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Trend zum Kollektiv : Die Forschung der vielen

Der Magnetkern des Teilchendetektors CMS (Compact Muon Solenoid) ist Teil des LHC-Projekts im europäischen Teilchenforschungszentrum CERN bei Genf. Bild: dpa

Die Zeiten, in denen Wissenschaft von Einzelpersönlichkeiten geprägt wurde, sind vorbei. Der Trend zum Kollektiv verändert die Forschung massiv.

          Im Mai 2012 zeichnete der Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg ein düsteres Bild von der Zukunft der Wissenschaft. Seine These: „Big Science“ ist in der Krise. Gemeint war damit die zumindest in der Teilchenphysik und Astrophysik dominierende Forschung mit riesigen Teams und milliardenschweren Experimenten. Weinberg begründete seine Behauptung damit, dass die Finanzierung solcher Forschungsprojekte immer schwieriger werde. Das werde Wissenschaftler bald dazu zwingen, wieder kleiner zu denken. Als Ernest Rutherford 1911 den Atomkern entdeckte, habe dies einer Unterstützung von siebzig Pfund durch die Royal Society of London und zweier Mitarbeiter bedurft. Diese Wissenschaft sei „great“ gewesen, aber nicht „big“ – großartig, nicht groß.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Bislang ist eine Rückbesinnung auf Forschung im kleinen Rahmen allerdings kaum abzusehen. Dass sich die Zeiten seit Rutherford stark geändert haben, macht insbesondere die historische Entwicklung der Autorenzahl wissenschaftlicher Artikel deutlich. Schon 1963 hatte der Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price, der als Vater der quantitativen Vermessung der Wissenschaften gilt, auf der Grundlage einer ausgiebigen Untersuchung wissenschaftlicher Publikationen festgestellt, dass die Anzahl der Autoren pro Paper stetig zunehme und ein kontinuierliches Wachstum in Richtung einer „unendlichen Anzahl von Autoren zu erwarten sei.

          Er sollte recht behalten. Vor drei Jahren wurde ein neuer Rekord aus der Teilchenphysik vermeldet: 5154 Autoren präsentierten in einem gemeinsamen Papier eine Messung der Masse des Higgs-Bosons. Rund zwei Drittel der 33 Seiten des Artikels wurden für die Auflistung aller Namen und Adressen der beteiligten Physiker benötigt. Damit ist die Teilchenphysik Spitzenreiter der großen Forschungskollaborationen, gefolgt unter anderem von der Astrophysik, deren internationale Observatorien wie das Planck-Weltraumteleskop der Esa immerhin Publikationen von einigen hundert Autoren hervorbringen. Dieser Trend beschränkt sich allerdings keinesfalls nur auf die Naturwissenschaften.

          Die Namensliste der Atlas-Collaboration (Ausschnitt)

          Die digitale Verfügbarkeit wissenschaftlicher Resultate macht es heute leicht möglich, die Beobachtungen auf beliebige Forschungsfelder auszudehnen. So werteten Wissenschaftler der amerikanischen Northwestern University um Stefan Wuchty im Jahr 2007 knapp zwanzig Millionen Fachartikel in den Natur- und Ingenieurswissenschaften, Sozial-, Kunst- und Geisteswissenschaften aus fünf Jahrzehnten aus. In den beiden ersten Gebieten bemerkten die Wissenschaftler eine deutliche Entwicklung hin zur kollektiven Forschung: In den Naturwissenschaften wuchs die durchschnittliche Autorenanzahl im beobachteten Zeitraum von 1,9 auf 3,5.

          Reputationsgewinn durch Teamarbeit

          Auch in den Sozialwissenschaften gab es einen deutlichen Wandel: 2000 wurde die Mehrzahl aller Arbeiten im Team geschrieben, während dies 45 Jahre für 17,5 Prozent gegolten hatte. Allein in den Geisteswissenschaften wurden 2000 noch neunzig Prozent der Veröffentlichungen von Einzelkämpfern verfasst – doch auch hier bemerkten die Wissenschaftler eine leichte Tendenz in Richtung Teamwork. 2015 wurde eine ähnliche Analyse von Wissenschaftlern der Universität Montreal um Vincent Larivière unter Berücksichtigung von 32,5 Millionen Artikeln aus dem Zeitraum zwischen 1900 und 2011 veröffentlicht – mit sehr ähnlichen Ergebnissen. 2011 hatte demnach die Zahl der Einzelveröffentlichungen in den Naturwissenschaften auf sieben Prozent abgenommen, in den Sozial- und Geisteswissenschaften auf 38 Prozent.

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