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Psychoanalyse : Fitness strafft nur die Oberfläche

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Ich hinter Federn: Hauptdarstellerin Delphine Seyrig in Alain Resnais’ psychoanalytisch inspiriertem Film „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961) Bild: interTOPICS/Capital Pictures

Die Psychoanalyse fristet an den Universitäten ein Schattendasein. Die Anpassung an das Reale verdrängt die Erforschung des Unbewussten. Wird sich das durch die Reform der Psychotherapeutenausbildung ändern?

          Leila Tichy hat einen anstrengenden Weg vor sich. Nachdem sie im Sommer 2017 ihren Abschluss in Psychologie und Philosophie an der Frankfurter Goethe-Universität gemacht hatte, entschied sie sich dieses Jahr für eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin. Drei Auswahlgespräche am Frankfurter Psychoanalytischen Institut später hatte sie eine Zusage und muss nun einen der raren Plätze in der Lehranalyse finden. Bei der Lehranalyse legt sich die werdende Psychoanalytikerin selbst auf die Couch und sammelt Selbsterfahrung, die später unverzichtbar für die eigene Praxis sein wird.

          Viermal die Woche wird Leila Tichy dann Sitzungen bei einer Lehranalytikerin haben, mindestens 500 Stunden über den Ausbildungszeitraum von etwa fünf Jahren, finanziert aus eigener Tasche. Hinzu kommt ein ebenfalls unbezahltes praktisches Jahr. Warum hat sie sich trotzdem für diesen Beruf entschieden? „Einerseits sehe ich im psychoanalytischen Zugang einen dezidiert politischen Anspruch, zwischen Normalität und Pathologie keinen strengen Gegensatz zu ziehen, sondern eben auch das Krankhafte am Normalen und umgekehrt auszumachen“, sagt Leila Tichy, „und andererseits bleibt ohne einen psychoanalytisch fundierten Begriff vom Unbewussten das Menschenbild in der Therapie unvollständig. Psychische Probleme können in ihrer Komplexität nur verstanden werden, wenn man auf das Verdrängte schaut.“

          Das ist in Deutschland nur noch an wenigen Hochschulen möglich. Auf den Wunsch des Deutschen Therapeutentags hat das Bundesministerium für Gesundheit im vergangenen Jahr einen ersten Arbeitsentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung verabschiedet. Wie in der Medizin schon üblich, soll die Approbation in das Studium verlagert werden. Das sogenannte Direktstudium Psychotherapie scheint damit auf den Weg gebracht. Aber was bedeutet das für die Psychoanalyse?

          Rückzug aus den Hochschulen

          Die Psychoanalyse hat eine beispiellose Entwicklung durchlaufen. Begriffe wie Trauma, Unbewusstes oder Trieb sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Eine Vielzahl von Menschen haben eine grobe Vorstellung davon, dass in ihnen verborgene psychische Konflikte wirken und dass diese möglicherweise etwas mit ihrer (frühen) Kindheit zu tun haben, ohne wirklich zu wissen, welcher wissenschaftlichen Disziplin diese Annahmen entstammen. Gleichzeitig ist die Psychoanalyse aus den Universitäten so gut wie verschwunden. An staatlichen Hochschulen gibt es innerhalb der Psychologie noch eine psychoanalytisch ausgerichtete klinische Professur in Kassel und eine Professur in Frankfurt, die sich mit der wesentlich gängigeren kognitiven Verhaltenstherapie den klinischen Master-Studiengang teilt.

          Tilmann Habermas, Lehrstuhlinhaber für Psychoanalyse in Frankfurt, weiß um diesen Standortvorteil. Ein Teil der Master-Studenten Psychologie komme gegenwärtig gezielt nach Frankfurt, um das psychoanalytisch orientierte Lehrangebot wahrzunehmen. Dabei ist er sich bewusst, dass seine Abteilung gegenwärtig eine Insel in der Landschaft öffentlicher Hochschulen bildet: „Die Psychoanalyse ist in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Rückzug“, sagt Habermas. „Das hat natürlich vielfache Gründe, so wie das Vordringen der biologischen Psychiatrie seit den siebziger Jahren und einer kognitiven Neurowissenschaft mit den bildgebenden Verfahren seit den neunziger Jahren. Andere Gründe liegen in der privaten Verfasstheit der psychoanalytischen Organisationen und in ihrer oft mehr praktisch-klinischen als akademischen und Forschungsorientierung.“

          Im Zusammenhang mit der Etablierung eines Direktstudiums Psychotherapie hegt Habermas die Befürchtung, es könne in Zukunft schwerer werden, interessierte Psychologen für die psychoanalytische Ausbildung an privaten Ausbildungsinstituten zu gewinnen: „Schließlich wird das Psychologie-Master-Studium, in welches sich die psychotherapeutische Ausbildung partiell verlagern soll, fast flächendeckend von Vertretern der Kognitiven Verhaltenstherapie bestritten.“

          Verhaltenstherapie statt Tiefenhermeneutik

          Diese Probleme hat Martin Teising an seinem Arbeitsplatz nicht. Er ist Präsident der International Psychoanalytic University in Berlin (IPU), einer Privatuniversität, die sich als erste in Deutschland auf Psychoanalyse spezialisiert hat. „Eigentlich könnten wir sagen: Her mit dem Direktstudium!“, sagt Teising, schließlich verfüge die IPU über wesentlich mehr approbierte Professoren als die übrigen staatlichen Hochschulen. Dennoch sei er kein Befürworter der Reform: Die kognitive Verhaltenstherapie sei besser kompatibel mit einer Direktausbildung als die Psychoanalyse, die sich aufgrund ihres hohen Anteils an Selbsterfahrung in der Lehranalyse schwerer in ein System staatlicher Vorgaben zwängen lasse. „Einige Psychoanalytiker haben die Hoffnung, dass mit dem Direktstudium auch die Nachfrage nach psychoanalytischen Lehrstühlen steigt“, sagt Teising. Ich halte aber für realistischer, dass verhaltenstherapeutisch orientierte Professuren dann eher sagen, sie können den psychoanalytischen Teil des Studiums einfach selbst übernehmen, oder sie vergeben lediglich Lehraufträge.“ Die Verhaltenstherapie passe eben besser in unsere Zeit. Ihre lerntheoretischen Annahmen seien konform mit der Anforderung, möglichst schnell für den Arbeitsmarkt fit zu machen.

          Die Ausbildung zum Psychoanalytiker wird auch nach der Einführung eines Direktstudiums eine sehr kosten- und zeitaufwendige, aber lohnende Entscheidung bleiben. Um diese Wahl treffen zu können, ist es allerdings notwendig, dass Studenten bereits während ihres Studiums fundierte Kenntnisse in der Psychoanalyse erlangen. Deshalb darf sie nicht mehr länger nur in Enklaven gelehrt werden.

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