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Identität und Weltbürgertum : Es bleibt in der Familie

  • -Aktualisiert am

Kwame Anthony Appiah Bild: Andreas Pein

Als die Eltern des Philosophen Kwame Anthony Appiah heirateten, machten sie weltweit Schlagzeilen. Wenn der Sohn seinen Begriff des Weltbürgertums entwickelt, fängt er immer in seiner Kindheit an.

          Gerne erzählt Kwame Anthony Appiah von seinen Eltern. Der Philosoph inszeniert sich in seinen Büchern, Artikeln und Kolumnen mit Vorliebe als Kosmopolit und propagiert ein Weltbürgertum, für das nicht Nationalität oder „Rasse“ zählen, sondern Bürgerrechte. Und dabei betont er den großen Einfluss seines Elternhauses auf diese Geisteshaltung. Sein Vater Joe Appiah gehörte zu den wichtigsten Politikern Ghanas (der damaligen Goldküste). Er kämpfte für die Unabhängigkeit dieser britischen Kolonie und verschrieb sich zugleich dem Panafrikanismus und dem Ideal der Vereinten Nationen. Als Jurastudent in London lernte er Peggy Cripps kennen, Tochter des Labour-Politikers Stafford Cripps und auch mit den Sozialreformern Beatrice und Sidney Webb verwandt. Die Hochzeit des afrikanischen Nationalisten und der Tochter aus höchsten britischen gesellschaftlichen Kreisen erregte 1953 weltweite Aufmerksamkeit und diente, wie Anthony Appiah jetzt einem sichtlich beeindruckten Publikum in Princeton darlegte, als Inspiration für den Oscar-prämierten Hollywoodfilm „Rat mal, wer zum Essen kommt“ mit Spencer Tracy und Sidney Poitier.

          Appiah war aus New York, wo er an der New York University unterrichtet, nach Princeton zurückgekehrt, wo er bis 2014 als Universitätsprofessor wirkte. In der Buchhandlung „Labyrinth Books“ stellte er sein neuestes Buch vor, das sich, hervorgegangen aus den von der BBC organisierten Reith Lectures, wie einige seiner früheren Publikationen dem Thema der Identität widmet („The Lies That Bind: Rethinking Identity“, W.W. Norton, New York 2018). Sogleich begann er mit Episoden aus seiner Familiengeschichte. Als sein Vater starb, hätten die Kinder einen Zettel mit der Mahnung geerbt: „Vergesst nicht, dass ihr Weltbürger seid.“ Sie hätten sich in vielen Loyalitäten zu Hause gefühlt. „Unsere Zugehörigkeit, das war Ashanti, Ghana, Afrika, aber es war auch England, die methodistische Kirche und die Dritte Welt.“ Das Privileg der Klasse, konzedierte der Autor, könne eine schützende Funktion ausüben. Unsere Identitätsbildung beginne aber typischerweise in der Familie.

          Sortiment von Konzepten und Theorien

          „Wir werden nicht ohne Identitäten auskommen“, erklärte Appiah den zahlreichen Anwesenden, „aber wir müssen sie besser verstehen, wenn wir sie umgestalten und uns von falschen Annahmen über sie befreien wollen, die oft schon mehrere hundert Jahre alt sind.“ Für einen solchen Versuch sei es höchste Zeit, da wir nun mit sieben Milliarden Menschen auf einem kleinen, sich erwärmenden Planeten lebten und der kosmopolitische Impuls, die gesamte Menschheit im Blick zu haben, nicht länger Luxus, sondern eine Notwendigkeit darstelle.

          Fünf Elemente moderner Identität stehen im Mittelpunkt des neuen Buches: religiöser Glaube, Land, Klasse, Hautfarbe und Kultur. In diesen Bereichen, hob er hervor, verfielen wir irrtümlicherweise der Annahme, dass es im Kern jeder Identität eine tiefe Gemeinsamkeit gebe, welche die Menschen jeweils zusammenbinde. „Falsch, ganz falsch“, rief er. Spezifische Konzepte von Identität seien immer auf Sand gebaut und in einigen Fällen lediglich pure Illusion.

          Appiah ist ein glänzender Schreiber und auch ein guter Redner, der gelegentlich freilich ins Banale abdriftet. Philosophen, erläuterte er, tragen zu öffentlichen Diskussionen über Moral und politisches Leben nicht dadurch bei, dass sie ihrem Publikum erklärten, wie es zu denken habe, sondern indem sie ein Sortiment von Konzepten und Theorien bereitstellten, die zum Selbstdenken anregten. Seine Anregungen, wie etwa über das Konzept „des Westens“ gedacht werden könnte, waren jedenfalls eindeutig. Dessen Bedeutungen seien entweder zwielichtig oder rassistisch. So habe „der Westen“ während des Kalten Krieges das Gegenteil von allem hinter dem Eisernen Vorhang gemeint: Diese zweipolige Weltsicht habe große Teile des Globus ignoriert.

          Die wohl am grimmigsten verteidigte Quelle von Identität sei allerdings weiterhin die Nationalität. Appiah bemühte die nicht unbedingt frische Einsicht, dass erst im neunzehnten Jahrhundert politische Bewegungen nationale Grenzen mit den Identitäten von Menschen in Einklang zu bringen suchten, die vorher vor allem durch Kultur und Sprache definiert waren. Er verwies auf das Beispiel des Schriftstellers Italo Svevo, der 1861 als Sohn eines deutschen Vaters und einer italienischen Mutter in Triest geboren wurde, zu dieser Zeit Teil des Habsburger Reiches, bei seinem Tod jedoch eine italienische Stadt: „ein Bürger eines Landes, der Bürger eines anderen Landes wurde, ohne seine Heimat zu verlassen“.

          Richtig viel Neues brachten die Ausführungen nicht, und auch bei der Lektüre des Buches wird man das Gefühl nicht los, bekannte Einsichten seien mit Blick auf eine gegenwärtige Konjunktur neu zusammengerührt worden. Aus dem freundlich gesinnten Publikum kam die vorsichtige Nachfrage, ob der Kosmopolitanismus à la Appiah nicht ein wenig abgehoben daherkomme. „Wenn jeder Familie ist, ist doch niemand Familie.“ Der Philosoph blieb am Ende uneindeutig. „Identitäten sind der Ursprung von Engagement, Solidarität und Freude, sie können aber auch toxisch sein.“ Er hatte nicht viel darüber zu sagen, wie genau der Rest der Welt zu einem produktiveren Verständnis davon kommen könnte, was unsere Identitäten ausmacht.

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