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Englisch an den Universitäten : Die trennende Brücke

  • -Aktualisiert am

Nicht nur in Cambridge wird auf Englisch unterrichtet Bild: (c) Paul Thompson/Corbis

Der Siegeszug der englischen Sprache an den Universitäten ist nicht unbedingt ein Triumph von Eleganz und Ausdrucksvermögen.

          Wäre Hans-Georg Gadamer im Alter von 89 Jahren noch – oder besser: schon – als Objekt des heutigen akademischen Evaluationsbetriebs in Betracht gekommen und in dieser Eigenschaft auf seine Fähigkeit zur transkulturellen Kommunikation geprüft worden, er wäre wohl durchgefallen. 1989 beantwortete der Philosoph, zu dessen Grundannahmen die Überzeugung von der prinzipiellen Unabschließbarkeit des Verstehens gehörte, die Frage nach der Möglichkeit der Einführung einer Einheitssprache in seiner Disziplin mit den Worten: „Man kann sich nicht einmal vorstellen, dass diese Kulturwelt sich, auch wenn es noch so praktisch wäre, für die Geisteswissenschaften ebenso auf eine einheitliche Verkehrssprache einigen könnte, wie sich das in der Naturforschung schon seit längerem anbahnt.“

          Dieses Urteil war keineswegs nur ein Resultat von Gadamers Konservatismus. Vielmehr war er sich im Beharren auf den Grenzen der akademischen Verständigung mit den ihm ansonsten fernstehenden Protagonisten der Kritischen Theorie einig. So entgegnete Theodor W. Adorno seinem in den Vereinigten Staaten lebenden Freund Siegfried Kracauer, nachdem dieser ihn 1955 um Rat gebeten hatte, ob er seine „Theorie des Films“ auf Deutsch oder Englisch publizieren sollte, „das Entscheidende, was unsereiner zu sagen hat“, könne „von uns nur auf Deutsch gesagt werden“.

          Kracauer, der angloamerikanischen Kultur aufgeschlossener als Adorno, veröffentlichte sein Buch 1960 schließlich entgegen dessen Empfehlung auf Englisch. Adorno hingegen blieb Zeit seines Lebens der Ansicht, dass seine Schriften in einer englischen Übersetzung, die nicht zugleich Kommentar wäre, unverständlich wirken müssten. Klang im Beharren auf dem Zusammenhang seiner Schriften mit der deutschen Kulturtradition bei Adorno das durch die Erfahrung des Exils geschärfte Bewusstsein davon nach, dass das Deutsche das bürgerliche Zeitalter hindurch die wichtigste Sprache des Judentums gewesen war, lebt seine Befürchtung, dass mit der Übersetzung ins Englische eine unangemessene Pragmatisierung des Denkens in die Geisteswissenschaften Einzug halte, bis heute fort. So äußerte der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann, ebenfalls in der Tradition der Kritischen Theorie stehend, noch 2006 den Verdacht, die wachsende Beliebtheit des Englischen an deutschsprachigen Hochschulen bezeuge das Bedürfnis einer selbsternannten Elite, sich als „Bürger einer Weltzivilisation“ aufzuspielen, „die nichts mehr mit dem verbohrten Rest der Bevölkerung verbindet“. Die Begeisterung des deutschen Wissenschaftsbetriebs für Internationalisierung, die sich in der Bevorzugung des Englischen als Verkehrssprache ausdrückt, wäre demnach das Symptom eines transkulturell gewendeten Nationalismus.

          Kommunikation auf Sparflamme

          Wer den wissenschaftlichen Alltag an deutschen Universitäten kennt, wird zugeben müssen, dass Liessmanns These einiges für sich hat. Wenn er es „absonderlich“ findet, dass „bei in Deutschland stattfindenden Tagungen aus Deutschland stammende Vortragende vor einem deutschsprachigen Publikum Englisch sprechen“, drückt sich darin kein Ressentiment, sondern eine wache Beobachtungsgabe aus. Dass in wissenschaftlichen Zeitschriften und Jahrbüchern mittlerweile routinemäßig deutschsprachigen Beiträgen englische Abstracts hinzugefügt werden, mag sich noch pragmatisch damit erklären lassen, dass auf diese Weise einer internationalen Leserschaft eine Handreichung zum Verständnis der Texte zur Verfügung gestellt werde.

          Schon hier jedoch ist auffällig, wie wenig Interesse deutsche Geisteswissenschaftler an empirischen Daten zum Nutzerverhalten in ihren Publikationsforen haben. Erklärt sich die Nützlichkeit englischer Abstracts bei deutschsprachigen Beiträgen zur Anglistik, Romanistik oder internationalen Geschichte von selbst, verleihen englische Abstracts Beiträgen, die sich vorwiegend an ein deutschsprachiges Fachpublikum richten, eine transnationale Adressierung, der ihr Wirkungsbereich selten entspricht. Wenn, wie von Liessmann beobachtet, auf vollständig mit deutschsprachigen Akademikern besetzten Symposien nur der Anwesenheit einiger nicht deutschsprachiger Zuhörer wegen Englisch als einzige Verkehrssprache praktiziert wird, ist evident, dass ein solches Kommunikationsverhalten die Weltoffenheit, die es symbolisiert, auf der Ebene des praktischen Handelns zurücknimmt. Trägt doch die Verwendung englischer Sprache in einem Umfeld, in dem sie mehrheitlich als Zweitsprache fungiert, zum Ausschluss all derer bei, die ihre Erstsprache sicherer beherrschen als die gewählte Verkehrssprache – und das dürfte nicht selten die Mehrheit sein.

          Liessmanns Diagnose, wonach die Weltoffenheit symbolisierende Bevorzugung des Englischen der Selbsterhöhung einer sich kommunikativ abschließenden Elite dient, betrifft nicht nur das Verhältnis der Wissenschaft zur Öffentlichkeit, sondern auch das Selbstverhältnis des akademischen Personals. Wer nicht seine Bildungssozialisation hindurch bilingual aufgewachsen ist, vermag in der Regel Gedanken, Interpretationen und Urteile in seiner Erstsprache prägnanter und selbstsicherer zu formulieren denn in einer Zweitsprache, so routiniert er diese auch beherrscht. Er muss also, um nicht gegen die kommunikativen Verkehrsregeln zu verstoßen, gleichsam die Erstsprache auf die Verkehrssprache herunterbringen und auf all jene Nuancen verzichten, die sich nur in der Erst-, nicht in der Verkehrssprache formulieren lassen. Dadurch aber tritt in den Geisteswissenschaften – mit Adorno und Gadamer gesprochen –„das Entscheidende“ tendenziell in Widerspruch zu dem, was „praktisch“ ist. Fungiert statt der Erstsprache die allen Gesprächspartnern vertraute Zweitsprache als einzige Verkehrssprache, avanciert jenes „Praktische“, die Sphäre instrumenteller Mitteilung, zum wichtigsten Maßstab eines gelingenden Gesprächs.

          Vom Ausdruck des Gedankens zum Austausch von Mitteilungen

          Sprache kommt aus dieser Perspektive einseitig unter dem Aspekt ihrer Brückenfunktion und unter Absehung von allem in den Blick, worin sie trennt und unterscheidet. Gesprochen werden soll jeweils nicht mehr in der Sprache, die jeder Gesprächsteilnehmer am besten beherrscht, sondern in jener, auf die alle sich halbwegs einigen können, und das ist mittlerweile fast überall das Englische. Die Willfährigkeit, mit der sich deutsche Universitäten auf diese kommunikative Praxis einlassen, dürfte neben dem von Liessmann diagnostizierten Distinktionsbedürfnis den ökonomischen Grund haben, dass die Institutionen sich, indem jeder Mitarbeiter zu seinem eigenen Übersetzer wird, die Bezahlung von Synchrondolmetschern sparen können, die an den Universitäten noch vor nicht allzu langer Zeit ein wichtiges Wirkungsfeld fanden. Überhaupt führt die Beliebtheit des Englischen als Sprachrelais – ähnlich digitalen Übersetzungsprogrammen wie DeepL oder Google Translate – zu einer Entwertung der Übersetzerberufe, weil sie suggeriert, dass sich die Arbeit der Übertragung erübrigt, wo das Englische allen Mitgliedern der scientific community als kleinster gemeinsamer Nenner zur Verfügung steht. Was sich der Betrieb als Zeichen von Exzellenz gutschreibt, ist insofern einfach nur ein Resultat wissenschaftlicher Rationalisierung.

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          Entsprechend kurzschlüssig ist aber auch die von kulturkonservativer Seite gern vertretene Annahme, dass der Siegeszug des Englischen zur Verflachung der europäischen Kultursprachen beitrage. Zum einen ist Englisch selbst eine europäische Sprache, die ihren Status als beliebig verwendbares Relais nicht ihrer vermeintlichen Simplizität, sondern einer Reihe historischer und politischer Zufälle verdankt. Zum anderen wird auch das Englische durch seinen Aufstieg zur allgemeinen akademischen Verkehrssprache nicht reicher, sondern ärmer. Denn wo die englische Sprache nur noch als kleinster gemeinsamer Nenner der Sprachverkehrsteilnehmer fungiert, schwindet auch an ihr selbst das, worauf alle Gesprächsteilnehmer verzichten, wenn sie ihre Erstsprache zugunsten der Verkehrssprache zurückstellen. Wo das Englische nur als Relais in Betracht kommt, benutzen auch Briten und Amerikaner ihre Erstsprache wie eine Zweitsprache: instrumentell statt substantiell. Die Konsequenzen sind Komplexitätsreduktion, Abwertung des Ausdrucksmoments gegenüber der Mitteilungsfunktion und die Bevorzugung des Gemeinplatzes gegenüber dem ungedeckten Gedanken.

          Würde demgegenüber das trennende, unterscheidende Moment von Sprache stärker ins Bewusstsein gehoben, könnte das nicht nur der Genauigkeit des Ausdrucks, sondern auch dem kommunikativen Potential von Sprache nützen. Adornos Satz, „das Entscheidende, was unsereiner zu sagen hat“, könne „von uns nur auf Deutsch gesagt werden“, lässt sich nämlich auch als Einladung lesen: Andere, aber eben nicht er selbst, könnten das Gleiche anders, aber ebenso angemessen in einer anderen Sprache formulieren. Damit ist der Konnex von historischem Gedächtnis, lebensgeschichtlicher Erfahrung und sprachlicher Form benannt, den jede Erkenntnis voraussetzt und der durch die Fetischisierung des Englischen als allgemeine Verkehrssprache verdrängt wird.

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