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Digitalisierung der Schulen : Nicht für das Tablet, für das Leben lernen wir

  • -Aktualisiert am

Schülerinnen mit Tablet bei der Gemeinschaftsarbeit Bild: Tobias Schmitt

Die Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung macht Schüler zu Kennziffern. Besser als der digital produzierte Schüler wäre der Wechsel der Schulen auf Open Source.

          Bei der Diskussion über Einsatz und Finanzierung von Digitaltechnik in Schulen geht es um mehr als digitale Infrastruktur oder das Lernen mit Rechner oder Tablet. Finanziell könnte der Bund die Schulen ganz ohne Grundgesetzänderung, die dem Digitalpakt den Weg ebnen soll, schon jetzt besser ausstatten. Durch eine geänderte Aufteilung der Gemeinschaftssteuern nach Artikel 106 Absatz 3 des Grundgesetzes ließen sich Steuereinnahmen in Milliardenhöhe zuweisen. So geschehen bei der Unterstützung der Kommunen bei der Versorgung der Flüchtlinge. Für den Bund hat diese Finanzierungsart allerdings einen Haken: Er hätte dann keinen Einfluss auf die Verwendung der Mittel, weil Kommunen und Schulen vor Ort entscheiden würden, wo Investitionsbedarf besteht. Die Bundesstrategie ließe sich so nicht umsetzen.

          Fünf Bundesländer haben sich mittlerweile gegen die geplante Grundgesetzänderung ausgesprochen, weil sie darin einen Angriff auf die Kulturhoheit der Länder sehen. Problematisch an der Digitalisierungsstrategie des Bundes ist aber nicht nur das. Denn diese Strategie basiert auf dem Glauben an die Vermessbarkeit und Steuerbarkeit von Schulen nach den Parametern der produzierenden Industrie. Die Instrumente des Qualitätsmanagements werden auf Bildungsinstitute übertragen. Dazu muss die „Qualität“ von Lernprozessen als messbar behauptet, Werkzeuge zum Vermessen und Quantifizieren des Lernens entwickelt und an den Schulen eingesetzt werden. Exemplarisch macht dies Baden-Württemberg, dessen Testergebnisse beim IQB-Bildungstrend 2016 miserabel ausfielen. Jeder fünfte Viertklässler verfehlt die von der Kultusministerkonferenz gesetzten Mindeststandards in Rechtschreibung, jeder sechste in Mathematik. Nun werden zwei neue Institute gegründet: das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung und das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg. Bis zu zweihundert Mitarbeiter werden dafür eingestellt. Dank der Arbeiten dieser Institute soll die Lernqualität steigen. Messen, Steuern, Regeln und Kennzahlen haben Hochkonjunktur.

          Schule als Produktionsstandort

          Vorbild ist Hamburg. Der dortige Schulsenator Ties Rabe hat als Reaktion auf das regelmäßig schlechte Abschneiden der Stadtstaaten in Schulvergleichstests seit 2012 in den Jahrgängen 2, 3, 5, 7, 8 und 9 jährliche landeseigene Tests eingeführt. Das dafür eingerichtete Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung konzipiert Testaufgaben, wertet diese Tests aus und leitet die Ergebnisse an Schulleitungen, Fachlehrer, Tutoren und Klassenlehrer sowie Schulaufsicht, Eltern und Schüler weiter. Die Kollegien in den Schulen sind aufgefordert, auf Basis dieser Daten Konzepte und Methoden zur Steigerung des Lernniveaus zu entwickeln. Nach zwölf Monaten wird wieder getestet.

          In der Praxis bedeutet datengestützte Schulentwicklung: kleinteilige Lernstandserhebungen, regelmäßige Diagnose des Lernstands von Schülern, Schulleistungsvergleiche (angeblich ohne Ranglisten) und Handreichungen zur ständigen Selbstevaluation. Bereits die Terminologie demonstriert den Wechsel von pädagogischen zu produktionstechnischen Präferenzen. Ziel ist die möglichst standardisierte und automatisiert prüfbare „Produktion von validierbaren Lernleistungen“.

          Fraglos lassen sich bessere Testergebnisse durch Üben erreichen. Schon jetzt wird beim Pisa-Test Unterrichtszeit für die Testvorbereitung genutzt. Unterrichten wird zum „teaching to the test“. Was die Ausrichtung von Schulen auf Kennzahlen im Extrem bewirken kann, beschreibt Cathy O’Neil in „Angriff der Algorithmen“ (Hanser Verlag, München 2017). In den Vereinigten Staaten hängen die Arbeitsplätze der angestellten Lehrer und die Boni der Rektoren laut O’Neil vom guten Abschneiden in Standardtests ab. Das führe, wenn die pädagogische Arbeit aufgrund der Sozialstruktur der Schülerschaft allein nicht reicht, bis zur Manipulation von Testergebnissen.

          Das ist in Hamburg nicht der Fall, weil durch gute Lehrerversorgung, kleinere Klassen, Sprachförderung, Ganztagsbetreuung und die Verteilung der Mittel nach einem Sozialindex bessere Voraussetzungen geschaffen werden. Aber Rabes „Prinzip der freundlichen Belagerung“ mit Stärkung der Schulleitungen, mit Ziel- und Leistungsvereinbarungen, der Rekrutierung von „pädagogischem Personal“ statt Lehrkräften spricht eine klar betriebswirtschaftliche Sprache. Kennzahlengesteuerte Schulen arbeiten auf Testergebnisse zu wie börsennotierte Unternehmen auf die Quartalszahlen.

          Offener Quellcode ...

          Wer Schulen an eine zentrale Schulcloud anschließen und darüber personalisiertes Lehrmaterial zur Verfügung stellen will, braucht eine datenbasierte Schulentwicklung. Diese beruht auf möglichst vielen, idealerweise personalisierten Daten. Das lässt sich am einfachsten realisieren, wenn E-Learning-Programme in der Cloud laufen. Der Fachbegriff für das Auswerten von Anwenderdaten in Schulen und Hochschulen ist Learning Analytics. Besonders effizient werden solche Messmethoden durch Zentralisierung. Es ist aus Sicht von Datensammlern kontraproduktiv, wenn die Bundesländer ihre föderale Hoheit in Bildungsfragen behalten und proprietäre Technik einsetzen. Für Anbieter von digitalen Lernprogrammen ideal wäre hingegen eine Bundes-Schulcloud. Sie ließe sich zu einer Bildungscloud weiterentwickeln, in der immer mehr Schülerdaten und die Lernprogramme von IT-Unternehmen zentral versammelt würden.

          Wer Schulen nicht nach Logik der Unternehmen entwickeln will, muss andere Wege gehen. Der erste Grundsatz muss lauten: Schulen haben weder die Aufgabe noch das Ziel, persönliche Daten zu sammeln und Lernprofile zu erstellen. Ihre Aufgabe sind vielmehr die Wissensvermittlung und die Persönlichkeitsbildung. Dafür braucht es Dialog und Diskurs. Mögliche Hilfsmittel sind staatlich geprüfte Lehrmittel. Dafür müssen, neben analogen Bibliotheken und Materialsammlungen, auch jene digitalen Bildungsmedien ausgebaut werden, die schon heute von Landesinstituten und Lehrmittelanbietern auf den Landesbildungsservern bereitgestellt werden.

          Der zweite Grundsatz: Lehrmaterialien der Schüler stellen die Schulen. Das staatlich geprüfte und für den Unterricht zugelassene Lehrmaterial und die Lernmittel müssen dafür auf Schul- oder Landesbildungsservern zur Verfügung stehen, nicht im Netz. Lehrer können dann geprüftes Material auf die Schulserver vor Ort kopieren und in der Schule via Intranet und für die Schüler lokal zur Verfügung stellen.

          Die technische Basis dafür sind Open Source und Hybrid-Cloud-Systeme. Das Betriebssystem ist Linux. „Open“ heißt dabei nicht kostenlos, sondern: Der Programmcode ist offen und nachvollziehbar. Eine Hybrid-Cloud ist, wie das Edge Computing, eine Kombination aus offenen und geschlossenen Netzwerken. In der offenen Cloud können Lehrkräfte und Schulverwaltung Daten und Material über die landesweiten Bildungsserver austauschen. Im geschlossenen Bereich an den Schulen laufen alle Programme für die Schüler, die im Schul-Intranet nur lokal Daten vom Schulserver abrufen, hochladen und austauschen können, ohne dabei auch nur ein Bit ins Netz zu verlieren.

          ... statt Open Educational Resources

          Hybrid-Cloud-Lösungen sind das Gegenkonzept zur Plattformökonomie mit ihren Datensilos, die nicht erkennen lassen, was mit persönlichen Daten geschieht. „Open“ nennen sich auch die Materialien der Open Education Resources. „Open“ meint hier zumindest für einen Teil des Angebots zwar tatsächlich kostenloses Unterrichtsmaterial. Der im Kern emanzipatorische Gedanke wird aber in der Praxis oft durch Partikularinteressen unterlaufen, da bei solchen Web-Projekten in der Regel nicht nachvollziehbar ist, wer sie finanziert und welche Geschäftsinteressen hinter ihnen stehen. Der Sozialwissenschaftler Tim Engartner von der Universität Frankfurt berichtet, dass sechzehn der zwanzig umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands den Schulen kostenloses Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen. „Der Kampf um die Köpfe der Kinder im Klassenzimmer ist somit voll entbrannt“, schreibt Engartner.

          Open Educational Resources öffnen der Einflussnahme von Interessenverbänden auf den Unterricht Tür und Tor. Zu fordern ist daher wenigstens dreierlei. Bevor solches Material eingesetzt wird, muss die Finanzierung solcher Lehrmittel transparent sein. Zwingend ist zweitens die staatliche Prüfung dieser Materialien vor dem Einsatz als Lehrmittel an Schulen. So halten es gegenwärtig dreizehn der sechzehn Bundesländer mit Schulbüchern. Diese Prüfungen müssen auf alle Materialien einschließlich E-Learning-Software und Apps ausgeweitet werden. Zwingend ist drittens die Speicherung auf Landesbildungsservern, denn bei offenen Projekten im Netz wie Wikipedia können die Datensätze jederzeit geändert werden.

          Sinnvoll wäre, dass Länder und Kommunen sich mit den Lehrerverbänden zusammensetzen und klären, welche Medientechnik und Infrastruktur aus Sicht der Schulen konkret gebraucht werden. Aufbauend auf bereits vorhandenen Strukturen wie den Landesbildungsservern sollten nichtkommerzielle digitale Bibliotheken, Materialsammlungen und Webservices weiterentwickelt werden, mit denen Lehrkräfte (und in höheren Klassen auch Schüler) staatlich geprüftes Material nutzen können. So wie man das Konzept für die technische Ausstattung von Schulen nicht einfach in die Hände der IT-Unternehmen legen kann, darf man weder den Inhalt noch den Verteilungsmodus von Unterrichtsmaterial den Märkten überlassen.

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