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Digital Humanities (5/6) : Der Teufel im Detail

Titelblatt eines Traktats von Antoinette de Bourignon Bild: Bayerische Staatsbibliothek

Zettelkasten, Formular, Fernleihe: Diese Zeiten sind vorbei. Die Digitalisierung seltener Bücher hat für Forscher enorme Vorteile. Über Internetportale sind inzwischen Millionen Titel leicht zugänglich.

          Antoinette de Bourignon war eine Mystikerin aus Lille, die im siebzehnten Jahrhundert mit ihrer kirchenkritischen Lehre Aufsehen erregte und nach ihrem Tod im Jahr 1680 in Vergessenheit geriet. Sie hinterließ eine Vielzahl von Schriften, die sie auf einer Druckerpresse produzierte, welche sie auf Reisen durch die Niederlande und Norddeutschland mit sich führte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Naturgemäß sind diese Schriften inzwischen rar, und wer sich etwa für das „Wunderwehrte Tractat von der Wahren Krafft-Tugend: Welche nicht bekant ist bey den itzigen Menschen“ interessiert oder für „Das Grab der Falschen Theologiae, Ausgerottet durch die Wahre, so durch den H. Geist hergekommen ist“, der hatte lange einen aufwendigen Weg einzuschlagen: Auf den Nachweisfund in einem Katalog oder Zettelkasten, der die Bestände der Bibliotheken zu diesem Bereich bündelt, folgte die Ermittlung des Standorts und schließlich der Antrag auf Fernleihe, der, wenn das Buch überhaupt von einer Bibliothek in die andere verschickt wurde, den Gang in den Lesesaal erforderlich machte, im Rahmen von dessen speziellen Nutzungsbedingungen und Öffnungszeiten. Wurde das Buch nicht verschickt, ging man eben selbst auf die Reise, und war die besitzende Bibliothek entfernt oder nahm die Recherche längere Zeit in Anspruch, dann kamen zu den Fahrtkosten noch die für die Unterkunft.

          Natürlich nahm man das in Kauf, es war die Normalität. Wie sehr allerdings gerade derjenige, der mit raren Drucken arbeitet, von der Entwicklung der vergangenen Jahre profitiert, zeigt der Vergleich mit dem jetzigen Zustand: Die retrospektive Digitalisierung nicht nur in der Bayerischen Staatsbibliothek in München oder der Staatsbibliothek zu Berlin eröffnet den Zugang zum Inhalt von Millionen Titeln vor allem aus jener Zeit, die für heutige Benutzer keine Urheberrechtsprobleme erwarten lässt, also etwa bis zur Wende zum zwanzigsten Jahrhundert.

          Handbibliothek auf dem heimischen Rechner

          Zugänglich gemacht wird das etwa über das Internetportal der Deutschen Digitalen Bibliothek, deren erste Vollversion 2014 freigeschaltet worden ist und die heute auf mehr als neun Millionen Digitalisate von Büchern, Fotos, Archivmaterialien, Filmen oder Tonaufnahmen verweist. Diese können dann jeweils auf den Internetseiten der Bibliotheken eingesehen und häufig auch als PDF heruntergeladen werden, so dass Nutzer eine Art Handbibliothek auf dem heimischen Rechner zusammentragen – oder zumindest deren digitalen Schatten.

          Dass damit Mühen und Kosten für die Institutionen verbunden sind, liegt auf der Hand: Die Pflege der Daten zuallererst, was Aufwand für Personal, Software und Energie verursacht. Auch für das Scannen fallen Kosten an, zudem wird das materielle Objekt dabei mehr oder weniger beansprucht. Auf der anderen Seite wird, ist das alte Buch einmal digitalisiert, nur noch derjenige danach greifen, der sich mit dem Digitalisat nicht zufriedengeben kann, etwa weil es ihm um das Materielle geht und er vielleicht Einbandformen oder Wasserzeichen des siebzehnten Jahrhunderts erforscht. In den meisten Fällen also wird das Original geschont, das sonst durch jedes Herausnehmen aus dem Regal und dem temperierten, hinsichtlich der Feuchtigkeit regulierten Magazin ebenso angegriffen wird wie davon, dass es möglicherweise weiter aufgebogen wird, als es der gealterten Bindung guttut.

          Die Visionen der Antoinette de Bourignon aber teilen sich auch am Bildschirm (oder als neuerlicher Papierausdruck des PDFs) mit, zudem wird man, da der Zugang schneller und leichter ist, auch mehr rezipieren können: die Teufelsbesuche in ihrer Schlafkammer etwa, den Blick in den geöffneten Brustkorb und dort auf das rabenschwarze Herz eines attraktiven Widersachers der Dame oder den entsetzlichen Bericht über ihr argwöhnisches Bewachen einiger Mädchen, die das Unglück hatten, in ein von ihr geleitetes Waisenhaus zu geraten und die laut der asketischen Dame allesamt vom Teufel besessen waren und einem Exorzismus unterworfen werden mussten. Natürlich ist die Deutsche Digitale Bibliothek längst nicht das einzige Projekt dieser Art – flankiert wird es etwa von der „Europeana“, einem Portal, das auf die Bestände in Archiven und Bibliotheken zielt. Gegenüber den anderen aber, die historische Textzeugnisse zur Verfügung stellen, indem sie diese scannen und die Schrift umwandeln oder den Inhalt von Freiwilligen abtippen lassen, kann so leicht niemand aus Versehen den Ausgangstext verändern, vom Erhalt des ursprünglichen Seitenumbruchs und des Schriftbilds ganz abgesehen.

          In der erzählenden Literatur begegnen Bücher, vor allem alte, uns häufig als Fetisch. Autoren wie Protagonisten schwelgen im Anblick von Bibliotheken, lassen den Finger über Lederrücken gleiten und saugen den Staubgeruch ein, und auch die Zahl der Bildbände, die Bibliotheksräume zeigen, ist rasant gestiegen. Tatsächlich wird damit eine nachvollziehbare Faszination beschrieben. Doch das Lesen spielt dabei eine überraschend geringe Rolle. Was das Bewahren der Bücher angeht, gilt natürlich, dass keine Kopie das Original ersetzt. Für den Leser aber ist es hilfreich, wenn er sich fragt, worum es ihm jeweils geht, wenn er ein bestimmtes Buch konsultiert. Und danach seine Entscheidung trifft.

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