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Deutsch als Fremdsprache : Preiswerte Integrationsdienstleister

  • -Aktualisiert am

Sprachunterricht an der Universität Potsdam Bild: dpa

Die Absolventen von Deutsch als Fremdsprache sind als Integrationshelfer gefragt. Die Politik erwartet viel von ihnen – ohne Gegenleistung.

          Wie unterschiedlich die muslimische Massenmigration in Deutschland auch beurteilt wird, Einigkeit besteht in der Überzeugung, dass das Erlernen der deutschen Sprache für die Integration der Flüchtlinge mindestens so wichtig ist wie die Einbindung in den Arbeitsmarkt. Das Goethe-Institut, das sich wie zahlreiche andere Einrichtungen beim Bamf um Fördermittel im Volumen von einer Million Euro für „Modellprojekte zur Schulung ehrenamtlicher Sprachbegleiter“ bewarb, verlautbarte dazu pathetisch: „Die Sprache ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe.“ Und Katrin Gildner, die als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache (DaF) mit ihrem Blog „Sprache ist Integration“ Ehrenamtliche ermuntern möchte, Flüchtlingen als Sprachlehrer zur Seite zu stehen, appelliert gar: „Lasst uns die Neuankömmlinge willkommen heißen, indem wir ihnen den Schlüssel reichen.“

          Zwar ist evident, dass Kenntnisse der Sprache des Ziellandes nicht nur unabdingbar im neuen Lebensalltag von Flüchtlingen sind, sondern auch Kontakte außerhalb der jeweiligen ethnischen Gruppe ermöglichen und den Abbau kultureller Vorurteile begünstigen. Der Idealismus, mit dem die Bedeutung der Sprache für die Flüchtlingsintegration von deutschen Bildungsinstituten und ihren Helfern hervorgekehrt wird, sagt jedoch weniger etwas über die Integrationsleistung von Sprache als über die ökonomische Desintegration der Sprachbegleiter aus. Als „Sprachbegleiter“ oder „Sprachhelfer“ bezeichnet Annegret Middeke, Geschäftsführerin des Fachverbandes Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Ehrenamtliche und Freiberufler, die Flüchtlingen Sprachunterricht geben, um sie von fachlich ausgebildeten Sprachlehrern zu unterscheiden. Indessen ist die Grenze zwischen beiden Gruppen, auf deren Differenz Middeke beharrt, seit 2015 vom Bamf durch Änderungen der Zulassungsordnung für Lehrkräfte in Integrationskursen gezielt verwischt worden, um schnell und unkompliziert zusätzliche Lehrkräfte anwerben zu können. Mittel hierzu waren vor allem die Ausweitung der Möglichkeiten von Zusatzqualifikationen sowie die Aufweichung des Unterschieds zwischen DaF und DaZ (Deutsch als Zweitsprache).

          Planlos rekrutiertes Lehrpersonal

          Im System der Sprachlehrerausbildung bezeichnet DaF solche Studiengänge, bei denen Schüler und Studenten in ihrem Herkunftsland eine Fremdsprache bei Lehrern aus dem jeweiligen Zielland lernen. Ein Beispiel sind französische Studenten, die in Frankreich bei einer deutschsprachigen Lehrerin Deutsch lernen, wobei unterrichtsbegleitende Aufenthalte in Deutschland üblich sind. DaZ-Studenten hingegen lernen ihre Fremdsprache im Zielland. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise Franzosen, die in Deutschland studieren oder eine Ausbildung machen und begleitend Sprachkenntnisse erwerben oder vertiefen wollen. DaF-Studiengänge sind institutionell und curricular meist enger ans akademische Studium gebunden, DaZ-Studiengänge stärker alltagsorientiert.

          Sprachbegleitung für Migranten gehört dieser Arbeitsteilung gemäß in den Aufgabenbereich von DaZ-Lehrern. Doch selbst diese sind für den Sprachunterricht für Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder Irak tatsächlich nur dann qualifiziert, wenn sie durch Spezialisierung oder praktische, etwa sozialarbeiterische oder therapeutische, Zusatzausbildungen im Umgang mit Gruppen geschult sind, die von der Fachterminologie euphemistisch „lernungewohnte Lernende“ genannt werden. Zahlreiche Berichte über mangelhaft kontrollierte Präsenz, schlechte Unterrichtsstandards und hohe Abbruchquoten in den obligatorischen Sprachkursen für Flüchtlinge haben in den vergangenen Jahren deutlich gemacht, wie schlecht das oft planlos rekrutierte Lehrpersonal auf die neue Lage nach der Grenzöffnung 2015 vorbereitet war.

          Entwertung eines Berufsfeldes

          Statt die Heterogenität der DaF- und DaZ-Lehrer, zu denen hochqualifizierte Dozenten ebenso wie Ehrenamtliche und Teilzeitkräfte zählen, zum Ausgangspunkt systematischer Professionalisierung zu machen, hat das Bamf ab Sommer 2015 die Entwicklung eines chaotischen Nebeneinanders von Integrationskursen befördert, die den Staat zwar weniger kosten, aber weder den Lehrern noch den Kursteilnehmern Vorteile bringen. Der seit 2005 für Leiter von Integrationskursen ohne DaF- oder DaZ-Studium verbindliche Nachweis von Zusatzqualifikationen oder langjähriger Berufserfahrung kann seit 2015 dank der Änderung der Bamf-Richtlinien wesentlich leichter erbracht werden als zuvor. Seither können gering qualifizierte Personen ohne Hochschulabschluss, Bewerber, die ihre Zusatzqualifikation berufsbegleitend erworben haben, fachfremde Akademiker, aber auch Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen, pensionierte Lehrer oder Kriminalbeamte sich mit Erfolgsaussichten als Sprachbegleiter bewerben. Die Konkurrenz unter den Kursanbietern in freier Trägerschaft führt in Verbindung mit dem ehrenamtlichen Engagement zu einer Entwertung des gesamten Berufsfeldes.

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