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Technikjurist Martin Führ : Der Vorwärtsdenker

  • -Aktualisiert am

Martin Führ betreut an der Hochschule Darmstadt interdisziplinäre und praxisnahe Projekte. Bild: Marcus Kaufhold

Angesichts der aktuellen Klimadebatte sieht der Technikjurist Martin Führ die Hochschulen in der Pflicht. In Darmstadt will er junge Reformer ausbilden.

          Europaweit boykottieren junge Menschen derzeit freitags den Unterricht, um mehr Klimaschutz zu fordern. „Die Schüler wollen das Gefühl haben, einen Beitrag zu leisten“, sagt Martin Führ. Der Professor für Umwelt- und Technikrecht der Hochschule Darmstadt versteht das gut. Viele Jahre hat er für das Darmstädter Öko-Institut gearbeitet, sich als Student für Umweltpolitik engagiert und im Asta Rechtsberatung angeboten.

          Angesichts der aktuellen Klimadebatte sieht der Jurist die Hochschulen in der Pflicht. „Wir sollten unsere Studierenden fachlich und methodisch für die nötigen Veränderungen in der Wirtschaft und Politik ausbilden“, findet der Sechzigjährige. Es gehe darum, Potential für Reformen zu vermitteln statt abrufbares Wissen. „Lehre muss motivierend sein, nach vorne denken. Viele Studieninhalte sind heute noch zu stark von der Vergangenheit geprägt“, meint Führ, der im VW-Abgasskandal als juristischer Sachverständiger für den Bundestag tätig war.

          Wie eine veränderte Lehre aussehen könnte, das zeigen praxisorientierte Projekte, die Führ begleitet. Die Hochschule Darmstadt sei in dieser Hinsicht Vorreiterin, sagt er. Schon seit vielen Jahren müssen dort Studenten der ingenieur- und naturwissenschaftlichen sowie gestalterischen Studiengänge vom ersten Semester an auch soziale und kulturwissenschaftliche Fächer belegen. Zum Wahlpflicht-Angebot gehören Vorlesungen in Soziologie und Psychologie ebenso wie ein Philosophiekurs über Technikfolgen-Abschätzung oder ein juristisches Seminar über Umwelt- und Technikrecht.

          Konkrete Praxisprojekte

          Die verordnete Interdisziplinarität komme gut an, meint Führ. „Viele machen mehr, als sie müssen, weil sie auf den Geschmack kommen.“ Der Professor ist sich sicher, dass es gerade diese begleitenden Fächer sind, die später neben dem Fachwissen die Karriere fördern. Genau das reizt auch ihn selbst an seiner Arbeit in der Hochschule.

          Der gebürtige Hamburger hat den Blick auf die Nachhaltigkeit gelenkt. Er hat in der Initiative „Nachhaltige Entwicklung in der Hochschule Darmstadt“ mitgearbeitet, die nach ihrer Gründung 2016 ein Lehrkonzept erarbeitete, das Ringvorlesung und Begleitseminar umfasst. Dabei geht es um konkrete Praxisprojekte. So haben unlängst interdisziplinäre Studentengruppen dem Darmstädter Oberbürgermeister Vorschläge für ein modernes Parkkonzept und eine Mülltrennungs-App unterbreitet oder sich darüber Gedanken gemacht, wie Bürger in heißen Sommern bei der Bewässerung des Stadtgrüns helfen können. Studierende arbeiten in den Projekten nicht nur für den Professor, sondern erleben direkt, wie ihre Vorschläge ankommen und sogar verwirklicht werden. „Das motiviert. Die meisten arbeiten begeistert viele Stunden mehr als gefordert“, stellt Führ fest. Das Studienprogramm ist preiswürdig. Im Unesco-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erhielt die Hochschule Darmstadt dafür eine Auszeichnung.

          Auch der Masterstudiengang „Risk Assessment and Substainability Management“ setzt auf Nachhaltigkeit und Praxis. Wirtschaftswissenschaftler, Biotechnologinnen, Chemiker oder Textilingenieurinnen kooperieren dabei zwei Semester lang mit Wirtschaftsunternehmen. Dem Unternehmen Tchibo etwa machten die Studenten Vorschläge, wie die Wirkung von Nachhaltigkeitsbemühungen in den Anbauländern gemessen werden kann. Für einen Automobilzulieferer entwickelten sie neuartige Sitze, für einen Bergsportausrüster Vorschläge, wie sich die Lieferkette aus Asien optimieren lässt, und beim Autohersteller Nissan ging es um das Chemikalien-Management. Die meisten studentischen Ideen wurden sofort in die Tat umgesetzt, einige kamen so gut an, dass die Studenten ein Start-up-Unternehmen gründeten und nun Aufträge gegen Entlohnung bearbeiten.

          Viele Firmenkontakte kommen über die „Sonderforschungsgruppe Institutionsanalyse“ zustande, die Martin Führ vor 20 Jahren an der Hochschule Darmstadt mitbegründete. Er ist überzeugt, dass diese Form der Lehre erfolgreicher und vielseitiger ist: „Die Studierenden lernen mehr und machen bessere Abschlüsse.“

          Der Professor ist nicht der Einzige, der das so sieht. In Gründung ist ein Arbeitskreis für das Unesco-Programm, in dem sich alle hessischen Hochschulen zusammenschließen und über Nachhaltigkeitskonzepte austauschen wollen. Schließlich sind die Schülerdemonstranten von heute die Studenten von morgen.

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