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Linke Kritik : Die große Organisation

Rudi Dutschke in dem berühmten Fernsehinterview mit Günter Gaus Bild: obs

Die Achtundsechziger wollten die Gesellschaft über die Hochschulen auf eine höhere Bewusstseinsebene führen. Was ist daraus geworden?

          Das linke Denken ist stark in der Dekonstruktion gewinnt daraus Energie und Beweglichkeit, und steht, wenn alte Zöpfe abgeschnitten sind, vor der Aufgabe, Zertrenntes neu zu verknüpfen. Bindungen kommen anders als im bürgerlich-konservativen Lager, das sie pflegt und daraus das Recht ableitet, einen schönen Sommertag auch einfach mal schön sein zu lassen, manchmal überraschend zustande. Es war die Ironie der von Habermas als rotlackierte Faschisten bezeichneten studentischen Revolutionäre von 1968, dass sie begrifflich ins Lager des Gegners überliefen, als sie die lebenspraktischen Folgen ihre Forderungen erreichten: Man plante nun Kinderläden für die vom eigenen Nachwuchs ungestörte Theoriearbeit und den Selbstgenuss in der Kommune. Und es ist die Ironie von Habermas selbst, in den Sog der von ihm kritisierten Technokratie geraten zu sein, als er zur Jahrtausendwende die Religion als „kulturelle Ressource“ neu entdeckte, was mehr nach Achtsamkeitsübungen in der Mehrzweckhalle klang als nach transzendentaler Besinnung.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Was bleibt von der utopischen Energie, so lautet die Frage im fünfzigsten Jubiläumsjahr von 1968. Teils mündete die revolutionäre Energie in die Unzuständigkeitserklärung: Solange es nicht so ist, wie wir es haben wollen, bleiben wir utopisch. Daneben trat die situationistische Spielart: Lasst uns die Zeit spielerisch über die Runden bringen und Löcher in die kapitalistischen Fassaden schneiden. Die dritte und wohl wirkmächtigste Variante verlegte sich von einer Kritik der politischen Ökonomie auf die kulturelle Emanzipation. Der vierte Weg, der Kultur und Ökonomie verbindet, ist noch wenig präsent.

          1968 war das anders, es war das Jahr der großen Zuständigkeitserklärung. Als die Bewegung mit der Frauenfrage auf die ersten inneren Widerstände traf, schreibt der Historiker Gerd Koenen, wurde das Wort Organisation zum Fetisch. Was damit gemeint war, ist nach Koenen nie wirklich klar geworden. Koenen selbst erlebte die siebziger Jahre im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Um den Apparat aufzubauen, mit dem die Partei zur politischen Größe werden wollte, und um die Mitglieder gegen alle bürgerlich-materialistischen Versuchungen zu feien, wurde irgendwann deren Vermögen eingezogen, bis der Apparat in den achtziger Jahren plötzlich in sich zusammenfiel.

          Kollektive Seelenerhebung

          Was es mit der Organisation näher auf sich hat, erklärt Rudi Dutschke in dem legendären Fernsehgespräch mit Günter Gaus im Südwestfunk am 3. Dezember 1967. Es ist das erste Mal, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit den rebellischen Studenten dialogisch befasst. Die Vorkehrungen sind beträchtlich. Schon 35 Jahre vor Lars Kausch’ epochalem Film „Sie haben Knut“, der in die Sprechblasen der Revolutionsrhetorik stach, erklärt Günter Gaus alle Revolutionshoffnungen für passé und stellt Dutschke dann eine Reihe abgelesener Fragen. Dutschke antwortet darauf in seinem melodiösen Sprachduktus, ohne am Satzende die Stimme zu senken. Die Historikerin Margret Szöllösi-Janze hat das Fernsehduell vergangenen Donnerstag an der Frankfurter Universität so einfühlsam analysiert, dass über das mediale Substrat hinweg ein Zeitgefühl präsent wurde.

          Dutschkes musikalische Theorie verfehlt im TV-Gespräch nicht die Wirkung. Aus dem melodischen Duktus gerät er nur kurz, als Gaus ihm die Frage stellt, ob die neue Organisation nicht selbst das Beamten-Schicksal der befehdeten Systemvertreter ereilen würde, wenn sie das erstrebte Wachstum einmal erreicht hätte. Dutschke kontert mit dem Bewusstseinaufstieg einer von Manipulation und Stumpfsinn befreiten Gesellschaft. Die Organisation ist für ihn nur das Vehikel zur kollektiven Seelenerhebung. Aber lässt sich die Psyche zwanglos kollektivieren?

          Kollektiv gesehen, hat sich Dutschkes Traum in den Institutionen aufgerieben. Individuell lebte er beispielsweise in der Psycho-Kommune fort. Die „wilde Zwillingsschwester“ Gisela Getty, die eine solche in den Achtzigern mit Rainer Langhans bewohnte, erzählte im Sommer als Gast der Frankfurter Universität von harten Abstürzen, verteidigte aber das zärtlichste Ideal der Revolution: die Liebe. Der Ex-Sponti Matthias Horx stellte daneben die erfolgreiche Emigration der Achtundsechziger-Bewegung auf Facebook, wo Bewusstsein, was er dann nicht mehr erwähnte, zu Marke und Ware wurde.

          Masse statt Organisation, Ökonomie statt Bewusstsein: dasselbe Schicksal erlitt bekanntlich die Universität, die Keimzelle der Bewegung. Als postrevolutionäres Projekt bleibt hier die erfolgreiche Besetzung eines Gremiensessels in der Bologna-Hochschule. In einem Gespräch mit Alexandru Bulucz („Sterbliche Gedanken“, Edition Faust 2015) empfiehlt der Philosoph Dieter Henrich – auf individueller Ebene – das vertraute Gespräch, um dem derart isolierten Subjekt aus der Klemme zu helfen und ihm, nun auch wieder mit Gisela Getty, das Herz, das es allein nicht findet, zu öffnen.

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