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Wissenschaftsaustausch : Kulturelle Netze wachsen langsam

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Innenhof des Deutschen Historischen Instituts in Paris Bild: DHIP

Wenn Diversität mehr als eine Parole sein soll, braucht Deutschland starke Auslandsinstitute. Nur so können die Geisteswissenschaften dazu beitragen, kulturelle Gegensätze zu überwinden. Ein Gastbeitrag.

          Die Welt scheint aus den Fugen. Hoffnungen auf ein baldiges „Ende der Geschichte“ oder eine dauerhaft friedliche Weltordnung, die 1989 mancherorts gehegt wurden, haben sich nicht einmal dreißig Jahre später als vorschnell erwiesen. Stattdessen sind lang erledigt geglaubte Gegensätze zwischen Staaten, Kulturen und politischen Systemen mit Vehemenz aufgebrochen. Die kulturellen Differenzen, die dabei aufscheinen, werden häufig hinter dem Schlagwort Diversität versteckt und als reale Probleme ignoriert. Die Geistes- und Sozialwissenschaften, die sich genau dazu differenziert äußern sollten, stehen unter dem Druck, Forschungsergebnisse schnell umzusetzen. Im Bereich der internationalen Beziehungen brauchen wir jedoch Expertise, um das, was bei unseren Nachbarn und in fernen Kulturen geschieht, wahrhaft zu begreifen. Solche Expertise entsteht nicht kurzfristig, sondern muss langsam wachsen.

          Glücklicherweise verfügt Deutschland über ein Netz von geistes- und sozialwissenschaftlichen Auslandsinstituten. Diese Institute operieren unter dem Dach der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Max Weber Stiftung. Sie betreiben Forschung zu Geschichte, Kultur und Gesellschaft in ausgewählten Ländern. Als Vermittler zwischen den Kulturen vertreten sie dort den Wissenschaftsstandort Deutschland und stellen ihm ihre Kompetenz und Infrastruktur zur Verfügung. Ihre hohe Reputation verdanken die Auslandsinstitute nicht nur ihren Forschungsergebnissen, sondern auch den gewachsenen Beziehungen zu Kollegen in den gastgebenden Ländern. Das bezeugen unabhängige Wissenschaftler, die alle Institute in den vergangenen sieben Jahren besucht haben.

          Brückenbau auf informeller Ebene

          Die Auslandsinstitute sind eine bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte. Dem Deutschen Historischen Institut in Rom, das schon im neunzehnten Jahrhundert eingerichtet wurde, folgte in den ersten drei Jahrzehnten der Bundesrepublik je eine Institutsgründung, in den achtziger und neunziger Jahren waren es jeweils zwei, in der ersten Dekade des neuen Milleniums kam es zu den beiden bisher letzten Neugründungen. Sie alle orientierten sich an dem Nachkriegsgedanken, dass Deutschland seine Beziehungen zu bestimmten Ländern verbessern müsse.

          Die Bedeutung der Institute für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland ist gerade in Fächern leicht zu erkennen, die es mit schwer zu erlernenden Sprachen wie dem Japanischen oder dem Türkischen zu tun haben. In diesen Fächern ist ein mehrjähriger Forschungsaufenthalt an einer deutschen Institution im Land ein unschätzbarer Vorteil. Bei aller zwingend notwendigen disziplinären Expertise kann sich jedoch kein Geisteswissenschaftler mehr leisten, die globalen Folgen dessen, was er erforscht, außer Acht zu lassen. Darum müssen Wissenschaftler zusammenarbeiten.

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          Geisteswissenschaftler bauen auf informeller Ebene lokale Brücken, wo bilaterale politische Beziehungen getrübt sind. Wenn zum Beispiel das Deutsche Historische Institut in Moskau Wehrmachtsakten aus russischen Archiven digitalisieren darf, dann geschieht dies, weil es auf lokaler Ebene gelungen ist, Vertrauen zu russischen Behörden aufzubauen. Ohne ein Institut vor Ort wäre das nie geschehen.

          Kultureller Austausch braucht Zeit und Tiefe

          Gerade deshalb ist es bedenklich, dass die positive Dynamik, von der die Max Weber Stiftung im ersten Jahrzehnt nach ihrer Gründung 2002 noch getragen wurde, ins Stocken geraten ist. Bei nahezu gleichbleibenden Haushaltszahlen engen heute kräftig steigende Personal- und Mietkosten an allen Standorten die wissenschaftlichen Gestaltungsspielräume der Stiftung ein. Das passt nicht zu einer globalisierten Welt, in der sich die Kräfteverhältnisse auch in der Wissenschaft mit zunehmender Geschwindigkeit verschieben. Neben der aufstrebenden Großmacht China sind Indien, Lateinamerika, aber auch Afrika zu Partnern und Konkurrenten geworden, mit denen die Wissenschaftsnation Deutschland viel enger zusammenarbeiten müsste.

          Die Max Weber Stiftung hat dem Rechnung getragen, indem sie 2016 die Gründung neuer Kleinstaußenstellen in Indien und in China beschlossen hat, Letzteres durch eine richtungweisende Kooperation mit einem französischen Partner. Das Deutsche Historische Institut in Paris konnte aus eigenen Mitteln der Stiftung in Dakar tätig werden und mit afrikanischen Partnern eine Forschungsgruppe gründen. Solche Forschungsgruppen sind ein bei den Instituten begehrtes Instrument der Wissenschaftsförderung, das die Stiftung auch für andere Standorte benötigen würde. Doch dafür fehlen die Mittel.

          Der Vergleich mit anderen Ländern zeigt, welchen Aufholbedarf die deutschen Geisteswissenschaften bei ihrer globalstrategischen Ausrichtung haben. Großbritannien hat über die British Academy Auslandsinstitute ebenso wie Japan, die Niederlande, Schweden und weitere Länder. Frankreich unterhält über die Instituts français de recherche à l’étranger und die Écoles françaises à l’étranger mehrere Institute in Südostasien, Indien, Afrika und Südamerika, und auch das Council of American Overseas Research Centers ist in viel mehr Ländern aktiv als wir. Deutschland sollte Teile des Geldes, das es für internationale Kooperationszwecke verteilt, verstärkt dafür ausgeben, sich im Wissenschaftsbereich vor Ort zu engagieren, und das nicht nur über administrative Repräsentanzen, sondern durch die dauerhafte Entsendung von Wissenschaftlern.

          Ein Grund dafür, dass der Ausbau deutscher Wissenschaftsinstitute im Ausland ein Ende erreicht zu haben scheint, ist die Projektförderung, die immer stärker an die Stelle von institutionalisierter Forschung tritt. Gegen kompetitiv eingeworbene Kollegprojekte, wie sie im Augenblick an neuen Orten geplant sind, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil: An bestimmten Standorten mit schwächer ausgeprägten wissenschaftlichen Strukturen mögen punktuelle Interventionen geeignet sein. Solche befristeten Projekte sollten aber nicht zu Lasten der klassischen und selbstbestimmten Forschung gehen. Große Kulturräume wie China oder Indien können mit Projekten nicht in historischer Tiefe und gesellschaftlicher Breite erforscht werden. Das eigentliche Ziel von Auslandsinstituten ist, Teil der Gesellschaft ihrer Gastgeberländer zu werden. Ohne die damit verbundene Ernsthaftigkeit würde sich eine aus Kolonialzeiten überkommene Weltordnung verfestigen: hier starke Strukturen in den alten Industrienationen, dort jederzeit kündbare Projekte zu vorbestimmten Themen in aufstrebenden Weltregionen.

          Eine Wissenschaftspolitik, die Respekt vor den Ländern des sogenannten „Globalen Südens“ zeigt, muss bereit sein, dort neue dauerhafte Strukturen zu schaffen. Dafür brauchen wir das Vertrauen der Zuwendungsgeber. Wissenschaft funktioniert dort am besten, wo sich die besten Forscher ohne thematische Vorgabe den zentralen Themen der Länder und Regionen widmen können. Gleichzeitig müssen Nachwuchswissenschaftler in die Lage versetzt werden, mit einer mehr als kurzfristigen Perspektive weltweit vertrauensvolle Partnerschaften aufzubauen. Mit den Auslandsinstituten können wir daran arbeiten, dem Aufbrechen identitärer Gegensätze in dieser Welt entgegenzutreten, und gleichzeitig das Potential der weltweit geachteten deutschen Geisteswissenschaften optimal nutzen.

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