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Zum Tod von Albrecht Wellmer : Dialogisches Denken der besten Art

  • -Aktualisiert am

Albrecht Wellmer, 1933 bis 2018 Bild: Bergmann, Wonge

Zusammen mit Jürgen Habermas öffnete er die Kritische Theorie für neue philosophische Impulse seiner Zeit. In seinen späten Werken dominierte die Sprachphilosophie. Zum Tod von Albrecht Wellmer.

          Es gibt Philosophen, die alles, was sie zu sagen haben, in ihren Schriften niederlegen, und solche, deren Werke, sosehr sie Texte eigenen Rechts darstellen, Zeugnisse einer unermüdlichen Dialogfähigkeit sind, die sich mit dem Buchstaben des geschriebenen Worts – und sei es des eigenen – weder beruhigen kann noch will. Zu den Letzteren gehörte Albrecht Wellmer. Wer ihn kannte, begegnete einem sokratischen Temperament, dessen intellektuelle Energie ihre Quelle in einer Unfähigkeit zu dogmatischen Festlegungen hatte, gepaart mit der Gabe, bei der Behandlung philosophischer Fragen gleich welcher Art stets die dissidente Stimme der Künste im Ohr zu haben.

          Wellmer studierte zunächst Mathematik, Physik und Musik in Berlin und Kiel, anschließend Philosophie und Soziologie in Heidelberg und Frankfurt am Main. Nach Wanderjahren in Frankfurt, Toronto und New York war er von 1974 bis 1990 Professor für Philosophie an der Universität Konstanz und dann bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 an der Freien Universität Berlin, unterbrochen von Gastspielen unter anderem in New York, Paris und in Amsterdam. 2006 wurde er mit dem Adorno-Preis der Stadt Frankfurt geehrt.

          Zusammen mit Jürgen Habermas war Wellmer maßgeblich an der Öffnung der Kritischen Theorie für die Impulse der angelsächsischen und auch der französischen Philosophie beteiligt, ohne dabei die Produktivkraft der älteren Frankfurter Tradition zu verleugnen. Als einer der ersten hat er die weitreichenden Affinitäten im Denken Adornos und Wittgensteins erkannt. Seine Version einer Kritik der Verständigungsverhältnisse kommt ohne den Vorgriff auf einen utopischen Zustand und ohne sachfremde Idealisierungen aus.

          Kein Verständnis ohne die Künste

          Im Namen eines „Pragmatismus ohne regulative Ideen“ plädieren seine Beiträge zur Moralphilosophie und politischen Theorie für eine robuste Auffassung praktischer Rationalität und demokratischer Partizipation, die dem prozessualen Charakter normativer Ordnungen und Orientierungen gerecht zu werden versucht. Seine 1985 publizierten Essays „Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne“ führen vor, wie die „Häutungen“ der Moderne im Geist einer selbstkritischen Aufklärung ohne relativistische und fatalistische Konsequenzen vollzogen werden können – oder doch könnten.

          Wellmers spätere Schriften haben ihr Zentrum in einer Philosophie der Sprache, welche die üblichen Verengungen derselben systematisch unterläuft. Sie begnügt sich nicht mit einer „Bedeutungstheorie“, die sich an dem Paradigma einer bereinigten „Standardform“ der Rede orientiert, der gegenüber sich aller sonstige Sprachgebrauch als vermeintlich „parasitär“ erweist. Vielmehr werden sprachliche Geltungsorientierung und Welterschließung aus der Fülle und wechselseitigen Abhängigkeit ihrer vielfältigen Konstellationen bedacht.

          In diesem nichthierarchischen Gestus bringen Wellmers Bücher „Sprachphilosophie“ (2004) und „Wie Worte Sinn machen“ (2007) den Pragmatismus, die analytischen Philosophie, die hermeneutische Tradition und ihre dekonstruktive Kritik in ein beständiges Gespräch, in dem nicht eine der Parteien das letzte Wort behält – dialogisches Philosophieren der besten Art. Am Leitfaden des Nachdenkens über Sprache ergibt sich so eine Philosophie des Geistes, die auch und gerade die nichtsprachlichen Weltverhältnisse des Menschen im Blick behält.

          Wellmers ausgreifender, nahe am musikalischen Material durchgeführter Versuch über „Musik und Sprache“ (2009) mündet dergestalt in die radikale These, dass man gar nicht versteht, was die aus Worten und Sätzen gebildete Sprache ausmacht, wenn man nicht ihre Korrespondenzen mit den „intermedialen Potentialen“ der Künste erkennt. Am 13. September ist Albrecht Wellmer im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben.

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