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Esten lernen Deutsch : Das leidige deutsche H

Stadt der Grenzjäger: Im Osten Estlands, in Narva, ist Russland ganz nah. Bild: SZ Photo/Andreas Bastian/Caro

In Estland ist Deutsch nach Englisch unter Schülern die beliebteste Fremdsprache – ein Drittel von ihnen erreicht ein so hohes Niveau, dass sie danach in Deutschland studieren dürften.

          Für die russischsprachigen Schüler in Narva war das Sommerlager in Aachen ein besonders schönes Erlebnis. Sie kommen aus dem Nordosten Estlands, direkt an der russischen Grenze, wo ein Plattenbau neben dem anderen steht. In der Aula ihrer Schule berichten die Schüler artig von ihren Erlebnissen in Deutschland, von neuen Freunden aus vielen Ländern, von gemeinsamen Fußballspielen und vom Deutschsprechen im Alltag. Nur mühsam lassen sie sich dazu bewegen, auch von weniger rosigen Seiten des Sommerlagers im Rahmen der Pasch-Initiative zu berichten. „Na ja – es gab jeden Tag Kartoffeln“, sagt schließlich einer etwas gequält.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Diana erzählt, dass sie mit Befürchtungen zum Kurs gefahren sei, aber nach zwanzig Tagen in ihrer Alltagssprache viele neue deutsche Wörter durch tägliche Anwendung gelernt habe. Mit dem leidigen deutschen H und seiner Aussprache haben die russischsprachigen Schüler dennoch ihre liebe Mühe. Sie waren nicht nur an einem Musik-Workshop und der Produktion eines eigenen Liedes beteiligt, sondern waren auch als Redakteure bei der Schülerzeitschrift „Klick“ dabei und haben über die estnischen Wahlen berichtet, die digital stattfinden. Schon 16 Jahre alte Jugendliche sind zur Wahl zugelassen. Alina, eine Schülerin der Schule in Narva, gewann überdies bei einem Fotowettbewerb den ersten Preis und konnte an einem deutschen Foto-Workshop bei einer professionellen Fotografin teilnehmen. In den Jahren 2015 bis 2017 hat die Schule sich mit anderen Schulen aus Deutschland, Bulgarien, Tschechien und Holland am Projekt „Europa – Ein Unternehmen wächst zusammen“ beteiligt. Das Ergebnis ist ein Kochbuch mit ländertypischen Rezepten der teilnehmenden Länder in der jeweiligen Landessprache.

          Deutschlernen ist auch in Estland nicht die erste Wahl, wohl aber die zweite. Es steht jedoch in harter Konkurrenz zum Spanischen, das inzwischen viele Esten bevorzugen. Wer sich für Deutsch entscheidet, besucht häufig die vom Goethe-Institut betreuten Pasch-Schulen im Land. Pasch steht für die Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“. Wohl wissend, dass sich die Anzahl der Auslandsschulen allein aus finanziellen Gründen nicht grenzenlos erweitern wird, hat das Auswärtige Amt vor zehn Jahren gemeinsam mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, dem Goethe-Institut, dem Pädagogischen Austauschdienst (PAD) des Sekretariats der Kultusministerkonferenz und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) die Initiative ins Leben gerufen, um in den nationalen Bildungssystemen Deutsch als Fremdsprache zu festigen.

          Große Sprünge können sie damit nicht machen

          Inzwischen sind die Pasch-Schulen zum Erfolgsmodell geworden, das sich europäische Nachbarstaaten wie Frankreich zum Vorbild nehmen. Das Goethe-Institut unterstützt die von ihm betreuten 600 der insgesamt 1800 Pasch-Schulen darin, Deutsch als Schulfach einzuführen oder auszubauen. Auch das Goethe-Institut in Tallinn bietet den beiden von ihm betreuten Pasch-Schulen in Estland regelmäßige Fortbildungen für Lehrer an, stattet die Schulen mit Lehr- und Lernmaterial sowie landeskundlichen Unterlagen aus. Es gibt auch spezielle methodisch-didaktische Fortbildungen sowie Stipendien für Sprachkurse in Deutschland für Lehrer. Das ist in Estland vor allem deshalb wichtig, weil die Sprachlehrer bisher nicht verpflichtet sind, während des Studiums in das Land ihrer Zielsprache zu gehen. Die sprachlichen Jugendprüfungen werden den Deutschschülern zu einem reduzierten Preis mit einer Eigenbeteiligung in Höhe von zwanzig Prozent angeboten. Für die Schüler gibt es jedes Jahr Jugendsprachkurse in Deutschland, die danach in einer Online-Community weiter miteinander in Kontakt bleiben können.

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