“, stellt er fest. Ein solcher „Disclaimer“, der alles wieder relativiert und, zu Ende gedacht, doch wieder jeglichen Unterschied von bloßen Kompilationen und eben (Konzept-)Alben einebnet, ist in der Wissenschaft offenbar nötig. In der Kritik ist er es nicht.

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