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Digitale Musikanalyse : Wie klingt ein Clavichord von 1543?

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Bild: Uni Leipzig

Ein Forschungsprojekt in Leipzig soll alte Instrumente wieder zum Klingen bringen. Da man einige von ihnen analog ruinieren würde, bietet sich eine digitale Lösung an. Die käme übers Internet allen Hausmusikern zugute.

          In Zeiten der Digital Humanities zählt die digitale Musikanalyse längst zu den Möglichkeiten der Erforschung von Musik, selbst wenn die Musikwissenschaft erst begonnen hat, ihr Potential auszuschöpfen. Neben editionsphilologischen Anliegen können auch die Instrumentenbauer von den neuen Techniken profitieren. Das zeigt das vom Bund geförderte Digitalisierungsprojekt „TASTEN“ am Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Gemeinsam digitalisieren Musikwissenschaftler und Informatiker den Klang ausgewählter historischer Tasteninstrumente.

          Der Tonvorrat der sechsunddreißig zum Teil nur fragmentarisch überlieferten Schmuckstücke – darunter einer von drei Hammerflügeln des Klaviererfinders Bartolomeo Cristofori – kann analog nicht rekonstruiert werden. Die Instrumente zu stimmen und dauerhaft zu spielen würde sie ruinieren, da das Material nach so langer Spielpause oft nicht mehr lange zu beanspruchen ist. In Leipzig bemüht man für die Restaurierung das Bild vom Schiff des Theseus: Wie viele Planken darf man austauschen, damit das Schiff noch dasselbe bleibt? Um die Instrumente zum Klingen zu bringen, braucht es also die digitale Lösung.

          Zunächst werden die Instrumente fotografiert und vermessen, anschließend werden Einzeltöne, mitklingende Töne und Anschlagsgeräusche aufgenommen. Nicht bei allen Instrumenten der Sammlung ist das möglich. Das älteste datierte Clavichord aus dem Jahr 1543 kann nicht gestimmt werden, da der Rahmen die Spannung der Saiten nicht aushalten würde. Von den genauen Messungen können schließlich Instrumentenbauer für Nachbauten profitieren. Für historisch orientierte Interpreten ist es ohnehin längst üblich, statt auf Originalinstrumenten mit deren Macken auch auf Nachbauten zu spielen – sie sind technisch zuverlässiger und liefern klanglich oft sogar bessere Ergebnisse.

          Maschinen statt Virtuosen

          Schließlich sollen die Digitalisate über eine Online-Plattform zugänglich gemacht werden. In der Zusammenführung mit digitalen Editionen braucht es dann nur noch den Computer, um die historischen Instrumente von zu Hause aus spielen zu können. Auch verschiedene Stimmungen können auf diese Weise wiedergegeben werden. Im Gegensatz zur heutigen gleichstufigen Stimmung, alle Halbtonschritte sind gleich groß, experimentierten Johann Sebastian Bach und seine Zeitgenossen mit unterschiedlichen Stimmungssystemen.

          Im zweiten Teil des Leipziger Projekts werden rund 3200 Notenrollen aus der Zeit zwischen 1870 und 1914 digitalisiert. Berühmte Pianisten und Komponisten, etwa Edvard Grieg oder Max Reger, spielten ihre Werke für selbst spielende mechanische Klaviere ein, die nach einem komplizierten pneumatischen System auf der Basis von Lochstreifen funktionieren. Wie genau die Töne auf den Lochstreifen kamen, ist dabei nicht gänzlich klar. Kein einziges Aufnahmegerät ist überliefert, es lassen sich lediglich Rückschlüsse von einer vergleichbaren Welte-Mignon-Orgel ziehen. So wurden wohl kleine Rädchen in Farbe getaucht und auf die Papierrolle gedrückt. Nachbearbeitung ist jedoch kein Phänomen des Digitalen, schließlich konnten beim späteren Ausstanzen der Löcher Fehler ausgemerzt werden.

          Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren Klaviere mit Reproduktionsvorrichtung ein echter Renner, und auch die theoretischen Überlegungen der Zeit trieben seltsame Blüten. Alexander Moszkowski, Schriftsteller, Satiriker und Bruder des Klaviervirtuosen Moritz Moszkowski, forderte in seiner Abhandlung „Das Pianola“, den Interpreten durch die Maschine zu ersetzen, um die Musik direkt vom Komponisten zum Empfänger transportieren zu können: „Der pianistische Mensch muss und wird ausgeschaltet werden; an die Stelle des akrobatischen Vermittlers soll die Maschine treten, die eben, weil sie seelenlos ist, sich zur allergehorsamsten Vollstreckerin des kompositorischen Willens eignet.“

          Selbst wenn die Zukunft nicht dem pneumatischen Klavier galt und der Interpret zum Glück nicht aus dem Musizieren eliminiert wurde – die Vorstellung, sich berühmte Komponisten oder Pianisten und mit ihnen einen vermeintlich authentischen Klang in das eigene Wohnzimmer zu holen, ist heute nicht weniger reizvoll. Das zeigt sich zuletzt darin, dass der Klaviergigant Steinway unter dem Namen „Spirio“ auch Flügel mit Selbstspielfunktion im Sortiment führt.

          Zentrale Themen der Zukunft

          Wer heute die meterlangen Papierrollen sieht, weiß: Notenrollen sind analog nicht zu erforschen. Digital hingegen ergeben sich interessante Möglichkeiten, um Repertoire- und Interpretationsforschung zu betreiben. Wie wurden damals Triller und Arpeggien gespielt? Für Heike Fricke und ihr Leipziger Team steht zwar zunächst das Verfügbarmachen im Vordergrund, Forschungsfragen wie diese drängen sich jedoch auf. Sind die Daten erst zugänglich, kann an ihnen sowohl Close Reading betrieben werden, also der gründliche Blick auf Details, als auch Distant Reading, der bahnbrechende Ansatz des italienischen Literaturwissenschaftlers Franco Moretti, der den Blick auf das große Ganze lenkt und versucht, über die Analyse großer Datenmengen Erkenntnisse zu gewinnen.

          Das Projekt ist nur ein Beispiel dafür, wie die Digitalisierung auch entlegenere Bereiche des Musikbetriebs erreicht hat. An deutschen Hochschulen, etwa an der Musikhochschule Trossingen, erfährt auch der wissenschaftliche Nachwuchs digitale Bildung. Wer am dortigen Landeszentrum „Musik – Design – Performance“ Musikdesign studiert, kommt um die digitale Welt ohnehin nicht herum. Und die Professoren arbeiten zum Beispiel daran, das Smartphone mit Hilfe verschiedener Apps im Musikunterricht produktiv und zum Musikmachen einzusetzen. Man muss diese Ideen nicht in jeder Hinsicht befürworten, doch schlussendlich werden hier wie dort mit der Integration digitaler Techniken in Wissenschaft und Kultur zentrale Themen der Zukunft verhandelt. Wer genau hinschaut, erkennt: Das Potential ist immens, die Möglichkeiten werden gerade erst erkundet.

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