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Digitalisierung an Hochschulen : Die Zweiheit von Forschung und Lehre

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Über allem schwebt der Beamer: Vorlesungen – wie hier an der Uni Leipzig – werden immer digitalisierter. Bild: dpa

Lehrstrategien sind an den Hochschulen eine blühende Textsorte – und eine sehr widersprüchliche. Viele Dozenten müssen sich zwischen den Vorgaben und der eigenen Routine entscheiden.

          Die permanente Reform der Universität produziert immer neue Textsorten: Hochschulentwicklungspläne, Lehrstrategien, Forschungsstrategien, Diversity-Strategien, IT-Strategien, Digitalisierungsstrategien und nicht zuletzt Internationalisierungsstrategien. Diese Texte, die der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen, sollen genau dieser Öffentlichkeit ein Bild davon vermitteln, was genau eine Universität in Forschung und Lehre will, was sie von allen anderen unterscheidet, wohin oder wozu sie sich in den nächsten Jahren entwickeln wird oder soll. Genau deshalb lohnt es sich, sie einer literaturwissenschaftlichen Lektüre zu unterziehen, die nach der sprachlichen Form jenseits von Marketing-Imperativen fragt.

          Die Reformen der letzten Jahre in Studium und Lehre haben zu einer Entwicklung geführt, die man als Entleerung der Lehre bezeichnen könnte. Im Rahmen der Aufmerksamkeitsökonomie von Rektoraten zählt gute Lehre nichts. Sie trägt weder zur individuellen noch zur institutionellen Reputation bei. Lehre, so möchte man meinen, kann man eigentlich vergessen.

          Da helfen auch keine Lehrpreise, die als Ritual der Scham an den Universitäten immer wieder vergeben werden. Die Vergabe von Lehrpreisen ist deswegen ein Schamritual, weil es eigentlich vergessen lassen möchte, dass Lehre nichts zählt. In diesem Sinne sind die von Stefan Kühl (FAZ.NET vom 17. Januar) analysierten „Seifenblasen“ genau das: Ausdruck einer existierenden, aber in den Institutionen seltsamerweise verschwiegenen Kluft zwischen dem schönen, manchmal entlastenden Schein der Papiere und der Rituale, in denen die Lehre beschworen wird, und der Realität der Lehre, wie sie im Seminar oder in der Vorlesung zu beobachten ist.

          Muss es immer fortschrittlich sein?

          „Die Strategielinien“, heißt es in der Lehrstrategie meiner Universität, „verstehen sich als Beginn eines auf Dauer angelegten Prozesses der kontinuierlichen Verbesserung der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität in Studium und Lehre in einer gleichermaßen der Forschung wie der Lehre verpflichteten Universität.“ „Dauer“, „Kontinuität“: die Lehrstrategie scheint auf Zeitlosigkeit abzuzielen.

          Institutionen kennen Zeitlosigkeit, Organisationen aber nur Fortschritt. Während die institutionelle Seite auf Beharrung, das Erhalten des Altbewährten baut, setzt das Selbstbild der Organisation auf Veränderung und auf Vergessen von Geschichte. Beide Ansichten sind unvereinbar und prallen doch in der Wirklichkeit der Universität permanent aufeinander.

          Meine Universität „erhebt den grundsätzlichen Anspruch auf Integration der Forschung in die Lehre“. Man sieht, dass von der weiland geforderten Einheit von Forschung und Lehre nicht mehr die Rede ist. Man muss die Forschung in die Lehre integrieren. Was aber ist damit genau gemeint, wenn die Integration offensichtlich nicht mehr selbstverständlich ist? Sollen die Studenten in den Seminaren forschen, oder sollen sie der aktuellen Forschung begegnen?

          Die Lehrstrategie verspricht „einen hohen fachlichen Standard und die Einbindung von aktuellen Forschungsfragen“. Wovon sie aber eigentlich spricht, kann man eher mit „Inklusion der Forschung in die Lehre“ beschreiben. Der erhebliche Unterschied zwischen Integration und Inklusion hätte zumindest den Emissären der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften auffallen müssen, wenn sie die Lehrstrategie denn tatsächlich gelesen hätten.

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