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Der Fall „Avital Ronell“ : Die Doktormutter

Psychoterror durch Krokodilstränen? In Avital Ronells Betreuungsmethoden kann ihre Universität kein Stalking erkennen. Bild: F. Poletti/Opale/Leemage/laif

Avital Ronell, intellektuelle Erbverwalterin Jacques Derridas, wird in New York wegen sexueller Belästigung eines Promovenden zur Rechenschaft gezogen. Die Aufarbeitung der Universität überrascht.

          Die Sirenen verstummen“ – unter diesem auf Kafka anspielenden Titel fand im März 2013 im Deutschen Haus der New York University ein Gedenkkolloquium für den anderthalb Jahre zuvor in Berlin verstorbenen Medientheoretiker Friedrich Kittler statt, der in der Einladung als „berühmter und ikonischer deutscher Denker“ charakterisiert wurde. An erster Stelle der drei Tagungsorganisatoren wurde dort Avital Ronell genannt, seit 1996 Professorin an der NYU, die in Büchern wie „Dictations: On Haunted Writing“ und „The Telephone Book“ ähnliche Gegenstände wie Kittler behandelt hat. Die Tagung begann mit einer von Ronell angeleiteten Geistesbeschwörung. Der Verstorbene erschien per Video, dazu gab es Tanz, elektronische Klänge und Klaviermusik. Das Klavier spielte Nimrod Reitman, ein Doktorand aus Israel. Er hatte im Herbst 2012 sein Studium an der NYU aufgenommen. Die Betreuerin seiner Doktorarbeit war Avital Ronell.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Im Januar 2018, fünf Jahre nach dem Ereignis, ist der Sammelband mit den Tagungsvorträgen erschienen. Ronell steuerte das Nachwort bei. Die drei Organisatoren überließen anderen Kollegen die Herausgabe des Bandes. So konnte einer von Ronells Mitorganisatoren sie auf dem Buchumschlag als „New Yorker Philosophie-Ikone“ rühmen. Über die Tagungsbeiträge hinaus wurden weitere Aufsätze aufgenommen. Unter den Autoren ist auch Nimrod Reitman, der seine Promotion im Juni 2015 erfolgreich abgeschlossen hat. Sein Aufsatz ist überschrieben mit „Lamenting the Voice Behind the Chair“. Der Titel zitiert ein Fragment von Friedrich Nietzsche: „Was ich fürchte, ist nicht die schreckliche Gestalt hinter meinem Stuhl, sondern ihre Stimme: auch nicht die Worte, sondern der schauderhaft unartikulierte und unmenschliche Ton jener Gestalt, Ja, wenn sie doch redete, wie Menschen reden.“

          Die neunte der 52 Fußnoten bezieht sich auf Kittler und Paul de Man, den Stifter der dekonstruktivistischen Schule der Literaturwissenschaft. Reitman schreibt: „Wir versuchen immer noch, den Reichtum der Pädagogik dieser großen Lehrer zu würdigen, aber es wäre notwendig, wenn auch zweifellos peinlich, die traumatischen Ränder und Verzerrungen des Erbes in den Blick zu nehmen, die unvermeidlich geschehen, wenn wahres Lernen unter Meisterlehrern stattfinden soll.“ So verquast diese pathetische Anmerkung auch formuliert ist: Sie enthält eine Botschaft, deren Adressatenkreis größer ist als die Gemeinde der Paraphilologen, die das Werk von Friedrich Kittler fortschreiben. Die Fußnote ist ein Kassiber: um auf ein Buch von Jacques Derrida anzuspielen, dem Apologeten de Mans und Mentor Ronells, die Rückseite einer Postkarte. Anders gesagt, unter Verweis auf einen Klassiker des dekonstruktivistischen Referenzkanons: Mitten unter den kleingedruckten Zitatnachweisen liegt Reitmans Mitteilung so offen aus wie der entwendete Brief in Poes Erzählung.

          Technik der wortspielerischen Zweideutigkeit

          Am 16. August hat Reitman bei den Zivilgerichten von New York Klage eingereicht gegen die NYU und Ronell. Er wirft seiner Betreuerin vor, ihn während des gesamten Promotionsstudiums sexuell und emotional bedrängt zu haben und ihn für seine Abwendung von ihr dadurch zu bestrafen, dass sie seinen Einstieg in die akademische Laufbahn verhindere. Reitman forscht jetzt in Harvard, aber seine Bewerbungen um eine bezahlte Stelle waren erfolglos. In der Klageschrift zitiert er eine E-Mail von Ronell, in der sie sich der Fähigkeit rühmt, ihre Schüler an den besten Universitäten der Vereinigten Staaten unterzubringen. Sie soll von ihren „Mafia-Talenten“ gesprochen haben.

          Der Satz in Reitmans Kittler-Aufsatz, auf den sich Fußnote neun bezieht, lautet: „Niemand wird bestreiten, dass de Man, allem Anschein zum Trotz, mit den verführerischen Aspekten der Rhetorik befasst war und in vielen Einzelfällen dieselbe Wirkung auf die Studentenschaft [„student body“] hatte wie Friedrich Kittler.“ Reitman bedient sich hier eines der gängigsten Kunstmittel der dekonstruktivistischen Prosa: des Wortspiels. Der Begriff „student body“ ist doppeldeutig. Die Gesamtkörperschaft der Studenten darf man, da ja von Einzelfällen verführerischer Effekte die Rede ist, durch den studentischen Körper ersetzen. Dass die Professorin Ronell auch an den Körper ihres Doktoranden Forderungen stellte, belegen die in der Klageschrift zitierten E-Mails, deren Echtheit Ronell nicht bestreitet. In diesem Textkorpus begegnet man der Technik der wortspielerischen Zweideutigkeit im privaten Kontext. So erhielt Reitman von Ronell einmal die Nachricht, man werde sich an der Körperöffnung, nein, im Büro treffen: „I’ll see you at the orifice, I mean at the office.“

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