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Digitalisierung der Schulen : Nicht für das Tablet, für das Leben lernen wir

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Fraglos lassen sich bessere Testergebnisse durch Üben erreichen. Schon jetzt wird beim Pisa-Test Unterrichtszeit für die Testvorbereitung genutzt. Unterrichten wird zum „teaching to the test“. Was die Ausrichtung von Schulen auf Kennzahlen im Extrem bewirken kann, beschreibt Cathy O’Neil in „Angriff der Algorithmen“ (Hanser Verlag, München 2017). In den Vereinigten Staaten hängen die Arbeitsplätze der angestellten Lehrer und die Boni der Rektoren laut O’Neil vom guten Abschneiden in Standardtests ab. Das führe, wenn die pädagogische Arbeit aufgrund der Sozialstruktur der Schülerschaft allein nicht reicht, bis zur Manipulation von Testergebnissen.

Das ist in Hamburg nicht der Fall, weil durch gute Lehrerversorgung, kleinere Klassen, Sprachförderung, Ganztagsbetreuung und die Verteilung der Mittel nach einem Sozialindex bessere Voraussetzungen geschaffen werden. Aber Rabes „Prinzip der freundlichen Belagerung“ mit Stärkung der Schulleitungen, mit Ziel- und Leistungsvereinbarungen, der Rekrutierung von „pädagogischem Personal“ statt Lehrkräften spricht eine klar betriebswirtschaftliche Sprache. Kennzahlengesteuerte Schulen arbeiten auf Testergebnisse zu wie börsennotierte Unternehmen auf die Quartalszahlen.

Offener Quellcode ...

Wer Schulen an eine zentrale Schulcloud anschließen und darüber personalisiertes Lehrmaterial zur Verfügung stellen will, braucht eine datenbasierte Schulentwicklung. Diese beruht auf möglichst vielen, idealerweise personalisierten Daten. Das lässt sich am einfachsten realisieren, wenn E-Learning-Programme in der Cloud laufen. Der Fachbegriff für das Auswerten von Anwenderdaten in Schulen und Hochschulen ist Learning Analytics. Besonders effizient werden solche Messmethoden durch Zentralisierung. Es ist aus Sicht von Datensammlern kontraproduktiv, wenn die Bundesländer ihre föderale Hoheit in Bildungsfragen behalten und proprietäre Technik einsetzen. Für Anbieter von digitalen Lernprogrammen ideal wäre hingegen eine Bundes-Schulcloud. Sie ließe sich zu einer Bildungscloud weiterentwickeln, in der immer mehr Schülerdaten und die Lernprogramme von IT-Unternehmen zentral versammelt würden.

Wer Schulen nicht nach Logik der Unternehmen entwickeln will, muss andere Wege gehen. Der erste Grundsatz muss lauten: Schulen haben weder die Aufgabe noch das Ziel, persönliche Daten zu sammeln und Lernprofile zu erstellen. Ihre Aufgabe sind vielmehr die Wissensvermittlung und die Persönlichkeitsbildung. Dafür braucht es Dialog und Diskurs. Mögliche Hilfsmittel sind staatlich geprüfte Lehrmittel. Dafür müssen, neben analogen Bibliotheken und Materialsammlungen, auch jene digitalen Bildungsmedien ausgebaut werden, die schon heute von Landesinstituten und Lehrmittelanbietern auf den Landesbildungsservern bereitgestellt werden.

Der zweite Grundsatz: Lehrmaterialien der Schüler stellen die Schulen. Das staatlich geprüfte und für den Unterricht zugelassene Lehrmaterial und die Lernmittel müssen dafür auf Schul- oder Landesbildungsservern zur Verfügung stehen, nicht im Netz. Lehrer können dann geprüftes Material auf die Schulserver vor Ort kopieren und in der Schule via Intranet und für die Schüler lokal zur Verfügung stellen.

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