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Digital Humanities (4/6) : Auf der Suche nach dem verlorenen Objekt

  • -Aktualisiert am

Die digitalen Literaturwissenschaften haben vor zehn Jahren eine Revolution der Textanalyse versprochen. Was ist daraus geworden?

          Der Aufstieg der digitalen Literaturwissenschaft verdankt sich nicht allein der Anpassung der philologischen Disziplinen an den Medienwandel. Er reagiert auch auf die Unzufriedenheit mit einem kulturwissenschaftlichen Relativismus, der seit den Achtzigern dazu beigetragen hat, dass literarische Texte an den Universitäten fast nur noch als Illustrationsmaterial für gegenstandsfremde Fragen politischer und ideologischer Art herangezogen werden. Ein Ziel der digitalen Literaturwissenschaft war daher von Beginn an die Materialsicherung. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil sind in ihr mehrheitlich keine Informatiker und netzaffinen Medienwissenschaftler, sondern Editionsphilologen beschäftigt. Die überzeugendsten Projekte der Digital Humanities auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft gehören in diesen Zusammenhang.

          So arbeitet ein in Bern, Berlin und Erlangen angesiedeltes, vom Schweizerischen Nationalfonds und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Kooperationsvorhaben zu Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ daran, den bisherigen, am Modell des Autororiginals orientierten Ausgaben des Werks eine digitale Edition entgegenzustellen, die die Vielzahl der Textherstellungsstufen nachvollziehbar machen soll. Ein anderes, in Frankfurt am Main, Weimar und Würzburg angesiedeltes Projekt der DFG macht den gesamten Bestand von Handschriften, Drucken und Zeugenbeschreibungen zugänglich, die zwischen 1774 und 1831 im Rahmen von Goethes Arbeit am „Faust“-Stoff entstanden sind. Auch Editionsvorhaben aus Nachbardisziplinen, wie die Ausgabe des koptisch-sahidischen Alten Testaments, an der seit 2015 eine am Seminar für Ägyptologie der Universität Göttingen angesiedelte Forschergruppe arbeitet, gehören in den Bereich digitaler Materialsicherung.

          Material ohne Interpretation

          Solche Projekte, die digitale Medien zur Speicherung und Abbildung historisch besonders alter oder textgenetisch komplexer Schriften nutzen, sind meist auf einen langen Zeitraum hin angelegt, teuer und erfordern eine streng arbeitsteilige Kooperation. In ihnen erfüllen die Digital Humanities die Funktion, gegenüber der kulturwissenschaftlichen Entgrenzung der Philologien das handwerkliche Moment literaturwissenschaftlicher Arbeit, den konkreten Objektbezug und die Textsicherung als Voraussetzungen philologischer Deutung zu rehabilitieren. Nicht zufällig widmen sich solche Forschungen zumeist unbekannten, bruchstückhaft überlieferten oder entstehungsgeschichtlich problematischen Texten, die erst editionsphilologisch rekonstruiert werden müssen. Wegen ihrer Fähigkeit, große Textbestände zu erschließen und abzubilden, sind die Digital Humanities hierfür besonders geeignet.

          Wo sie sich kanonisierten Werken, wie eben Goethes „Faust“, oder etablierten Autoren, etwa den Notizbüchern Theodor Fontanes, zuwenden, von denen die Fontane-Forschungsstelle in Göttingen in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek eine Hybrid-Edition erstellt, ist der Nutzen weniger einsichtig. Hier entsteht mitunter der Eindruck, dass eine angesichts des postmodernisierten Wissenschaftsbetriebs phantasielos gewordene Hermeneutik ihren Verzicht auf Textinterpretation durch einen Materialfetischismus ausgleicht, der über die Objekte, deren Überlieferung er sich verschrieben hat, kaum mehr etwas auszusagen weiß.

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