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Der Fall „Avital Ronell“ : Die Doktormutter

Bevor Reitman als Kläger vor die ordentlichen Gerichte zog, hatte er Beschwerde gemäß Title IX erhoben, dem Bürgerrechtsgesetz, das für universitätsinterne Untersuchungen von Vorwürfen sexueller Belästigung maßgeblich ist. Von diesem Verfahren erfuhr die Öffentlichkeit im Mai, als ein Brief bekannt wurde, in dem prominente Kolleginnen und Kollegen die Hochschulleitung aufforderten, bei der Würdigung der Beweise gegen Ronell Rücksicht zu nehmen auf ihre internationale Reputation und ihre Verdienste als charismatische Lehrende. Zum Zeitpunkt der Abfassung der Solidaritätsadresse lag der Untersuchungsbericht schon vor. Ein Gerücht besagt, dass die Hochschulleitung unter dem Eindruck des Briefes tatsächlich eine mildere Strafe verhängte als geplant: Ronell ist für ein Jahr ohne Bezüge beurlaubt worden; nach ihrer Rückkehr werden ihre Beratungsgespräche mit Studenten in einem überwachten Setting stattfinden.

Fixe Idee der intellektuellen Mutterschaft

Durch permanente verbale Zudringlichkeiten hat Ronell nach Überzeugung der Universität ihrem Doktoranden das Recht auf freies Lernen geraubt. Die (wenigen) von Reitman behaupteten körperlichen sexuellen Übergriffe stuft der Bericht als unbewiesen ein, ebenso die Vorwürfe des Stalkings und der Vergeltung. Ronells Empfehlungsbriefe für Reitman seien nicht unpersönlicher als die für andere Absolventen. Außenstehende dürfte verblüffen, dass die Universität den Tatbestand des Stalkings nicht für verwirklicht hält. Reitman hatte sich in Person oder am Telefon pausenlos zu Ronells Verfügung zu halten, um ihre ausdrücklich formulierten emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Die Universität verweist darauf, dass diese Kommunikation durch die Doktorarbeit veranlasst gewesen sei.

Ronell sieht sich verraten, nicht von einem Geliebten, sondern von einem Intimus, mit dem sie in einem konsensualen Rollensprachspiel verbunden gewesen sein will. Auch die Klageschrift spricht von einem „fiktiven“ romantischen Verhältnis, das Reitman aber von Ronell aufgenötigt worden sei. Tatsächlich könnte sich die Professorin darauf berufen, dass auch E-Mails, die eindeutig ins Genre des Liebesbriefs fallen, das Thema der Dissertation berühren. Einmal versuchte Ronell zu klären, wie eine Absprache über Umgangsregeln, die Reitman in bestimmten Stunden ihre Anrufe ersparen sollten, zu verstehen war: doch wohl als Übergang zu „einer unterschiedlichen, lebhafteren Tonalität – weniger Lamentation!“ Die musikalische Gattung der Lamentation ist das Sujet der Doktorarbeit – und in bewährter dekonstruktivistischer Manier erkundet Reitman dort die Unmöglichkeit der Wahrhaftigkeit in stilisierter, ebenso auf Übertreibung wie auf Selbstdisziplinierung ausgelegter Klangrede.

Bei anderer Gelegenheit ließ Ronell Reitman wissen, dass sie es ja eigentlich für vernünftig halte, ihren Kontakt zu ihm der Beschränkung durch ein Über-Ich zu unterwerfen. „Aber dann beginnen die Kleinen im Kopf ihr Lamento.“ Ihre inneren Stimmen sind gemeint, die man sich auch als Kinderchor vorstellen kann. Einmal bekam Reitman von Ronell zu lesen, sie sei „ihm, uns und unserer Tochter“ ergeben – beim gemeinsamen Kind handelt es sich wohl um die Doktorarbeit. Reitman behauptet im Kittler-Aufsatz, dass für Nietzsche in seiner Freundschaft zu Paul Rée die intellektuelle Mutterschaft eine fixe Idee gewesen sei. Reitman ist mit einem Mann verheiratet, Ronell bestimmt ihre Orientierung als queer. Beider Familienhintergrund ist jüdisch. Es verwundert, dass Ronell in ihren öffentlichen Einlassungen noch nicht das Rollenmuster erwähnt hat, das zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau auch die körperliche Identität erlaubt. Es mache ihr nichts aus, mit wem er liiert sei, denn sie bleibe sowieso die einzige Königin [„queen“] in seinem Leben – mit diesem Exempel für ihren im Brief der Unterstützer gepriesenen „scharfen Witz“ bewarb sich Ronell bei Reitman um den Part der jüdischen Ersatzmutter. Der Titel von Reitmans ungedruckter Dissertation ist „On the Serious Motherhood of Men: Dissonance in Music, Rhetoric and Poetry“.

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