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Englisch an den Universitäten : Die trennende Brücke

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Vom Ausdruck des Gedankens zum Austausch von Mitteilungen

Sprache kommt aus dieser Perspektive einseitig unter dem Aspekt ihrer Brückenfunktion und unter Absehung von allem in den Blick, worin sie trennt und unterscheidet. Gesprochen werden soll jeweils nicht mehr in der Sprache, die jeder Gesprächsteilnehmer am besten beherrscht, sondern in jener, auf die alle sich halbwegs einigen können, und das ist mittlerweile fast überall das Englische. Die Willfährigkeit, mit der sich deutsche Universitäten auf diese kommunikative Praxis einlassen, dürfte neben dem von Liessmann diagnostizierten Distinktionsbedürfnis den ökonomischen Grund haben, dass die Institutionen sich, indem jeder Mitarbeiter zu seinem eigenen Übersetzer wird, die Bezahlung von Synchrondolmetschern sparen können, die an den Universitäten noch vor nicht allzu langer Zeit ein wichtiges Wirkungsfeld fanden. Überhaupt führt die Beliebtheit des Englischen als Sprachrelais – ähnlich digitalen Übersetzungsprogrammen wie DeepL oder Google Translate – zu einer Entwertung der Übersetzerberufe, weil sie suggeriert, dass sich die Arbeit der Übertragung erübrigt, wo das Englische allen Mitgliedern der scientific community als kleinster gemeinsamer Nenner zur Verfügung steht. Was sich der Betrieb als Zeichen von Exzellenz gutschreibt, ist insofern einfach nur ein Resultat wissenschaftlicher Rationalisierung.

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Entsprechend kurzschlüssig ist aber auch die von kulturkonservativer Seite gern vertretene Annahme, dass der Siegeszug des Englischen zur Verflachung der europäischen Kultursprachen beitrage. Zum einen ist Englisch selbst eine europäische Sprache, die ihren Status als beliebig verwendbares Relais nicht ihrer vermeintlichen Simplizität, sondern einer Reihe historischer und politischer Zufälle verdankt. Zum anderen wird auch das Englische durch seinen Aufstieg zur allgemeinen akademischen Verkehrssprache nicht reicher, sondern ärmer. Denn wo die englische Sprache nur noch als kleinster gemeinsamer Nenner der Sprachverkehrsteilnehmer fungiert, schwindet auch an ihr selbst das, worauf alle Gesprächsteilnehmer verzichten, wenn sie ihre Erstsprache zugunsten der Verkehrssprache zurückstellen. Wo das Englische nur als Relais in Betracht kommt, benutzen auch Briten und Amerikaner ihre Erstsprache wie eine Zweitsprache: instrumentell statt substantiell. Die Konsequenzen sind Komplexitätsreduktion, Abwertung des Ausdrucksmoments gegenüber der Mitteilungsfunktion und die Bevorzugung des Gemeinplatzes gegenüber dem ungedeckten Gedanken.

Würde demgegenüber das trennende, unterscheidende Moment von Sprache stärker ins Bewusstsein gehoben, könnte das nicht nur der Genauigkeit des Ausdrucks, sondern auch dem kommunikativen Potential von Sprache nützen. Adornos Satz, „das Entscheidende, was unsereiner zu sagen hat“, könne „von uns nur auf Deutsch gesagt werden“, lässt sich nämlich auch als Einladung lesen: Andere, aber eben nicht er selbst, könnten das Gleiche anders, aber ebenso angemessen in einer anderen Sprache formulieren. Damit ist der Konnex von historischem Gedächtnis, lebensgeschichtlicher Erfahrung und sprachlicher Form benannt, den jede Erkenntnis voraussetzt und der durch die Fetischisierung des Englischen als allgemeine Verkehrssprache verdrängt wird.

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