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Was bleibt von Achtundsechzig? : Die Neuerfindung des Lebens

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Augenblicke, in denen alles möglich schien: Pariser Studenten ergreifen im Mai 1968 das Wort Bild: AFP

Mit ihren politischen Strategien und Lebensformen veränderte die Studentenbewegung die Wahrnehmung ihrer Zeit. Manches davon lebt in den heutigen Protestbewegungen fort.

          Der Protest der Achtundsechziger zielte in allen westlichen Ländern auf eine andere Gesellschaft. Das sozial Imaginäre, das damit verbunden war, wurde auf neue Begriffe gebracht: „Être libre en 1968“, war an einer Treppe von Sciences Po zu lesen, „c’est participer.“ Freiheit wurde 1968 mit einem erweiterten Demokratiebegriff, der Demokratisierung aller Lebensbereiche, in Verbindung gebracht. In der Partizipation sah man das Mittel, Apathie und Gleichgültigkeit zu durchbrechen und das stillschweigende Einverständnis mit der bestehenden Ordnung aufzubrechen. Der Strukturwandel der Institutionen sollte aber nicht vom politischen System ausgehen. Der parlamentarischen Demokratie wurde „Aushöhlung“ angelastet. Es galt, sie durch eine außerparlamentarische Opposition und direkt-demokratische Strukturen zu ergänzen oder zu ersetzen.

          Das Bild der „anderen“ Gesellschaft wurde nicht ausgemalt, denn einen Endzustand der Utopie gab es für die Neue Linke nicht. Die Utopie blieb in Bewegung, ein unvollendetes, permanentes Projekt. Beschrieben wurden jedoch – im „Kursbuch“, dem Forum der Außerparlamentarischen Opposition, oder auf Pariser Hauswänden – Kernelemente der erstrebten „anderen“ Gesellschaft mit Begriffen und Parolen wie „Assoziation freier Individuen“, „reale Demokratie“, Aufbau rätedemokratischer Strukturen nach dem Vorbild der Pariser Kommune, „Dezentralisierung der Entscheidungen“, „Kooperation statt Subordination“, „Reduktion des Arbeitstages auf fünf Stunden“, „Leben ohne tote Zeit“, „Das Leben neu erfinden“.

          Wie konnten diese Ziele erreicht werden? Die Transformationskonzeption der Neuen Linken lehnte – und hierin liegt eine ihrer Neuerungen – die „Strategie der zwei Schritte“ (Immanuel Wallerstein) in die „andere“ Gesellschaft ab. Sozialismus sollte sich nicht in der Eroberung der politischen Macht (politische Revolution) und der Verstaatlichung der Produktionsmittel (soziale Revolution) erschöpfen. Die neuere Geschichte habe gezeigt, argumentierten Gabriel und Daniel Cohn-Bendit 1968, dass die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln keineswegs mit dem Ende der Ausbeutung zusammenfalle und mit der Eroberung der politischen Macht lediglich eine neue Elite die andere ablöse. Es ging der Neuen Linken um Machtkontrolle, Abbau von Herrschaft und Hierarchien, nicht Machteroberung.

          Revolte jenseits des Staats

          An die Stelle der Machteroberung im Staat trat die Antizipation freier Selbstorganisation der Gesellschaft durch die Schaffung von Gegenöffentlichkeit, von Gegeninstitutionen, Gegenkulturen und Gegenmilieus. Weltweit brachten die Achtundsechziger-Bewegungen eine breite und bunte Palette „gegenkultureller Räume“ hervor, zum einen durch Besetzung von kulturellen Institutionen (Universitäten, Theatern, Hörsälen, Redaktionen), von Straßen und Plätzen, aber auch durch Neugründungen von Kommunen und Kinderläden, alternativen Verlagen, Zeitschriften, Buchläden, Anwaltskanzleien oder Kliniken.

          Damit löste die Neue Linke das Politische vom Staat und seinen Institutionen. „La politique est dans la rue“, lautete eine Parole in Frankreich. Das Politische manifestierte sich in Diskursen, die gängige Wahrnehmungsmuster der sozialen Welt auflösten. Die intellektuelle Neue Linke und ihre studentischen Trägergruppen vermittelten so ein neues Verständnis von Politik. Man setzte auf die Politisierung der Gesellschaft „von unten“, knüpfte das Politische an das Miteinander-Reden-und-Reflektieren im öffentlichen Raum.

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